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Ein Dschungelblog über Stadt, Land und die Verunsicherungen in der Sprache

— von Kenneth Anders, Steffen Schuhmann, Tina Veihelmann

In den vergangenen Jahren ist das Reden über das Land fast eine Pop-Sparte geworden. Es gab Romane, Filme, Themenjahre, Konferenzen, eine Menge Zeitungsartikel. Das Land machte als Problemfall  von sich Reden – in der Debatte über ländliche Schrumpfungsprozesse und als Hort von Preppern, AFD-Wählern oder Reichsbürgern. Nicht weniger virulent ist es als Projektionsfläche positiver Phantasien – als Sehnsuchtsort und Fluchtpunkt für Städter, Topos für Landprojekte, Utopia. Man sollte meinen, die Geschichte sei – um es mit einem blöden Journalistenwort zu benennen – langsam auserzählt. Was gibt es dem noch hinzuzufügen? 

Um es kurz zu sagen: Vieles. Mindestens die Hälfte der Geschichte fehlt. Interessant geworden ist das Land aus der Perspektive der Stadt. Fast alles, was gesagt und geschrieben wird, ist Fremdbeschreibung, nicht Selbstbeschreibung. Aus der Perspektive des Lands erscheinen die Landdiskurse oft befremdlich. Eine Menge Wissen fehlt, Erfahrungen, Hintergrund. Im Reden über Stadt und Land zeigt sich vieles, das auf tiefe Probleme unserer Gesellschaft verweist.

Wir rufen einen Blog ins Leben, um die Stadt- und Landperspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen. Drei Menschen, die die eine wie die andere Sphäre in ihren Widersprüchlichkeiten erleben, machen sich auf und fangen damit an. Kenneth Anders, Steffen Schuhmann und Tina Veihelmann. Wir alle befinden uns mit einem oder zwei Beinen auf dem Land, erleben aber auch die urbanen Diskurse und Erlebnishorizonte. 

Die Fremdheit der Perspektiven von Stadt und Land ist zum Synonym für eine Fremdheit geworden, die unsere Gesellschaft sich selbst gegenüber entwickelt. Im wachsenden Druck auf die Sprache, im veränderten Tonfall der Medien und in der Polarisierung des politischen Raums drückt sich eine Unisicherheit der Demokratie aus, die auch uns verunsichert. 

Verunsicherung kann eine gute Triebfeder sein, auf die Suche zu gehen. Dabei möchten wir die Unsicherheit weder mit Bekenntnissen noch mit voreiligen Schulterschlüssen in Schach halten. Vielmehr wollen wir sie zulassen und uns fragend und beschreibend durch das Terrain bewegen. Im Vertrauen auf das gemeinsame Denken, das gerade vom Land aus gut gelingen kann. Provinz ist in der ganzen Welt. Und Provinz ist Teil der Welt. Wir wollen uns umschauen, – in der Welt, hier und dort, an der Oder – oder ganz woanders. 

Die Betreiber dieses Blogs stellen so etwas wie die Kernbesetzung des Schiffchens auf dem medialen Ozean. Nicht nur unsere eigenen Gedanken wollen wir dem Wind aussetzen, sondern regelmäßig auch andere Menschen einladen, sie weiter zu spinnen, eigene zu entwickeln und der Unternehmung Sauerstoff zuzuführen.   

Wir hoffen auf hohen Wellengang. Auf Höhen, Tiefen und Morast. Auf Vertrautes und uns bislang Fremdes. Auf kurze und längere Formen. Auf Erzählungen, Essays und andere Arten des Sprechens. Wichtig ist, dass alles hier Gesagte dem Schreibenden nah und wichtig ist. Dass das Wort frei und die Sprache die eigene ist. Und dass das Denken die Richtung wechseln darf.