Urbane Speckwürfel der Hoffnung

Warum ich meine, dass sich das Land aus dem heraus entwickeln muss, was die Leute dort sind und gut können

— von Tina Veihelmann

Ich lese selten die Zeit. Sie ist einfach zu dick für mich. Aber kürzlich lag eine auf dem Fensterbrett im Treppenhaus unseres Kreuzberger Mietshauses, wo unsere Nachbarn aussortierte Dinge ablegen, die andere vielleicht noch verwenden können. Ein schöner Brauch. Immer, wenn ich dort etwas Neues sehe, spiele ich ein Ratespiel mit mir. Von wem könnten dieser Pulli oder diese Jacke stammen? Vor meinem inneren Auge treten hintereinander meine Nachbarn auf und ich ziehe ihnen Pulli und Jacke an. Dann nehme ich die Jacke mit, und frage mich, ob ihre frühere Besitzerin merkt, dass ich sie ab morgen trage.

Nun lese ich also jemandes Zeit. Das Ratespiel fiel kurz aus, denn ich musste zur Bahn, stopfte die dicke Zeit schnell in meinen Rucksack und rannte. Die Zeit war unberührt. Ein Werbegeschenk vielleicht. Der unbekannte Jemand hatte sie eingesteckt, und dann war sie ihm, genau wie mir, zu behäbig gewesen, um Lust auf sie zu entwickeln. Aber wer eine Bahnfahrt vor sich hat, die eine Stunde und zwanzig Minuten dauert, der hat auch Zeit für Die Zeit. Ich fahre oft auf dieser Strecke. Sie führt dorthin, wo wir seit einigen Jahren ein Haus und ein Leben in einem Brandenburger Dorf aufbauen. 

Zum Klang von „Jetzt kommen die lustigen Tage“, eingespielt vom Regionalbereichsleiter für Technik der Deutschen Bahn mit seinem Keyboard, lese ich erst eine Menge Amerika-Dystopie-Artikel, dann Corona-Dystopie-Artikel und dann – als hätte der vom Redakteur imaginierte Leser genau wie ich in diesem Moment genug von dem Dauerfeuer – zwei große Seiten: „Komm, wir ziehen aufs Land.“

Schon die Bilder strahlen Ruhe aus. Viel Herbstwald, eine Schleiereule und ein Stall, aus dem sehr niedliche Alpakas herausgucken. Eine „repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey“, steht da, habe herausgefunden, „jeder dritte Großstädter würde gern aufs Land ziehen.“ Corona habe diesen Wunsch noch verstärkt. 

Die Stadtflucht- und Landlustdebatte begleitet uns nun schon seit ein paar Jahren. 2016 hieß es zum ersten Mal, der statistische Trend drehe sich um. Aus Berlin zögen erstmals mehr Menschen aufs Land, als umgekehrt vom Land nach Berlin. Es folgten Diskussionen. Darüber, welche Zuwächse das Land wirklich erwarten dürfe. Und darüber, welche Stadtklientel als künftige Landbewohner infrage kommt, wo sie leben möchte und was sie dort braucht. Vor dem Fenster ziehen Stadthäuser, Datschen, dann Felder vorbei. Auch die Lektüre holt ihren Leser in der Stadt ab und führt ihn dann raus aufs Land. Im urbanen Eimsbüttel wohnt ein nettes und erfolgreiches schwules Paar, das eines Tages genug von der Hektik hat, in einer Annonce den Hof mit den Alpakas findet, Nägel mit Köpfen macht, den Hof kauft, seine skandinavischen Möbel packt und rauszieht.

Dann kommen weitere Protagonisten: Ein IT-Spezialist namens Carsten kann heute dank Glasfaserkabel zugleich Software entwickeln und dabei ländlich leben. Gemeinsam mit seiner Partnerin Linda liebt er jetzt die Ruhe und die Natur. Dann folgt Silvia Hennig, die jung und sympathisch ist, groß denkt und den ländlichen Boden für Digitalarbeiter und Menschen mit Zukunftsberufen bereitet. Im Einklang mit einer Studie des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hofft sie, auf diese Weise könnten „Urbane Dörfer“ entstehen, die Zukunft weisen.

Dann Fakten: Der Glasfaserausbau geht voran. Eine Aufs-Land-Bewegung der Menschen mit Zukunftsberufen scheint also möglich. Immobilienfirmen verzeichnen wachsende Grundstückspreise, – nicht mehr nur in den Speckgürteln, sondern auch weiter draußen. Von den Zuzügen, erwarten Prognosen, würden jedoch vermutlich nur die „Metropolenregionen“ profitieren. Entlegene Gebiete dürften leer ausgehen. Die „Metropolenregionen“ allerdings, heißt es, wüchsen zukünftig. Und das nicht allein entlang von Bahnstrecken und Ausfallstraßen, sondern entlang der Glasfaserkabel. Die Entfernung zur Metropole muss jetzt nicht mehr tägliches Pendeln erlauben. Wohl aber müssen Carsten und Linda noch die Nähe zur Großstadt fühlen. Ein neues Wort wird platziert: „Speckwürfel“ statt Speckgürtel würden entstehen. Urbane Speckwürfel der Hoffnung. 

Je weiter wir uns von der Berlin entfernen, desto mehr Menschen steigen aus dem Bähnchen aus. In Storkow hält es so lange, dass ein Raucher bequem aussteigen und eine rauchen kann. Die Bahn muss hier, weil die Strecke eingleisig ist, auf den Zug aus der Gegenrichtung warten. Einmal habe ich miterlebt, wie eine Schaffnerin dem Schaffner des Gegenzugs ein Fahrrad herüberreichte, das jemand im Abteil vergessen hatte und das nun mit dem Gegenzug wieder eine Station zurückfahren sollte. Es war ein schönes Rad, und ich freute mich. 

Auch ich steige aus, vertrete mir die Beine und erwische mich dabei, wie ich auskilometere, ob wir hier noch zur „Metropolenregion“ gehören. Wir sind drinnen, stellt sich heraus. Glück gehabt! Ich versuche, die Bilder, die bei der Lektüre entstanden sind, mit dem übereinzubringen, was ich sehe. Der Storkower Bahnhof liegt nicht im Ortskern. Am Bahnsteigende wächst Krautiges. Drei nicht ganz schlanke Jugendliche stehen herum und essen aus einer Chipstüte. Ein schönes Bahnhofsgebäude gibt es, stattlich aus roten Klinkern mit grünen Schmucksteinen, sogar mit einer Bahnhofsgaststätte. Aber beides wirkt geschlossen und dunkel. Ich bin nicht sicher, ob es Carsten und Linda hier gefallen würde.

Weil ich Zeit habe, umrunde ich den Bahnhof und klopfe ab, ob er Potenziale hätte, ihnen zu gefallen. Ich eröffne die Bahnhofsgaststätte und richte sie im Brooklynstil ein. Schon von weitem ist jetzt der warme Schein nackter Glühbirnen zu sehen. Dann stelle ich die Jugendlichen beiseite und gestalte Sitzgelegenheiten aus Europaletten. Ich zäune ein Stück Brache ein und stelle Alpakas drauf. Dann muss ich lachen. Stehe auf dem Storkower Bahnhof und lache wie jemand, der nicht alle beisammen hat. Die Schaffnerin winkt mir. Sie weiß, dass ich in das Bähnchen gehöre, in dem noch mein Rucksack liegt und die zerfledderte Zeit. Sie würde mich nicht hier stehen lassen. 

Zugegeben, der Storkower Bahnhof könnte mehr Leben vertragen. Die Jugendlichen könnten etwas gesünderes essen als Chips. Nicht alles, was die Menschen aus Zeit-Geschichte mögen könnten, muss so bizarr sein wie die Storkower Bahnhofsgaststätte im Brooklynstil. Die Europaletten waren schließlich meine Idee. Carsten kann nichts dafür. Und selbst wenn es so wäre. Sollten wir nicht dankbar sein für alles, was hier ein bisschen Schwung herein bringt?

Mein Befremden, wenn ich mit meinem Wir-ziehen-aufs-Land-Artikel im Kopf auf den Storkower Bahnhof herumschlendere, ist ein anderes. Es betrifft das „Wir“, um das es geht – und knüpft an die Frage im „Deckel auf der Regentonne“ an. Wer ist denn gemeint, wenn Planer von Zukunft sprechen? Wer ist Gestaltender? Und wer nicht? Aus wessen Lebenserfahrung heraus wird diese Zukunft gedacht? Wer findet Ideen und Formen für sie?

Ganz gleich welche Studie zur ländlichen Entwicklung ich lese, immer ist von vornherein gesetzt, dass die Zuwächse aus den Metropolen ein Segen, vielleicht sogar die einzige Hoffnung seien. Wenn Bevölkerungszahlen schrumpfen – wegen der Spätfolgen des Nachwendegeburtenknicks, Überalterung oder weil junge Leute zur Ausbildung wegziehen – ist das verständlich. Aber darum allein geht es in den Szenarien nicht. Die Szenarien sind normativ. Sie nehmen eine Setzung vor, was zukunftsweisend, was gestrig ist. Was vital, was im Rückzug begriffen. 

Seit Ulf Matthiesen einer ganzen Generation von Planern einbläute, dem ländlichen Brain Drain sei mit endogenen Ressourcen nicht beizukommen, Chancen habe das Land erst durch Impulse von außen, scheint die Frage, wer Akteur und wer Statist ist, entschieden zu sein. Erst waren es „Raumpioniere“, die Risikofreude, Innovation und Netzwerke bringen sollten. Dazu Geschmack, Slow Food und Sinn für Kultur. Jetzt sind es Wissensarbeiter, Digitalnomaden und Leute in Zukunftsberufen, im Gepäck wieder das Versprechen, „Vorreiter“ zu sein. 

Wer den ländlichen Alltag kennt, weiß, wie relativ all das ist. Es gibt Dörfer wie Gerswalde in der Uckermark, wo „Raumpioniere“ oder eben Zuzügler mit typischen Städterideen eine ganz große Rolle spielen. So dass neue Dinge, neue Restaurants, neue Kultur und auch neue Probleme entstehen. Es gibt ein paar weitere Orte, an denen es ähnlich ist. Es gibt mehrere Projekte, die mit großen Gruppen große aufgelassene Liegenschaften bespielen – mit Coworking Spaces, Seminarhäusern und ähnlichem. Aber das sind Punkte in der Landschaft, wenn man ehrlich ist.

Wo im Berliner Umland tatsächlich nennenswert Menschen zuziehen – in Eberswalde, Brandenburg an der Havel, Neuruppin oder Luckenwalde zum Beispiel – , lässt sich zwar sagen, dass sich neuerdings „positive Wanderungssalden“ mit Berlin ablesen lassen. Aber der Bärenanteil dieser Zuzüge kommt gar nicht aus der Metropole, sondern aus Brandenburg. Das passt nicht ins Bild, aber es ist leider der Fall. Das heißt: Die Berliner kommen, und mit ihnen auch eventuell eine neue Biobäckerei – falls es die nicht schon vorher gab. Aber maßgeblich beim Wachstum dieser Orte sind sie nicht. 

In der Fläche prägen völlig andere Strukturen das Leben. Mit Fläche meine ich hunderte von Orten, die nicht neue „Urbane Dörfer“ oder Gerswalde sind. Die Hauptgeige spielen dort nach wie vor Arbeitsplätze im Einzelhandel, Handwerk, Pflege und Medizin, in der Verwaltung oder auf dem Bau. Es gibt Kulturvereine in den Landstädten. Albanische Pizzerien, für die wir dankbar sind. Und auf den Dörfern halten Feuerwehren und zahllose Vereine das soziale Leben am Laufen. Von Feuerlöschen bis Festefeiern. Was sie leisten, ist bemerkenswert.

Begriffen habe ich das erst, als ich selbst Teil der Sache wurde. In unserem Dorf, das nur 180 Einwohner hat, haben eine Handvoll Menschen aus eigener Kraft ein altes LPG-Gebäude renoviert und unterhalten dort einen Ort, an dem das öffentliche Leben stattfindet. Das Ganze sieht sehr selbstgemacht aus. Aber ohne besonderen Stil. Die Qualitäten sind andere. Es sind Verbindlichkeit, Nähe, gegenseitige Hilfe und Inklusion. Jeder, der im Dorf wohnt, ist willkommen und wird gebraucht. Egal, welchen Bildungsstand, welchen Kleidungsstil, welche weltanschauliche Orientierung er mitbringt. Eine unausgesprochene Verabredung ist, dass es so sein muss. Weil der Pool an verfügbaren Menschen begrenzt ist, würde weder Gemeinschaft noch gegenseitige Hilfe funktionieren, wenn sich alle aufgrund dieser Unterschiede ausdifferenzierten. Es ist das, was in Mehrgenerationenkonzepten beschworen wird. Nur dass das Ein- statt Ausklammern hier weiter reicht. Als mir beim Osterfeuer ein junger Feuerwehrmann mit sehr kurzen Haaren sagte, dass wenn ich später in meiner Küche mal umkippen sollte, höchstwahrschein er mit von der Partie sei, meine Tür aufzubrechen und mich zum Arzt zu fahren, habe ich auf brachiale Art verstanden, was gemeint ist.

Ich erzähle das Ganze nicht, um eine Posse anzubringen. Sondern weil ich deutlich machen will, dass es auf dem Land eine Kultur und Praxis gibt, diese Strukturen zu unterhalten, die sehr wichtig sind. Vielleicht bräuchte man nicht über sie zu reden, wenn sie selbstverständlich wären. Aber ich fürchte, das sind sie nicht. Denn zwar sind sie bemerkenswert vital. Aber sie sind auch verwundbar. Sie verlangen den Menschen viel ab. An Zeit, Toleranz und Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Sie sind bedroht durch Generationswechsel, Suburbanisierung und eine Kultur, die Menschen auf ihren Konsum zurückwirft.

Wenn man für das Leben auf dem Land etwas hoffen muss, ist es, dass es dieser Landkultur gelingt, sich weiterzuentwickeln. Unserem Dorfverein ist es voriges Jahr geglückt, den Staffelstab an die nächste Generation weiterzugeben. Jetzt schmeißen nicht Sechzigjährige, sondern Dreißigjährige den Laden. Er hat es auch geschafft, Zuziehende zu integrieren. Uns zum Beispiel. Berliner, die komische Ideen davon haben, was man isst oder wie man einen Raum gestaltet. Der Dorfverein wird sich verändern. Und das muss er auch. Aber aus dem heraus, was er ist und was er kann. Und das bedeutet, dass nicht wir den Leuten beibringen, welches Essen gut ist oder was Geschmack ist, sondern dass sie uns beibringen, wie man trotz großer Unterschiede eine Dorfgemeinschaft zustande bringt.

Wenn Entwicklungsinstitute über Zukunft reden, müssen sie unbedingt über dieses Können sprechen. Denn es wird dringend gebraucht. Und das überall auf dem Land, und nicht nur an besonderen Orten. Es wäre nötig, den Leuten eine Portion Anerkennung, Respekt und vor allem auch handfester Unterstützung unter den Arsch zu schippen. Statt dauernd Leitbilder zu verbreiten, die ihnen implizit vermitteln, sie seien nichts und hätten alles falsch gemacht. 

Das kann durchaus heißen, zugleich Impulse von außen zu fördern, sie aufzunehmen und im besten Falle gemeinsam etwas zu schaffen. Auch für Stadtflüchtige, Landlustige und für Landprojekte von Städtern ist Platz. Aber einen Siedlergeist zu fördern, halte ich entschieden für kontraproduktiv.

Während das Bähnchen durchs Abendblau fährt, eingehüllt in die Feuchte, die aus dem Waldstück aufsteigt, das wir gerade queren, interessiert weder den Waldkauz noch den Fuchs noch mich, dass wir wahrscheinlich gerade jetzt die Metropolenregion verlassen. Auch die Jugendlichen nicht, von denen ich, weil sie so laut quatschen, inzwischen schon eine Menge weiß. Welche Mädchen sie doof finden, welchen Alkohol man seinlassen sollte und dass sie ins nächste Städtchen fahren. Die keine Metropole ist – aber eben schon eine kleine Stadt. Wie immer, wenn wir durch dieses Waldstück fahren, kommt mir Berlin und das große Altbauhaus mit unseren Nachbarn, die dort ihre abgelegten Sachen hinterlassen, sehr weit weg vor. Und das liegt nicht nur an den Kilometern, die zwischen uns liegen. 

Ich denke an die Jacke, die ich eingesteckt habe. Sie sieht wirklich gut aus. Und ich brauche auch eine Jacke. Aber ich werde sie trotzdem zurücklegen. Denn sie passt einfach nicht zu mir. Ich muss mir eine besorgen, die zu mir passt.

Nachgetragen:

Als ich den Text gerade beendet hatte, erfuhr ich, dass die Storkower Bahnhofsgaststätte tatsächlich schon im letztem November von einer Storkowerin übernommen wurde, die sie sehr vorsichtig renoviert und auf Vordermann gebracht hat – unter Beibehaltung von altem Mobiliar und Stammgästen. Es soll Burger aus Fleisch von einer lokalen Schlachterei dort geben. Die Bilder, die man im Netz findet, sehen vielversprechend aus. Leider wurde der Neubeginn durch das Coronajahr vermasselt. Aber versprochen ist er.