Von der Freiheit der armen Bauern

Die Scheune I

— von Kenneth Anders

Das älteste Foto von der Scheune

Das älteste Foto von der Scheune. Man sieht: ein kleines, aber adrettes landwirtschaftliches Wirtschaftsgebäude.

Die Scheune ist gut 130 Jahre alt und sehr schief. Sie steht auf dem freien Feld und misst etwa sieben mal neun Meter. Man hat sie in Fachwerk errichtet und halbwegs parallel zu einem Wohnhaus angeordnet, allerdings nicht viel Mühe auf die Fluchten verwendet. Vielleicht war aber auch der Weg, an dem beide Giebel ausgerichtet sind, damals gekrümmt. Feldwege können ihren Verlauf mit der Zeit ändern.

Das etwas größere Wohnhaus ist ein Klinkerbau mit einem Feldsteinfundament und einer Schaufassade. Die beiden Gebäude bilden einen kleinen Hof und sehen von weitem aus wie ein Geschwisterpaar. Im Gegensatz zu den reichen Loosegehöften des Oderbruchs ist die Anlage bescheiden.

Dafür muss man wissen, dass die Menschen, die diesen Hof errichtet haben, noch einmal einhundert Jahre vorher als Kleinkolonisten aus der Pfalz in das Oderbruch gekommen waren. Man hatte ihnen in Neutornow, etwa fünf Kilometer von der kleinen Scheune, zehn Morgen Land gegeben. Ihr Haus dort war eher eine Kate gewesen. Das ganze Kolonistendorf war ärmlich und seine Bewohner wurden von den schnell zu Wohlstand gelangten Gabower Fischerbauern geschnitten. Als man eine Kirche in Neutornow errichten ließ, auf königlichem Land immerhin und schön oberhalb des Bruchs gelegen, sträubten sich die Gabower, zum Gottesdienst hierher, statt wie bisher, ins benachbarte Altglietzen zu gehen. Um sich, als die Eingemeindung nicht mehr zu verhindern war, von den Habenichtsen aus Neutornow abzugrenzen, saß man immer auf der linken Seite im Kirchenschiff. Erst in der Gegenwart, mit dem Zerfall der Kirchgemeinde selbst, gerät diese Form der sozialen Abgrenzung in Vergessenheit.

Wenn man sich diesen schwierigen Start der Kleinkolonisten vor Augen führt, erscheint es auf einmal als achtbarer Erfolg, dass ein Sohn dieser Familie vier Generationen nach der Ankunft im Oderbruch  eine Bockwindmühle auf dem freien Feld mit einem Wohnhaus und einer kleinen Scheune errichten konnte, einer Scheune übrigens, die immerhin größer war als die am Elternhaus. Über einhundert Jahre hatte man auf diesen Schritt gespart, klug geheiratet, sein Vermögen zusammengehalten, was natürlich auch immer hieß: seine Familie zusammenzuhalten. Die Kleinkolonisten waren einfallsreich, das war ihre einzige Chance. Sie übten lieber noch ein Handwerk aus, um die Erträge aus ihrer kargen Landwirtschaft aufzubessern, statt sich bei den großen Wirtschaften zu Hand- und Spanndiensten zu verdingen. Sie versuchten sich also in der Müllerei, sie bauten Tabak an, sie machten dies und das. Und da man sich nun endlich verbessern konnte, war auch klar, dass es nicht nur 100 Jahre Vorlauf gebraucht hatte, sondern auch die nächsten Generationen für diesen Schritt noch würden schwitzen müssen.

Der Kredit, den der Bauer damals, in den 1880ern aufgenommen hatte, wurde erst am Ende der 1940er Jahre endgültig getilgt und aus dem Grundbuch gelöscht. Damals vergaben die Banken Kredite, an denen die Enkel noch abzuzahlen hatten. Wert und Dauer standen in einem Zusammenhang und die Menschen bauten ihre Häuser nicht nur für sich, sondern auch aus einer Verpflichtung denen gegenüber, die vor ihnen da waren und natürlich für jene, die nach ihnen kommen würden. So hat man dann auch gebaut; auf dass es lange halten würde, auf dass auch noch die Enkel oder Urenkel sagen würden: Das haben die damals gut gemacht. Und so war es bei auch bei diesem Hof. Das Fachwerk der Scheune war bis in die Giebelspitzen hinein mit Ziegeln ausgemauert, das ist aufwändig, Schalholz wäre wesentlich günstiger gewesen und hätte schon auch ein paar Jahrzehnte gehalten. Aber nein, man wollte einen soliden Bau errichten.

Der Besitzer hat mir vor dreizehn Jahren also nicht einfach einen kleinen Hof verkauft, er hat mir zehn Generationen Familienarbeit übergeben. Mit einem solchen, die Jahrhunderte überspannenden Wirtschaften sind natürlich Einschränkungen der persönlichen Freiheit verbunden, wie sie heute kaum noch jemand akzeptieren würde. Wie haben die Menschen das ausgehalten?

Da gab es zuerst eine unschöne Alternative, das war die allseits drohende Not. Nur Familien, die über Generationen hinausdenken konnten, hatten eine Chance, ihr zu entkommen, das galt für den Adel genauso wie für die Bauern. Der Hof war für eine Bauernfamilie die wichtigste Ressource, ihn galt es um jeden Preis zu erhalten. Mein Urgroßvater zum Beispiel war Pfarrer in Breslau gewesen, als sein Bruder starb. Mit über vierzig Jahren musste er aus seinem bereits etablierten städtischen Leben zurück ins Dorf, den Hof der Eltern übernehmen, heiraten und für die Generationenfolge sorgen. Das muss hart gewesen sein, und vielleicht hat ihm diese Unabänderlichkeit der bäuerlichen Lebensregeln seinen überlieferten Sarkasmus eingetragen: Als er, noch einmal fünfzwanzig Jahre später, mit seiner Frau aufs Altenteil zog, soll er gesagt haben: „Jetzt gehen wir ins Krepierstallo“.

Aber es gab auch einen Anreiz für diese Bindung. Wie soll ich den beschreiben? Am besten mit der Scheune. Wie gesagt, sie ist klein. Aber sie ist vollständig, sie bietet alles, was in einer kleinen Landwirtschaft gebraucht wird: Eine Tenne für den großen Leiterwagen, mit dem die Ernte eingefahren werden konnte und in der gedroschen wurde. Einen Heuboden. Einen Rüben- und Kartoffelkeller. Einen Stall für den Ochsen und das Schwein. Und eine Werkstatt. Zwei Türen, ein großes Tor, alle Funktionen, die ein Bauernhof ermöglichen musste, sind hier bedacht.

Die Familie, die diese Scheune gebaut hat, wollte eine eigene Souveränität erlangen. Ich habe noch Fotos von diesen Menschen. Sie sehen freundlich aus, freundlich und frei, wie sie da vor ihrem Haus stehen, von dem der Großvater sogar ein Modell gebaut hat, in dem alle Zimmer zu sehen sind, so stolz war er darauf. Die Freiheit, die diese Menschen sich geschaffen hatten, war keine Wahlfreiheit. Zu wählen hatten sie nicht viel. Aber sie haben mehr als die Hälfte ihrer Lebenspraxis in der eigenen Hand gehabt. Sie wurden, im Gegensatz zu uns, nicht versorgt, sie haben sich versorgt. Sie hatten mehr von ihrem Leben selbst im Griff, als wir heute. Es waren freie Bauern, das hatten sie geschafft. Und das Glück, das in dieser Freiheit lag, rechtfertigte auch den Mangel, die Entbehrungen und die manchmal unbarmherzige Bindung in einem Generationenvertrag, den man sich als Einzelner nicht aussuchen konnte.

Das alles wirkt heute sehr weit weg. Ich möchte meine Kinder nicht darauf verpflichten, etwas fortzuführen, das ich angefangen habe. Aber bei dem ganzen Lamento über den Klimawandel und die Ansprüche der Generationen denke ich oft an die alte Scheune und das, was sie zu erzählen hätte; von der Freiheit, die keine Wahl- und Versorgungsfreiheit ist, sondern eine der Selbstverantwortung, in aller Beschränkung. Dieser Vertrag hat von beiden Generationen etwas abverlangt, von der alten und der neuen. Es mag wohl sein, dass ein Generationenvertrag in Zukunft nicht mehr in Familienform geschlossen wird. Aber müsste es nicht doch einen Vertrag geben? Bisher scheint es nur einen Grundsatz zu geben, nämlich: Dass jede Generation in der Gestaltung ihrer Lebensvorstellungen vollkommen ungebunden sein muss, dass es nicht statthaft ist, die nächste Generation auf eine Bindung zu verpflichten. Ist denn jemand bereit, an diesen Grundsatz zu rühren? Und kann es einen ernsthaften Vertrag geben, der unser Verhältnis zu den Ressourcen des Lebens wieder ins Lot bringt, ohne dass dieser Grundsatz angerührt wird?

Das ist der erste von vier Teilen eines Essays, der im Aufland Verlag mit Illustrationen von Johanna Benz als Buch erschienen ist.