Mit den Indianern fühlen

Warum die Ostbrandenburger den Indianern ähnlich sind

— von Tina Veihelmann

Amerika lässt uns nicht los. Vor einer Weile saßen wir bei einer Nachbarsfamilie auf der Terrasse bei Kaffee und selbst gebackenem Butterstreuselkuchen – es war die Zeit, als man noch arglos zusammensaß, sich gegenseitig Kuchenstücke rüberreichte und Kaffee nachschenkte – und sprachen davon. QAnon hatte noch nicht damit begonnen, Brotkrumen zu posten, die seine Bäcker zu einem Brot zusammensetzen sollen. Bill Gates stand noch nicht im Verdacht, die Welt impfen zu wollen. Und so sprachen wir über Themen, die aus heutiger Sicht winzig erscheinen: die Aufgabe von Abkommen, die früher den Weltfrieden sicherten. Amerikanische Truppen in Afghanistan und ähnliche Dinge. Und wie immer, wenn man in Ostbrandenburg an einer Kaffeetafel sitzt und an Amerika herummeckert, hat man sofort das Bedürfnis, auch etwas Positives dagegenzusetzen. Was hat uns Amerika nicht auch alles gebracht? Den Kaffeepappbecher. Den SUV. Die Netflixserie. Na bitte. 

Es wäre ein netter Nachmittag gewesen – aber ohne großen geistigen Ertrag –, hätte Dorita, die Hausherrin, die einen Hang zu steilen Thesen hat, nicht plötzlich gesagt: „Ich halte das alles für Quatsch.“ – „Die Netflixserien?“ – „Nö. Die ewige Behauptung unserer Nähe zu Amerika.“ Schweigen. Abwarten, was die Hausherrin jetzt anbringen will. „Ich meine, wir haben mit den Amerikanern rein gar nichts zu tun“, tut sie uns den Gefallen, auszupacken, „Schon rein genetisch nicht.“ Na aber! Die Töchter der Hausherrin kontern: „Die deutschen Einwanderer. Henry Kissinger. Oder Eisenhower zum Beispiel.“ Ich mache mich mit meinen Vorfahren wichtig, die in mütterlicher Linie urgroßmütterlicherseits bei Posen wohnten und in den schweren Zeiten alle in die Neue Welt auswanderten. Um ein Haar hätte es mich gar nicht gegeben, wäre nicht mein Urgroßvater Paul Strek Eisenbahner gewesen und hätte in letzter Sekunde entschieden, doch lieber zu Hause und im Staatsdienst zu bleiben. Wegen der Sicherheit. Und weil er Sozialdemokrat war. Nur so konnten seine Gene hier in der alten Welt an mich weitergegeben werden. Und so liege ja auf der Hand, sage ich, wie eindeutig Dorita von mir argumentativ bezwungen sei. Ich komme ins Faseln, und die Hausherrin unterbricht mich freundlich, bevor ich noch zu Ende erzählen kann, wie mein amerikanischer Urgroßonkel sich jünger log, um nochmal zur See fahren zu können, obwohl er nicht einmal schwimmen konnte. Und dass er Zeit seines Lebens Fan des deutschen Kaisers blieb. Dass seine Liebe zu Deutschland einen neuen Schub bekam, als er schon 98 Jahre alt war, und wie er dann dauernd zu uns geflogen kam, um mit uns deutsche Schrebergärten zu besichtigten. Und … „Eben“, fasst die Hausherrin zusammen. – „Was ‚eben‘?“ gebe ich beleidigt zurück. „Sie sind ausgewandert“, entgegnet Dorita bestimmt. „Alle. Bis auf deinen Uropa, der wegen der Sicherheit zu Hause geblieben ist. Aber alle, die das Gen des Wagemuts in sich hatten und sich bewegen wollten, um ihre Situation zu verbessern, sind nach Amerika gegangen. Hier geblieben sind die, die dieses Gen nicht haben. Und deshalb sind die Amerikaner und wir genetisch heute etwas völlig anderes.“ Zufrieden setzt sie sich einen großen Klacks Schlagsahne auf den Teller. Und in die Stille hinein, die entstanden ist, setzt sie noch einen drauf: „Wenn wir mit jemandem was zu tun haben, dann sind das die Indianer. Die sind nämlich immer dageblieben. Haben nicht gefragt, ob es ihnen passt oder ob ihnen die Tauben ins Maul fliegen. Oder ob es anderswo besser wäre. Nie. Haben sich immer mit dem abgefunden, was es bei ihnen zuhause gab. So wie wir.“ Mir ist plötzlich völlig klar, wie recht sie hat. Meinem Mann auch, das sehe ich. Wir mampfen den guten Butterstreuselkuchen, während sich die Sonne langsam über Ostbrandenburg neigt, und fühlen mit den Indianern.