Baustoff

Von den Resourcen des ländlichen Bauens

— von Steffen Schuhmann

Im Wald bei Bernau steht ein Stück UNESCO-Weltkulturerbe. An der Autobahn wird es auf einem Schild als »Bauhaus-Denkmal Bernau« angekündigt. »Denkmal« klingt nach Sockel und großer Geste. Tatsächlich staffelt sich das Gebäude in einem leichten Bogen einen Hügel hinab, führt hin zu einer Kombination aus Turnhalle und Seminarhaus, hinter der ein kleiner Badesee liegt. Aus der Kantine des gelben Backsteinbaus blickt man in die Kiefern. Der Architekt, der soviel Gefühl für die bescheidenen Höhenunterschiede und herben Reize der brandenburgischen Landschaft hatte, war ein Schweizer und damals Bauhaus-Direktor: Hannes Meyer. Nachdem er diesen Posten 1930 verlor, ging er in die Sowjetunion und geriet schnell in Schwierigkeiten. Stalin wollte eine Architektur, die im Inhalt sozialistisch ist und in der Form national. Meyer gesellte sich zu denen, die eine Architektur forderten, die im Inhalt kommunistisch und in der Form regional sein sollte.

Mit der regionalen Form ist das so eine Sache. Ich mauere gerade eine Wand hoch. Dort, wo einst das Backhaus der kleinen Büdnerwirtschaft, die wir gerade ausbauen, stand. Unsere Vorgänger haben sich in den 1960ern entschieden, das Backhaus durch eine Garage zu ersetzen. Der erste Trabant war von unschätzbarem Wert, und Brot gab es jetzt auch im Konsum. Wir fanden, dass die Garage den Blick ins Abendrot versperrt und haben sie abgerissen. Leider haben wir dabei feststellen müssen, dass sich das in den 1970er Jahren angebaute Bad an diese Garage lehnte. Deshalb mauere ich nun eine Wand hoch. Ein Teil der Ziegel, die ich verbaue, erlebt seine dritte Nutzung – sie stammen aus dem Abbruch der Garage, aber es haftet noch Ruß vom Backhaus daran. Andere waren ursprünglich eine Zwischenwand in unserem Haus, die unseren Plänen weichen musste. Wieder andere haben wir in der Augustsonne von der Halde einer Baustoffrecyclingfirma klauben dürfen. Das hat einiges an Zeit aber kein Geld gekostet. Die Steine sind nicht gut gebrannt, ungleich im Maß, dritte Wahl – Erzeugnisse einer Ziegelei drei Dörfer weiter, in deren Tongruben heute Angler fischen und die in den Dörfern auch sechzig Jahre nach ihrer Schließung für ihre mäßige Qualität bekannt ist.  

Aber was sie auszeichnet, ist ihre Farbe. Einige wenige sind tiefrot – wie man es von der Küste und dem Norden Brandenburgs kennt. Einige sind ockergelb, wie die Backsteine in der Lausitz. Die meisten chargieren dazwischen, als wären sie marmoriert. Damit zeigen die Steine ziemlich genau an, wo wir uns befinden: Südliches Brandenburg, nördliche Lausitz. Irgendwo dazwischen. 

Es wurde verbaut, was die Gegend hergab. Keine Stubendecke hier spannt weiter, als es aus Kiefern geschnittene Balken tragen können. Alte Dielen hier sind konisch zugeschnitten: eine Seite breit, eine schmal. Weil die Bäume unten breiter sind und oben schmaler, und weil kein Material verschwendet werden sollte, nur um parallel verlaufende Dielen zu haben. Kurzum: Das bescheidene Materialangebot und die Armut der Bevölkerung Brandenburgs haben sich in die lokale Architektur bis in die kleinste Kate eingeschrieben. 

Andernorts – wo zum Beispiel die Winter länger sind – und nicht gemauert wird, hat solcher Mangel schrägere Blüten getrieben. Zum Beispiel bei den Huzulen in den ukrainischen Karpaten. Deren Alltagskultur basierte auf Leinen, Leder und Holz. Die Huzulen löffelten ihre Suppe aus Holzschüsseln – Ton für Keramik gab es in den Bergen nicht. Den sparte man sich für die Ofenkacheln. Gebaut wurde ausschließlich aus verzapften Hölzern. Eiserne Nägel waren so kostbar, dass man sie als Muster zur Zierde in Türen und Möbel schlug – um zu zeigen, dass man es sich leisten konnte. 

Ich mauere meine Mauer. Mit Steinen, die mich nichts kosten. Die Wortführer im Dorfklub schütteln den Kopf und sagen mir, dies müsse man sich leisten können. Während ich noch Backsteine von alten Mörtelresten befreie, ziehen sie komplette Bungalows und Garagen aus Gasbetonsteinen hoch. So lang die Zinsen niedrig sind, gelingt dies auf Kredit auch am östlichen Rand der Republik. Mit zwei Einkommen. Deshalb: Doppelgarage. Bank bedienen und außerdem Miete zahlen, das funktioniert aber nur für ein paar Monate. Mehr als ein Jahr darf zwischen erstem Spatenstich und Einzug nicht vergehen. 

Nach dem dritten Bier am Tresen fangen sie im Dorfklub an, von Lehmputz zu erzählen und ich staune, dass ich am Tresen einen Vortrag zum ökologischen Bauen bekomme. Wo die alte Lehmkiete des Dorfes ist, wissen hier alle. Einige wissen sogar noch, wo man den weißen Scheuersand findet: im Wald, unten am Premsdorfer See. Wie man Feldsteine spaltet, weiß keiner mehr. Aber sie wissen genau, welche Ressource ihnen beim Bauen fehlt, welcher Mangel das ländliche Bauen heute prägt. Es fehlt Zeit.