Baustoff, Tier und Freude

Über eine Ähnlichkeit zwischen Handwerk und Landwirtschaft

— von Kenneth Anders

Auf unserem Grundstück lagern in diversen Stapeln Ziegelsteine. Wir haben sie beim Abriss von Schuppen und Wänden geborgen, abgeputzt und aufgestapelt. Andere haben wir aus der Erde geholt, es ist erstaunlich, wie viele intakte Steine man da findet. Immer wieder einmal nutzen wir sie zum Weiterbauen an Haus und Hof, manchmal geben wir auch welche an Nachbarn und Freunde ab.

Manche Ziegelsteine sind krumm und schief, sie sind wohl dritte oder vierte Wahl. Ich denke mir, sie sind überbrannt, denn die Färbung geht schon ins Blaugrüne aus, außerdem glänzen sie, als seien sie aus Glas, und hier und da hat es Blasen geschlagen. Aber ich verstehe nicht viel davon.

Andere Backsteine fühlen sich samtig weich an und haben eine ganz wunderbar ausgereifte Kubatur. Sie sind zwar ebenmäßig, aber nie ganz gleich, sie variieren in den Abmessungen sowie in herrlichen Farben von gelb bis dunkelrot und braunschwarz. Manchmal sind Abdrücke von Katzen- oder Hundepfoten darin. Diese Ziegel wurden zwar massenhaft hergestellt, aber es sind doch alles Unikate, deren Zahl sich nun durch Abriss und Baustoffentsorgung unaufhörlich verringert. Das fühlt sich für mich vor allem deshalb seltsam an, als die Arbeit der Ziegelbrenner unvorstellbar hart war. Die vielen Millionen brandenburgischer Ziegelsteine sind nicht nur mit Geld, sondern auch mit der Gesundheit dieser Menschen und oft mit ihrem frühen Tod bezahlt worden.

Um das Oderbruch herum gab es mehrere Ziegeleien, aber so mancher Stein wurde auch aus größerer Entfernung herangeschafft – das kann man an den Stempeln erkennen. Viele kommen aus Rathenow, das im Havelland liegt, von wo aus so manche märkische Region versorgt worden ist.

Wie dem auch sei, die Mark brauchte den Ton zum Bauen. Die lokalen Stoffe haben den Häusern und Gebäuden und damit ganzen Landschaften ein Antlitz gegeben.

Die Abhängigkeit von dem, was eine Landschaft zu bieten hat, hat sich durch die globalen Stoffströme aufgelöst, wir können heute mit allem Möglichen unsere Häuser bauen. So sieht es dann auch in den Dörfern aus. Aber dagegen ist kein Kraut gewachsen, weder Verordnungen noch elitäre ästhetische Apelle können die grenzenlose Verfügbarkeit des Materials außer Kraft setzen.

Veit ist Hochbaumeister. Er sagt, dass er mit den alten Ziegeln sehr gut mauern kann – und immer wieder verweist er darauf, dass man keinen Zement verwenden soll – oder jedenfalls nur sehr wenig. Auf dem schwankenden Oderbruchboden können Wände oder Mauern, die ohne Zement gemauert sind, nachgeben. In Ortwig zum Beispiel gibt es eine Friedhofsmauer, die nur mit Kalkmörtel gebaut wurde, da kann man sich das ansehen. Die Mauer hat sich den Setzungen des Bodens weich und geschmeidig angepasst, das sieht toll aus. Hätte man sie mit Zement gemauert, sie wäre längst gerissen und eingefallen.

Die neuen Klinkersteine aus dem Baustoffhandel sind industriell normiert, alle haben exakt die gleichen Maße und in der Regel auch die gleiche Farbe. Veit sagt, er kriegt mit ihnen keine schöne Mauer hin. Die alten Ziegel verlangen dem Maurer bei jedem Stein eine neue Schätzleistung ab, sodass die kleinen Abweichungen des Materials durch den Maurer wieder ausgeglichen werden können. Bei den neuen Normsteinen aber entfällt dieser Ausgleich, man müsste immer nur exakt gleiche Fugen setzen. Aber so gerät der Maurer den genormten Steinen gegenüber ins Hintertreffen. Solche Mauern sehen Scheiße aus, wenn ich sie mauere, sagt Veit. Ich weiß, was er meint.

Neulich war ich bei Ulrich im Nachbardorf. Ulrich ist Bauer, er hat eine Leidenschaft für Geflügel, für Pferde, Schafe und Hunde, eigentlich für alle Nutztiere. Er möchte gern als ganzer Bauer leben, sich nicht spezialisieren, und er meidet auch die großen Maschinen. Ob das klappen wird, weiß er selbst nicht, aber er und seine Frau sind bereit, für dieses Ziel erhebliche Entbehrungen auf sich zu nehmen.

Ich berichtete ihm von unseren Ziegeln, da wir sie gerade wieder in Verwendung hatten. Da sagte Ulrich, ein Maurer habe ihm erzählt, dass auch er gern mit diesen alten Steinen arbeite. Und zwar durchflösse ihn bei jedem alten Ziegel, den er in die Hand nehme, eine Freude, so wie ein kleiner Stromstoß. Bei jedem Ziegel, habe er gesagt, immer wieder neu. Und dann sagte Ulrich: So wie diesem Maurer mit seinen Steinen, so geht es mir mit den Tieren. Wenn ich sie sehe, pflege, füttere… bei jedem durchfließt mich Freude.

An diesem Satz ist jedes Wort wahr, daran habe ich keinen Zweifel.

Einmal war mir ein Haufen Ziegel auf unserem Hof, der von einem Abriss liegen geblieben war, zu groß, um ihn schnell aufzuräumen. Außerdem waren die Steine mit zu viel Zement vermauert, jedenfalls war es mir zu mühsam, sie abzuputzen. Also habe ich einen Container kommen lassen und sie entsorgt.

Das ist jetzt acht Jahre her, und ich habe immer noch schlechtes Gewissen.