Von Landstreichern und Obdachlosen

Die Scheune II

— von Kenneth Anders

Die Scheune als Obdach

Alt, aber noch dicht: Die Nebengebäude der Bauernhöfe boten immer wieder auch Menschen ohne Obdach Schutz und Lager für eine Nacht.

Im Giebel hatte die Scheune ein Fenster, das – obwohl in über zwei Metern Höhe eingesetzt – mit schweren Eisenstangen gesichert war. Man sah dem Gitter die Mühe an, die damals in die Bewehrung dieses Fensters investiert worden war. Offensichtlich hatte man Eindringlinge fernhalten wollen.

Eindringlinge, hier? Das kann ich mir kaum vorstellen, denn die Familie, die hier wohnte, war ja immer zu Hause gewesen. Die waren nie im Urlaub und selten allein. Was für Eindringlinge sollte es hier gegeben haben?

Einen Hinweis gab mir mein Schwiegervater, als er die Scheune vor Jahren besichtigte. Da war die Luke zum Rübenkeller verrottet und so warnte er mich: Deck das mal gut ab. Nicht, dass sich ein Landstreicher die Beine bricht, wenn er im Dunkeln hier unterkriecht! Mein Schwiegervater stammt von einem schlesischen Bauernhof und für ihn war es ganz klar, dass Scheunen nachts für manche Menschen einen Unterschlupf boten, und dass diese Leute nicht immer fragten, ob dem Besitzer das zusagte.

Ein Landstreicher! Kann das wahr sein? Aber ja, in den alten Geschichten kommen sie vor, diese Gesellen, die nicht sesshaft waren, die das Leben aus einem festen Ort herausgespült hatte. Bei Astrid Lindgren kann man immer wieder davon lesen, dass die Landstreicher zu den bäuerlichen Gegenden gehörten. Sie suchten Essen und Obdach, leisteten hier und da kleine Dienste und verschwanden wieder. Meine liebste Geschichte ist die, in der ein Landstreicher in der Weihnachtszeit auf einem einsamen Hof bei drei Kindern aufkreuzt, deren Eltern gerade im Gottesdienst sind. Die Geschwister haben ihren Spaß mit dem Landstreicher – denn der schlägt sich den Bauch voll und zeigt ihnen dafür Zaubertricks. Aber Astrid Lindgren hat es hinbekommen, die Geschichte so zu schreiben, dass man einen Abgrund spürt.

Der Eishauch aus dem Abgrund dieser Geschichte hat mir klar gemacht, dass es reiche und selbstbewusste Bauern sein mussten, die einen Landstreicher bei sich aufnehmen konnten. Sie mussten Platz genug haben, vielleicht auch noch einen Knecht, der aufpassen und als Gegenleistung etwas Landarbeit einfordern konnte. Solche Bauern waren die Leute auf meinem kleinen Hof ja nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie mit einem nächtlichen Besuch, und sei er auch noch so harmlos, überfordert gewesen wären. Dass sie in ihrer Kammer gelegen und gedacht hätten: Oh Gott, jetzt liegt da dieser Fremde. Hoffentlich stiehlt er nichts, hoffentlich macht er nichts kaputt, hoffentlich steckt er die Scheune nicht in Brand!

Die bäuerliche Kultur war durchaus eine, in der man nach bestimmten Regeln Gäste aufnahm. Ich habe das in anderen Ländern erlebt, wenn ich als junger Mann auf Reisen war, es war eine Selbstverständlichkeit, die mich zuweilen beschämte, was in den Augen der Gastgeber übrigens absurd war. Spuren gibt es auch hier noch bei jenen, die so groß geworden sind.

Jemanden bei sich schlafen zu lassen, den man überhaupt nicht kennt, das ist den bürgerlichen Menschen eher unangenehm. Ich weiß noch, wie meine Oma, die von einem Bauernhof kam, mal eine schwangere Frau vom Bahnhof mit zu uns nach Hause brachte, weil die abends ihren Anschluss verpasst hatte und nicht wusste, wohin. Da hat sie gesagt: Kein Problem, kommen Sie mit zu meinen Kindern, Sie können dort übernachten und morgen reisen Sie weiter! Aber meine Mutter fand das nicht so lustig. Sie kam aus einem Haushalt, in dem die eigene Wohnung reine Privatsache war und für sie war es schwer, einen gänzlich fremden Menschen aufzunehmen. Ich war damals ein Kind und kann mich noch an die Verwirrung erinnern, die an unserem Abendbrottisch geherrscht hatte.

Aber, Gastgeberqualitäten hin oder her: Reisende, die man als Gäste aufnahm, das waren potenziell Leute der eigenen Schicht, keine Habenichtse. Dafür hatte man zweifelsohne ein feines Näschen, bzw. das Näschen musste wahrscheinlich gar nicht so fein sein.

Es ist seltsam, heute gibt es auf dem Land so einige gestrandete Existenzen, aber irgendeine Hütte hat jeder. Dass Menschen sich hier einfach so aufhalten, ohne einen Platz für das Haupt in der Nacht, das ist fast undenkbar. Mit dem Ende der landwirtschaftlichen Nebengebäude schwinden auch die geeigneten Nischen, die neue Zeit hat schon in ihrer Raumstruktur etwas Unbarmherziges. Man kann nicht mehr einfach sagen: Ok, du kannst dich da drüben ins Stroh legen, morgen früh gibt es eine Milchsuppe, aber das wars dann bitte. Oder: Hilf uns beim Heu machen, dann kannst du essen und in der Scheune schlafen. Das ist schade. Denn so war man dem Hilfebedürftigen gegenübergetreten und hatte ihn ernstgenommen, als Menschen, dem ein Obdach zusteht, dem aber auch etwas abzuverlangen ist. Was soll man heute einem Hilfebedürftigen abverlangen?

Die Landstreicher sind unterdessen in die Städte abgewandert, als Obdachlose oder Treber. Dort gibt man ihnen vielleicht einen Euro im U-Bahn-Schacht, die Übernachtungshilfe aber ist institutionell outgesourct. Ich denke manchmal, das bekenntnishafte Sprechen der Gegenwart, in dem so gern beteuert wird, dass man solidarisch mit allen ist, denen es schlechter geht, hat auch damit zu tun, dass kaum noch jemand mit eben diesen Menschen eine persönliche Abmachung aushandeln muss – oder kann. Je weniger man das gesellschaftliche Verhältnis zu ihnen selbst verantwortet, umso lauter ruft man: Da ist jetzt aber die Politik gefordert! Das fordern wir! Und wähnt sich fein raus.

Das ist der zweite von vier Teilen eines Essays, der im Aufland Verlag mit Illustrationen von Johanna Benz als Buch erschienen ist.