Das Northern Kingdom und ähnliche Gegenden

Pick-Ups, Trump, Game Of Thrones und das universalistische Bildungsideal

— von Kenneth Anders

Golden Rules in einer Schulausstellung des Landis Valley Museums in Pennsylvania. Man mag man sie für schhlicht halten, aber sie zeugen auf jeden Fall von Herzensbildung.

Golden Rules in einer Schulausstellung des Landis Valley Museums in Pennsylvania. Man mag man sie für schlicht halten, aber sie zeugen auf jeden Fall von Herzensbildung.

In den USA fahren ja wirklich viele von diesen großen Pick-Ups herum. Es gibt sie als dunkle, militärisch anmutende Versionen oder eher in Richtung Agrarvehikel. Ich habe sie mir vor zwei Jahren auf den Straßen im Staat New York genau angesehen. Wir fuhren nach Norden und ich war überwältigt von der Schönheit, die sich mir in der Gegend bot. Die Landschaft ist fein strukturiert und wie in vielen anderen Staaten der Ostküste sieht man an den Straßen schöne, verwitterte Holzgebäude – Scheunen, Mühlen, alte Werkstätten und Tankstellen. Es wird Vieh gehalten und man schraubt an Traktoren herum. Es ist eine Fülle, der man sich hingeben kann. Allerdings ist es eine gefährdete und trügerische Fülle, denn das ländliche Leben gerät, hier wie überall, unter Suburbanisierungsdruck.

Fährt man weiter nach Norden, ändert sich das Bild. Die Gegend sieht karg aus, die Böden scheinen schwieriger zu sein, ich sah feuchte Niederungen, die mich an das Oderbruch erinnerten. Die Siedlungsstrukturen verlieren ihre Lieblichkeit, alles wird herber. Und dann fallen einem diese Pick-Ups erst richtig auf. Es sitzen oft bärtige Männer drin und nicht selten haben sie Aufkleber der National Rifle Association am Auto. Ich stellte mir dann immer vor, dass diese Leute ihre Waffe gleich hinterm Sitz liegen haben. Auch die Häuser verändern ihr Antlitz. Es muss hier schon immer ärmlicher gewesen sein, aber nun fand ich es sogar grimmig. Einige der Blechdächer waren riesengroß mit TRUMP beschriftet. Man soll hier unbedingt sehen, wo der Hammer hängt.

Nun fuhren wir aber nach New Hampshire weiter. Hanover ist ein altes Universitätsstädtchen und an dem hübschen Stadtbild findet man als Europäer schnell Gefallen. Mehr Holz, weniger Blech. Das Dartmouth College ist eine der ältesten Universitäten des Landes. Ich wollte unbedingt die dazugehörige Bibliothek sehen, die von Alice Herdan-Zuckmayer in ihrem Buch „Die Farm in den grünen Bergen“ in leuchtenden Farben beschrieben worden ist. Zuckmayer war in der Nazizeit mit ihrem Mann nach Amerika geflohen und hatte in Vermont eine Farm bewirtschaftet. Und um sich für die harte Arbeit zu belohnen, fuhr sie regelmäßig in die Bibliothek des Dartmouth College zum Lesen. In ihrem Buch beschreibt sie die Schönheit der Universität und das demokratische Bildungsideal, das in jeder gestalterischen Einzelheit zum Ausdruck kommt. Es ging darum, Wissen und Neugier in das Land zu bringen und möglichst viele Menschen daran teilhaben zu lassen. Sie zitiert die Gründungsurkunde der Universität, in der es heißt: „…niemand soll ausgeschlossen werden; welcher religiösen Gemeinschaft er auch angehören möge, so darf ihm die Freiheit, die Privilegien und die Immunität der obengenannten Hochschule nicht versagt werden wegen seiner theoretischen Meinungen in Fragen der Religion oder etwa auf Grund seines Bekenntnisses, wenn es von dem der Leitung und des Kuratoriums der Hochschule abweichen sollte.“ Das hat mich bewegt und ich habe es in den ehrwürdigen Räumen, in ihrer ganzen Anlage und Architektur, durchaus bestätigt gefunden – auch wenn das missionarische Projekt, dass diese neuntälteste Universität der USA hervorgebracht hat, wohl schwer gescheitert ist.

Inzwischen ist der universalistische Bildungsanspruch ja oft als kolonialistisch entlarvt und auch die Bezeichnung „Indianer“ ist einer weit reichenden Kritik unterzogen worden. Es spricht tatsächlich viel dafür, dass die Idee damals – zumindestens hinsichtlich der bereits in der Region lebenden Menschen und ihrer Kulturen – nicht auufgegangen ist. Das ändert aber meines Erachtens nichts daran, dass der Anspruch, eine allgemeine Teilhabe an der gesellschaftlichen Wissensproduktion zu ermöglichen, ein vernünftiger Anspruch ist. Die Idee war gerade, die Gegend ringsherum nicht als Feindesland zu betrachten, das es zu unterjochen galt, sondern gemeinsam eine neue Welt aufzubauen. Was immer es daran heute – etwa an fehlender Perspektivvielfalt – zu kritisieren gilt, den Anspruch halte ich doch immer noch für gerechtfertigt. Und wenn es nun auch hinsichtlich jener Menschen, die nie gefragt wurden, ob sie überhaupt ein Interesse an der Bildung des Westens haben, wirklich kompliziert ist, so stellt sich doch die Frage, ob sich denn das Bildungsangebot der Universitäten wenigstens noch an jene richtet, die in den aktuellen Diskursen mit seltsam rassistischer Merkmalsauslese als „weiß“ bezeichnet werden. Ob es z.B. an die Menschen mit den Blechdächern gerichtet ist? Ich weiß zu wenig über diese Dinge. Aber nach allem, was wir von den dortigen identitätspolitischen Diskursen mitbekommen, kann ich mir das kaum vorstellen. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass Bildung und Wissen in den USA und zunehmend auch bei uns ihren universellen Anspruch verlieren. Man scheint sich eher an einem Kastenmodell zu orientieren, in dem jede Gruppe ihre eigenen Bedingungen, Rechte und Weltanschauungen definiert, wobei man seine Gruppe niemals verlassen kann. Die Menschen in den „verlorenen Gebieten“ scheinen in diesem Modell allerdings gar nicht vorzukommen. Höchstens als eine Art Orks, vielleicht. Jedenfalls hat meines Wissens niemand vor, die Trump-Wähler an die Universitäten zu holen.

In den Straßen von Hanover stehen Laubbäume und es gibt gemütliche Restaurants, in denen man platziert wird, so wie früher in der DDR. Daran war ich zwar nicht mehr gewöhnt, aber Klaus, unser Gastgeber, kannte sich damit aus und er plauderte so leichthin mit der Platzanweiserin, dass man es sich schnell wieder angewöhnen konnte. Nun fragte ich Klaus nach den Pickups, der NRA und den TRUMP-Dächern. Und Klaus erzählte, New Hampshire würde nach Norden hin sein Gesicht ebenfalls verändern. In den peripheren Regionen vieler Staaten würde überwiegend Trump gewählt, man nenne sie sogar „The Northern Kingdom“, weil sie sich von den südlicheren, suburbanen und wohlhabenderen Gegenden abgrenzten. Ich schaute mich in dem schönen Restaurant um und dachte auf einmal, dass diese Stadt mit ihrem universitären und irgendwie linken Flair dann ja geradezu im Feindesland läge.

Im letzten Winter schauten wir uns die Game-Of-Thrones Staffeln an. Da gibt es auch ein Northern Kingdom, in dem die Sympathieträger eines „House of Stark“ die Führung innehaben. Die Menschen dort wollen nicht vom Süden regiert werden und sie haben die tiefe Überzeugung, dass sie selbst für Geradlinigkeit und Aufrichtigkeit stehen, während die Metropole im Süden der Hort des Verrats, des Geldes und der Lüge ist. Und, machen wir uns nichts vor, so wie der Film gemacht ist, fand ich das natürlich auch. Ich hielt zum King of The North.

Wie immer man das nun mit den spritschluckenden Pick-Ups, den Waffen und den Trump-Dächern findet, auf einmal, nach dem Genuss dieser Serie, verstand ich die Leute dort. Ich führte mir noch einmal meine Besichtigung an der Universität vor Augen, in denen so viele feine Menschen unterwegs waren und die heute sozusagen eine Insel ist. Ich will mich nicht zum Richter machen, aber das sind wirklich zwei Welten. Wenn man sie in den Begriffen von Game Of Thrones spiegelt, sieht manches anders aus als vorher.

Vielleicht bringe ich das auch alles durcheinander. Aber als Ostbrandenburger, dessen Gegend ja immer wieder wegen seiner Wahlergebnisse im Gespräch ist, das ein Freund von mir neulich als rassistisch und xenophob bezeichnet hat und das einem ja wirklich manchmal Sorgen machen kann, fand ich es inspirierend, mich zu diesen beiden Welten in Beziehung zu setzen. Da gibt es viele Ähnlichkeiten. Man empfindet hier die Moral der großen Städte als Heuchelei. In den Augen der Leute hier ist es wohlfeil, lauter gute Dinge zu fordern und dennoch so weiterleben zu wollen wie bisher: gut versorgt, immer in der Welt unterwegs, mit unverschämt gutem Einkommen und natürlich ohne Auto, weil man sich das ja mieten kann. Die Leute im Oderbruch bauen ihre Kartoffeln oft noch selbst an, sie können schlachten und helfen sich gegenseitig. Aber alles, was sie können und tun, ist in den Augen der zivilisierten Welt nichts wert. Das sind sterbende Dörfer voller Nazis, und während man bei einer Balkontomate in Berlin begeistert „urban gardening!“ ruft, schaut man auf die Leute auf dem Land herab, weil sie vegan und vegetarisch nicht auseinanderhalten wollen. Sie sind aus den Diskursen, in denen entschieden wird, was wahr und gut ist, herausgeflogen und werden nun behandelt wie renitente Indianer oder eben wie unartige Kinder.

Weiß zufällig noch jemand aus seiner Schulzeit, wie es mit unartigen Kindern geht, die man täglich als unartig tadelt? Sie werden jedenfalls dadurch nicht brav. Erwachsene, die man umerziehen will, wählen zum Beispiel einen Kandidaten, über den sich die anderen möglichst viel ärgern, das gibt ihnen einen Teil ihres Selbstvertrauens zurück. Man redet hier nicht von einem eigenen Königreich, aber es werden eben Gebilde fantasiert, in denen es besser war oder sein müsste oder wäre.

Nun ist es natürlich schade, dass diese Leute auf dem Land, statt sich einen schönen und edlen Jon Snow als King oft the North zu suchen, solche Personen wählen, wie sie hier und dort nun mal gewählt worden sind. Das ist schon aus Stilgründen bedauerlich, wegen der Frisuren und so weiter, von dem ganzen Rest zu schweigen. Aber woran liegt das? Liegt es nicht daran, dass sich keiner von den Guten findet, der den Job machen will? Die Guten, sehen wir einmal von Bernie Sanders in Vermont ab,  sind ja schon weggezogen und zeigen mit dem Finger auf diese Gegenden, aus denen sie auch mal gekommen sind, sie oder ihre Eltern. Neulich trug einer im Politischen Feuilleton des Deutschlandfunks Kultur eine Tirade vor, warum er aus Cottbus weggegangen ist, weggehen musste: Weil die Leute dort alle Nazis sind! Na klar. Nun müssen sich jene, die in Cottbus geblieben sind, weil sie die Welt dort gestalten und freundlicher machen wollen, vor den anderen rechtfertigen, warum sie denn da noch leben, zwischen diesen Menschen. Und wenn man dort schon lebt, dann sollte man die anderen von früh bis spät anklagen, sonst macht man sich verdächtig, einer von ihnen zu sein.

Mir ist nicht klar, warum die Redaktion eines öffentlich-rechtlichen Senders solche Beiträge sendet. Ich habe mich gefragt, was die Menschen wohl denken, die so etwas morgens zum Aufwachen in Cottbus hören, sofern dort überhaupt noch jemand diesen Sender hört. Ich jedenfalls habe kurz überlegt, ob ich mir so einen Pick-Up besorgen und etwas Blödes auf mein Dach malen sollte.

Das habe ich dann aber doch nicht getan. Ich will mich nämlich nicht auf eine Seite drängen lassen. Weder von den einen noch von den anderen. Auch wenn der Platz zwischen den Welten langsam eng wird.