Augen auf im Agrarkonflikt!

Über das persönliche Moment auf dem Acker

— von Kenneth Anders

Als ich auf das Feld trat, standen dort schon Vera und Klaus. Sie waren aschfahl im Gesicht, begrüßten mich ernst und sahen dann unsicher zum Deich hinüber. Ich überlegte kurz, was sie so mitgenommen haben mochte, dann machte Vera eine Andeutung: Sie war verärgert, enttäuscht, verunsichert – von mir. Das war zum Glück ein Missverständnis. Aber von vorn.

Vera war die Leiterin der kleinen Genossenschaft, die die Felder um mein Haus herum bewirtschaftet. Klaus ist in diesem Betrieb der Feldbauleiter. Diese Agrargenossenschaft hatte sich am Anfang der neunziger Jahre aus der alten LPG des Dorfes heraus gegründet. Früher hatten dort weit über 100 Menschen gearbeitet, heute sind es unter zehn. Dennoch bemüht man sich, sein Dorf zu unterstützen: Mit den großen Maschinen auf dem Friedhof den Boden zu schieben, wenn eine Mauer erneuert werden soll. Gebrochene Fahrradrahmen in der kleinen Schlosserei zu schweißen. Ansprechbar zu sein, auch für Anliegen von Leuten, die gerade erst neu in das Dorf gekommen sind. Blühstreifen entlang der Gräben anzulegen, die sich durch das Oderbruch ziehen – was aufwändiger aber sinnvoller ist, als sie einfach entlang der Straße einzusäen. Partner für die Kirchgemeinde, den Schützenverein oder den Kindergarten zu sein. Am Feldbackofen ein kleines Quarktortenfest zu veranstalten. Und, vor allem, so viele Leute wie möglich zu beschäftigen, vorzugsweise jene aus dem Dorf. Das geht nur mit sehr bescheidenen Löhnen und mit einer ganz vorsichtigem Wirtschaftsweise. Schwere Rückschläge blieben diesen Bauern dennoch nicht erspart, vor allem die Aufgabe der Milchkühe vor vier Jahren war ein schlimmer Tag, dem unzählige schlaflose Nächste vorangegangen waren. So ein Betrieb ist das. Ich hatte einige Jahre gebraucht, um das alles zu sehen und zu verstehen, denn diese Leute machen nicht viele Worte von sich und dem, was sie denken. Sie tragen das alles nicht vor sich her.

In mich hatten sie offenbar ein gewisses Vertrauen gesetzt. Nun musste aber irgendwo auf den Äckern ringsum etwas neu vermessen werden, weil ein Flurstück verkauft wurde. Dieser Vorgang brachte alle möglichen Grenzverläufe in Bewegung, so auch den zwischen meinem Garten und ihrem Feld. Also bekamen wir Post von einem Vermesser, wir sollten uns doch bitte zur Klärung einer Grundstücksfrage dann und dann an dieser Stelle einfinden. Ich hatte diesen Brief bekommen, und Vera auch. Aber Vera hatte offenbar geargwöhnt, dass ich diesen Vorgang ins Rollen gebracht hatte, ohne mit ihr zu sprechen. Das war ein grober Vertrauensbruch für sie. Und wenn es so gewesen wäre, wenn ich tatsächlich einen Vermesser bestellt hätte, um ein paar Quadratmeter gut zu machen, statt das zunächst mit ihr zu besprechen, dann wäre es auch genau das gewesen.

Dazu sollte man wissen, dass Landfragen hier sehr sensibel sind. Den Betrieben gehört nur ein Teil ihrer Wirtschaftsfläche, ohne Pachtland können sie nicht überleben. Da sich aber die Boden- uind Pachtpreise in den letzten Jahren erheblich erhöht haben, fühlen sich die ohnehin an ihren Grenzen wirtschaftenden Betriebe wie auf einem Pulverfass. Sie veranstalten Verpächtertage, um ihre Arbeit zu zeigen und die einst enge Bindung zu erhalten. Aber mit jedem Jahr wächst dennoch der Abstand zwischen den Landbesitzern und den Landbewirtschaftern. Ich war schon bei vielen solcher Veranstaltungen. Man kann zusehen, wie das Verständnis derer, die nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten, schwindet. Einmal kam ein Betriebsleiter nach einem solchen Tag zu mir. Er hatte den Leuten von Milchpreisen und Fruchtfolgen erzählt, von der Erneuerung der alten Ställe und von der Nutzung von Luzerne als Proteinlieferant für die Kühe, womit man die Einfuhr von Sojafutter ersetzten kann. Die Gesichter hatten keine Regung gezeigt, der Betriebsleiter war ratlos. Wie lange würden seine Verpächter ihm ihr Land noch lassen?

Die Anspannung bei diesen Dingen ist so groß, dass kleinste Zeichen bereits als unselige Eruptionen gewertet werden können. Und das ist auch nicht aus der Luft gegriffen. Als wir in unserem Dorf eine neue junge Pfarrerin bekamen, schlug diese sofort vor, das alte Pachtverhältnis mit der ollen Genossenschaft zugunsten eines schönen Biobetriebes zu kündigen. Sie kannte zwar keinen geeigneten Biobetrieb in der Nähe, aber man würde vielleicht einen finden? Die Pächter schauen, wie sie sich besserstellen können, moralisch oder finanziell, am besten beides. Da haben die Bauern, die schon da sind, nicht unbedingt die besten Karten. Geht aber ein Flurstück verloren, kann leicht der ganze Schlag den Pächter oder Eigentümer wechseln. Das alles läuft ganz im Stillen ab. Und plötzlich steht man da, hat seine Flächen eingebüßt und kann den Verlust um nichts in der Welt ersetzen.

Nun standen wir also auf dem Feld, Vera, Klaus und ich. Und da kam auch schon der Vermesser und erklärte, wie das alles zusammenhing. Ganz jemand anders hatte an ganz anderer Stelle eine Vermessung beauftragt. Es musste ein neuer Grenzstein gesetzt werden, mehr nicht. Damit wurde auch klar, dass keiner von uns in dieser Angelegenheit etwas unternommen hatte – und dass auch niemand die Absicht hatte, dem anderen irgendetwas wegzunehmen. Ich sah Vera ihre Erleichterung an.

Übrigens suchte ich ein paar Jahre später eine Schlechtwettervariante für meine Hochzeit, da bot mir Vera ihre Maschinenhalle an. Und noch einmal einige Jahre später wollte ich auf einem Stück Acker ein Pleinair veranstalten, mit Künstlerinnen, Landschaftsarchitekten und Ökologen, eine Sache, die sicher nicht jedem im Dorf besonders sinnvoll erscheinen würde. Vera stellte uns fünf Hektar zur Verfügung, wir konnten darauf die verrücktesten Sachen machen: Löcher graben, Käfer zählen, die Krume aufreißen oder Installationen bauen.

Ich bin sicher, die anderen Leute hier in den umliegenden Dörfern können ähnliche Dinge erzählen, die ihnen widerfahren sind, in aller Bescheidenheit. Inzwischen baut der Betrieb wieder Kartoffeln an und hat 100 Hühner angeschafft, die Eier, die Kartoffeln und so manches Glas mit Leberwurst oder eingeweckten Gurken wird im neuen Hofladen verkauft. Das ist schön.

Da hast du doch Glück, könnte man sagen, dass du so nette Bauern um dich herum hast. Vielleicht ist es Glück. Ich glaube aber, es ist mehr. Mit Veras Vorgänger Siegfried war es nämlich auch gut und mit ihrem Nachfolger Olaf ist es wiederum prima, ganz wunderbar sogar. Und ich mache in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass der Betrieb, von dem hier die ganze Zeit die Rede ist, ein so genannter konventioneller Landwirtschaftsbetrieb ist, in dem also Agrarchemikalien zum Einsatz kommen. Solche Bauern werden von vielen Akteuren meines Schlages nicht mal mit dem Arsch angeguckt. Man geht davon aus, dass Menschen, die „ihre Äcker vergiften“, unwürdig sind. Man weiß zwar nicht, wie es auf deren Feldern wirklich aussieht, welche Vögel dort leben oder welche Vegetation man antreffen würde, aber man hat einen großen Artikel in der Süddeutschen gelesen, das muss reichen.

Mit Bernd, der den Nachbarbetrieb geleitet hat, habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Zeichen standen dafür zunächst überhaupt nicht gut. Es war nämlich so, dass dieser Nachbarbetrieb zu den ersten gehörte, der den umstrittenen gentechnisch veränderten Mais MON 810 bei sich anbaute. Ich habe bis heute kein Vertrauen in diese Technologie, also wollte ich mich engagieren und suchte das Gespräch zu ihm als Betriebsleiter. Wir sind uns in der Sache nicht einig geworden, aber das Gespräch war dennoch die Mühe wert. Bernd nahm sich Zeit, er verzichtete auf jede Belehrung. In einfachen Worten legte er mir seine Sichtweise dar. Als Bauer habe er ein grundsätzlich aufgeschlossenes Verhältnis zu verbessertem Saatgut und neuen Technologien. Der Fortschritt sei für einen Bauern nichts Schlechtes. Sein ganzes Leben lang habe er gesehen, wie die Härten der Landarbeit ab- und die Erträge zunahmen. Diesen Mais müsse er nicht spritzen, da er gegen einen schwer zu bekämpfenden Schädling, den Maiszünsler, gebaut worden sei. Er müsse als Landwirt darauf vertrauen, dass die Institutionen und Wissenschaftler in den aufwändigen und teuren Zulassungsverfahren ihren Job machten, sodass es doch in Ordnung sein müsse, wenn er dann auch innerhalb der damit gesteckten Grenzen handelte. Diese Fragen könne man doch nicht in persönlichen Scharmützeln vor Ort austragen!

Ich wusste nicht, ob ich ihm da folgen würde, aber eines war klar: Ich würde es mir in dieser Angelegenheit fortan nicht so leicht machen können, ich hatte diesem Mann ja nun in die Augen geschaut und hinter den Eindruck seiner Integrität konnte ich nicht zurück. Als ich bei der ersten öffentlichen Protestveranstaltung aufschlug, hatte jemand ein großes Transparent mit der Aufschrift GENDRECK WEG aufgehängt. Das war mir nun schon unangenehm. Der Ton, der hier angeschlagen wurde, war einem Gespräch nicht unbedingt dienlich. Bald gab es sogenannte Feldbefreiungen mit Aktivisten von überallher, die unter riesigem Polizeieinsatz über die Maisschläge herfielen. Da bin ich dann schon nicht mehr mitgegangen. Bin ich also feige oder konfliktscheu?

Eine Demokratie braucht Auseinandersetzung, sie braucht Leute, die eine Position einnehmen und Auseinandersetzungen wagen. Das ist schon richtig. Aber auf dem Land sieht man, dass hinter jeder Sache ein konkreter Mensch steckt, der das, was er tut, auch verantworten muss – und zu dem man sich wiederum selbst verhalten kann. Dann wird deutlich, dass hier nicht einfach die einen gegen die anderen, sondern dass beide zusammen in einem gesellschaftlichen Widerspruch stehen. Erst wenn man das sieht und anerkennt, kann man meines Erachtens sinnvoll das Politische vom Moralischen, die Analyse einer Sache vom persönlichen Umgang trennen. Die Einschätzung der Person, die einem gegenübertritt, bekommt in so einem Prozess eine sehr hohe Bedeutung. Der Diskurs aber, so wie er derzeit in unseren Medien gerahmt wird, bringt die einen gegen die anderen in Stellung und verwirft das persönliche Urteil. Es scheint nichts Gemeinsames mehr zu geben, es gibt die Guten und die Bösen. So entstehen Doppelmoral und gegenseitige Blindheit.

Noch einmal einige Jahre später war ein großes Museum in meiner Nähe von der Schließung bedroht und ich kam in die Rolle, es gemeinsam mit anderen neu aufzubauen. Es sollte ein Museum für Regionalentwicklung werden, in dem auch diese Probleme der Landwirtschaft besser, fundierter und kommunikativer verhandelt und diskutiert werden konnten. Für das Museum musste ein neuer Trägerverein gegründet werden und dieser wiederum brauchte einen Vorstandsvorsitzenden – nicht irgendeinen, sondern eine Persönlichkeit, die unter den Oderbrüchern Ansehen genoss, die möglichst im Dorf eine Autorität und bei den Landwirten anerkannt war und auch in den Kommunen für uns einstehen konnte. Das war Bernd. Er ließ sich auf diese schwere Aufgabe ein. In den nächsten Jahren hat er uns den Rücken freigehalten, im Dorf für uns gebürgt, auch dann, wenn uns das Misstrauen gegen unsere Arbeitsweise, die vielen zu intellektuell und zu künstlerisch war, zu ersticken drohte. Auch im Stadtparlament rettete uns Bernd so manches Mal die Haut. Ich weiß nicht, ob wir diesen Neustart ohne ihm geschafft hätten.

Als er sein Vorstandsamt aufgeben musste, brauchten wir natürlich eine gute Nachfolge. Da sprang Vera ein. Ich bin beiden unendlich dankbar.

Bei Vera wie auch bei Bernd dauerte es übrigens mehr als zehn Jahre, bis wir uns das Du anboten. Ich glaube, wir hatten einfach sehr viel Respekt voreinander.