Holzweg, jetzt auch als Laminat

Woher kommen die Dinge, die uns am nächsten sind?

— von Steffen Schuhmann

Woraus besteht das Hemd, das ich kürzlich in Eile gekauft habe? 65% Baumwolle, 35% Polyester steht auf dem eingenähten Waschzettel. Wer es genäht hat und wo es herstammt, steht dort nicht. Vermutlich kommt es aus Bangladesch, denn es war recht günstig. Woher die Baumwolle und das Polyester kommen, lässt sich nicht sagen. Ganz sicher ist aber: Die Fasern unserer Kleidung sind nicht hinterm Haus gewachsen.

Im Museumsdepot auf der Burg Beeskow steht ein hölzerner Schrank. Als er gezimmert und anschließend bemalt wurde, war das anders. Laut Aufschrift stammt er aus dem Jahr 1789. Ursprünglich hat er wohl in der Diele eines Bauernhauses unserer Gegend gestanden. Dies ist sehr wahrscheinlich ein Fachwerkhaus gewesen: Das Dach aus Roggenstroh, die Wände aus Holz und Lehm, die Küche und Diele mit Backsteinen gepflastert, der Boden in der Stube gedielt. Als Anna Maria Thorwartin – ihr Name steht auf dem Schrank geschrieben – dort als Braut einzog, brachte sie diesen Schrank mit. In ihm wurde ihre Aussteuer verwahrt. Die Aussteuer war damals ein Grundstock von Haushaltsgegenständen, den Frauen mit in die Ehe brachten. Eine wichtige Rolle spielten dabei Textilien aus Leinen wie Betttücher oder Hemden, die die ländliche Bevölkerung in Brandenburg damals in der Regel selbst herstellte: vom Anbau des Flachses über seine Ernte bis hin zum Gewinnen der Fasern. Vom Spinnen über das Weben bis hin zum Nähen und Sticken. Das Hemd wuchs hinterm Haus und kostete kein Geld. Dafür machte es eine Unmenge Arbeit. Ein Hemd war viel wert. Ein Schrank voller Wäsche war ein Schatz. 

Ein Aussteuerschrank war deshalb etwas Besonderes. Um dem Ausdruck zu verleihen, sollte er etwas hermachen. Deshalb eifert er in Form und Schmuck Schränken nach, die sich nur wohlhabende Bürger und Adelige leisten konnten. Während aber die Schränke der Adligen aus edlen Hölzern gefertigt und mit Einlegearbeiten verziert waren, kam der bäuerliche Schrank als bemalte Kiefer daher, die Marmor und Intarsien vortäuschte. Das musste reichen. Mehr konnten die Tischler der kleinen Landstädte und Dörfer ihren Kunden nicht in Rechnung stellen. 

Heute bestellen wir – jetzt mehr denn je – im Netz und bezahlen unsere Rechnungen bargeldlos. Häuser werden aus Gasbetonsteinen gemauert und in Styropor eingepackt. Und wie damals, sind uns kostengünstige Imitate nicht fremd: Warum nicht einfach Laminat – also PVC in Holzoptik – verlegen, wenn es teuer und aufwendig ist, die ollen Dielen in Ordnung zu bringen? Vom Hemd, das wir tragen, wissen wir nichts. Nur dass die Fasern, aus denen es besteht, ganz sicher nicht hinterm Haus gewachsen sind. Genäht hat es ein Mensch, der weit weg von uns lebt. Dennoch ist es uns nicht viel wert. Wir verwahren es in einem Schrank, der weggeworfen wird, sobald wir das nächste Mal umziehen. Wenn es in zweihundert Jahren noch ein Regionalmuseum gibt, wird er dort sicher nicht ausgestellt sein.