Ortsbildstörend

Wenn Urteile töten könnten, wäre unser Dorf jetzt tot

— von Tina Veihelmann

Vor vielen Jahren war ich mit einer Gruppe von Österreichern in der Bukowina unterwegs. Das ist eine Provinz in der westlichen Ukraine, die von Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg unter Habsburgischer Herrschaft stand, danach war sie kurz rumänisch und dann sowjetisch. Irgendwann nach den 1990ern gab es eine Phase, in der gerade österreichische Touristen fasziniert von ihr waren. Allerdings beschränkte sich das hauptsächlich auf die Städte mit ihren stuckverzierten Häusern, die unzweifelhaft nach K&K aussehen. Mit der Gruppe von Österreichern war ich auf dem Land unterwegs. Wir fuhren in einem Kleinbus herum, besichtigten alles Mögliche und hatten eine Menge Spaß.

Gegen Abend saßen wir auf einer Anhöhe auf einem Mäuerchen und blickten auf die Dächer eines Dorfs, das unter uns im Tal des Dnjestr lag. Es gab eine bunte orthodoxe Kirche, einige Bauernhäuser mit Blechdächern, die für die Gegend typisch sind, ein paar Sommerhäuser aus Sowjetzeiten und eine Handvoll grau verputzter Zweckbauten. Kurz – ein gewöhnliches Dorf in der Bukowina. Die Österreicher waren zum ersten Mal in der Ukraine, einen Freund besuchen, der mit einem Stipendium hier lebte. Während eine Tüte mit Knabberzeug herumging, bemerkten sie, dieses Dorf sei „schiach“. Das Wort „schiach“ kannte ich schon. Es heißt so viel wie hässlich. Schiach sei das Dorf, weil es hier zu viele Blechdächer gebe. Zu viel Rauputz, zu viel Wellblech und Teerpappe. Auf der anderen Seite zu wenige alte und schöne Gebäude. Und überhaupt: zu viel Durcheinander. Diese Garagen und alles. Insgesamt: schiach. 

Nicht lange vorher war ich in einem ganz ähnlichen Dorf gewesen, und hatte einen Lehrer interviewt, der zugleich Schmied war, eine Landwirtschaft betrieb und drei kleine Töchter hatte. Weil der Lehrer so wenig Zeit hatte, führten wir das Interview, während er nebenbei seinen vielen Arbeiten nachging. Er bewohnte ein solches Bauernhaus mit Blechdach. Es war weit über hundert Jahre alt, wie er mir erzählte. Vor ihm hatten es seine Eltern, davor seine Großeltern und noch davor seine Urgroßeltern bewohnt. Das Blechdach besaß es – wie alle anderen Häuser dieses Typs – schon seit den Tagen der österreichischen Herrschaft. Ein guter Teil der Zeit und Findigkeit des Lehrers ging dabei drauf, sein Haus in Ordnung zu halten. Das Blechdach, darauf war er stolz, konnte er selbst reparieren, weil er das Handwerk beherrschte. Aber nicht allen Bewohnern dieser Art von Häusern gelang das so gut. Manche werkelten selbst, wenn sie keinen Schmied kannten, und sie nahmen Wellblech, wenn kein besseres Material zur Hand war. Deswegen sah am Ende nicht immer alles so aus, wie wir uns schöne alte Bauernhäuser vorstellen. 

Ich versuchte, den Österreichern zu erklären, dass die Häuser, die sie für alt hielten, Ferienhäuser seien und relativ neu waren, die Blechdachhäuser dagegen seien alt. Ich erzählte ihnen auch, dass es ihre Bewohner, von einer Kaskade von Wirtschaftskrisen gebeutelt, viel Mühe kostete, allein dafür zu sorgen, dass es nicht hereinregnete. Ich redete, und hörte auch bald wieder auf damit. Einerseits, weil mir die Rolle als selbsternannte Bauhistorikerin nicht gefiel, vor allem aber, weil meine Ausführungen die Österreicher nicht sonderlich interessierten. Sie fingen an, mir auf die Nerven zu gehen, wie sie so auf dieser Anhöhe saßen, auf das Dorf herabschauten, von dem sie rein gar nichts verstanden und ihre Kategorien lieb (schön) und schiach anwandten. Während sie ihr Knabberzeug aßen, fingen sie an, ein Spiel zu spielen, bei dem alle schiachen Gebäude mit einem imaginierten Laserschwert zerstört werden mussten. Dabei fanden sie sich ziemlich komisch.

Bald darauf kamen der Maidan und der schiache Bürgerkrieg, und die westliche Ukraine verlor für die Österreicher und Deutschen an Reiz. Zuvor war sie neu und spannend gewesen. Ein Fast-Europa weit im Osten, dem man ein Quäntchen der eigenen Zivilisation mitbringen konnte. Einige österreichische Organisationen engagierten sich, historische Gebäude im K&K Städtchen Czernowitz zu restaurieren. Mit dem traurigen Erwachen, wie wenig der Westen dem Osten weitergeholfen hatte, ließ das Interesse schnell nach.

An die Szene am Dnjestr musste ich im letzten Sommer denken. Es war in einem ganz anderen Dorf. Nämlich in Ostbrandenburg bei Beeskow, wo wir unser Haus gekauft haben. Manchmal habe ich das dringende Gefühl, auch diese Gegend ist für die westlicheren Deutschen eine Besiedlung weit im Osten, der man – eventuell – ein Quäntchen der eigenen Zivilisation mitbringen könnte. Nur, dass der Blick darauf weniger liebevoll ist. An jenem Tag im Sommer besuchte uns dort eine Freundin von mir. Sie hatte ihr Auto geparkt, stieg aus, schaute sich um, und bemerkte, das sei ja hier fast ein schönes Dorf. Gemessen an dem, was man in dieser Gegend erwarten kann. 

Mir kippte fast die Kinnlade runter. Wir standen auf dem Gehweg aus schief getretenen Platten aus den 1980er Jahren vor unserem schmiedeeisernen Gartenzaun, den jemand lange vor uns orange angestrichen hat. Dahinter ist unser Haus zu sehen, das zwar alt ist, dem aber ein gelber Rauputz aus DDR-Zeiten und eine Veranda – vermutlich aus den 1970ern – ein zweifelhaftes Antlitz verleiht. Daneben glänzt das Haus des Ortsvorstehers, ein DDR-Typenbau von kurz vor der Wende mit spitzem Dach und dunklen, die Sonne spiegelnden Dachsteinen. Die meisten unserer Gäste schweigen höflich, wenn sie zum ersten Mal kommen und ich ihnen unser Tor öffne. Der Punkt war: Meine Freundin guckte in die andere Richtung. Ich folgte ihren Augen, und richtig: Wenn man mit dem Rücken zu unserem Gartentor steht und über den Anger blickt, sieht dieser Ausschnitt des Dorfs idyllisch aus. Da ist der grasbewachsene Anger mit seinem kleinen Fließ in der Mitte. Man sieht hohe Büsche, mit dem sich ein Professor, der in einem Fachwerkhaus lebt, vor dem Anblick unseres Gartenzauns schützt. Den Horizont bildet die Gebäudereihe auf der anderen Angerseite, die ein großes und ansehnliches Klinkerhaus dominiert. Vor über hundert Jahren hat es ein wohlhabender Bauunternehmer errichtet, deshalb war es haltbarer, als eine Reihe anderer alter Häuser, die inzwischen abgerissen sind. Vor ihm steht sogar noch ein Stück erhaltener Feldsteinmauer. Hübsch, bemerkte meine Freundin. Erfreut über das unverdiente Lob, blickte ich mit meiner Freundin zusammen möglichst lange in genau diese Richtung. Bis ich dann das Gartentor öffnete und in unsere schiache Veranda bat. 

Als ich darüber nachdachte, merkte ich, dass mich diese ästhetischen Urteile nicht kalt lassen. Als meine Freundin das Dorfbild lobte, freute ich mich wie ein Kind, dem jemand ein Eis geschenkt hat. Sicher war ich auch froh, dass sie das Laserschwert stecken ließ, mit dem unsere meisten Gäste dann doch irgendwann den Gehweg, das Haus des Ortsvorstehers, unseren Zaun und die Veranda traktieren. Wenn dazu nichts gesagt wird, kann es vorkommen, dass ich selbst etwas sage. Etwas Entschuldigendes. Zumindest etwas, das klar macht, dass natürlich auch ich sehe, dass unser Haus im Kern ein altes Büdnerhaus ist und später jemand seine Kubatur durch den Anbau der hässlichen Veranda verunstaltet hat. Und dass der Gehweg das ganze Ortsbild verändert hat. Wir haben alte Fotos gesehen, auf denen dort stattdessen noch ein Sandweg war. Man nannte das „Sommerweg“. Neben dem Kopfsteinpflaster in der Straßenmitte hat es in fast allen Brandenburger Dörfern diesen unbefestigten Streifen Sand gegeben. Den Sommerweg und das Kopfsteinpflaster säumten zwei Reihen Linden. 

Wenn ich so rede habe ich – so seltsam das klingt – zugleich ein schlechtes Gewissen. Ich kenne nämlich die frühere Bürgermeisterin des Dorfs. Sie ist eine ältere Dame, die fit wie ein Turnschuh ist, und mit ihr gehe ich manchmal spazieren. Wenn der Weg aufhört, steigt sie über Wurzeln und Brombeerranken. „Weg ist Weg“, sagt sie dann, wenn ich mich darüber beschwere. Diese wackere Lady hat Zeiten mitgemacht, als man in unserem noch kriegsgebeutelten Dorf froh über jede Neuerung war. Als sie Bürgermeisterin wurde, waren die Straßen, an denen die Neubauernhäuser standen, noch unbefestigt, und wenn es matschig war, konnte man nicht zu den Höfen fahren. Es gab noch keine Wasserleitung, nur Brunnen. In meinen Ohren hört sich das romantisch an. Aber weil das Dorf vergleichsweise hoch oben liegt, fielen die Brunnen im Hochsommer manchmal trocken. Und das war dann überhaupt kein Witz mehr. Ich glaube, von der Armut unseres Dorfs mache ich mir immer noch keine Vorstellung. Aufhorchen ließ mich, als mir eine über neunzigjährige Bewohnerin, die nach dem Krieg als Flüchtling hierher kam, erzählte, sie hätte vorher noch nie in ihrem Leben ein so elendes Dorf gesehen. Dabei kam diese Frau selbst aus wirklich armen Verhältnissen. Die alte Bürgermeisterin jedenfalls machte möglich, dass das Dorf eine befestigte Straße bekam. Die Gehwegplatten vor unserem Zaun verlegten Rentner und andere Dorfbewohner in Eigenarbeit. Die Bürgermeisterin ist heute noch stolz darauf, als wäre es gestern gewesen. Nicht weniger stolz ist sie auf die Straßenbeleuchtung und den Anschluss auch der letzten Neubauernhäuser an die Wasserversorgung. Sie erzählt vom Wohlstand ab den Siebziger Jahren, als die LPG besser wirtschaftete. Und wie sie damals Buchhalterin werden konnte – statt Bäuerin am Rande des Existenzminimums. Alles, was neu im Dorf ist, steht für sie für Verbesserung. Altes verbindet sie mit Mangel, mit Not und der Nazizeit. Ihre Augen leuchten, wenn sie erzählt, mit welcher Freude sie damals den alten Plunder wegwarfen und sich über alles freuten, was sie neu geschaffen hatten. Ich glaube, nirgendwo hat man mit mehr Wonne Sommerwege planiert, als in unserem Dorf. Wenn ich der alten Bürgermeisterin erzähle, dass wir unsere „neue“ Veranda wegreißen wollen und bei einem Tischler eine Holztür anfertigen lassen – so wie man sie früher hatte – guckt sie mich ungläubig an.

Offenbar wird heute alles, was diese Generation geschaffen hat, um Not zu überwinden, als hässlich empfunden. In den Neunziger Jahren haben Landschaftsplaner für unser Dorf ein Gutachten erstellt. „Dorferneuerung“ heißt es. Unser heutiger Ortsvorsteher, der es seinerzeit selbst in Auftrag gegeben hatte, hat es uns einmal gezeigt. Es ist ein Rundgang durchs Dorf, von jedem Haus gibt es eine Fotografie, dazu eine Bewertung und Handlungsempfehlung. Das Ergebnis war wenig überraschend. Ein paar wenige Bienchen hatten die Dorferneuerer zwei bis drei Gebäuden gegeben, deren äußere Gestalt halbwegs dem Vorkriegszustand entspricht. Darüber hinaus gingen die sie ähnlich vor wie meine Österreicher in der Ukraine mit ihrem Laserschwert. Das Haus des Ortsvorstehers vernichteten sie mit der kurzen Bemerkung „ortsbildstörend“. Er lachte darüber herzlich, als hätte jemand einen guten Witz gemacht. Aber sicher bin ich nicht, ob es ihm seinerzeit nicht im Hals stecken blieb. Denn von den tausend Geschichten, die er stets allen erzählt, handeln mindestens hundert davon, wie er Ende der Achtziger Jahre, als es in der DDR fast keine Baumaterialen gab, allem zum Trotz sein Haus gebaut hat. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass auch die Erfolge des Dorfs im Straßenbau nicht den Beifall der Landschaftsplaner fanden. Und auch der „Dorfclub“ nicht, eine frühere LPG-Schlosserei, die die Dorfbewohner zum Tanzsaal mit Bar und Bühne ausgebaut haben.

Ich will mich hier nicht zur Expertin aufschwingen. Ich kenne mich mit Konzepten, Ortsbilder zu beurteilen oder in Wert zu setzen nicht einmal umfassend aus. Aber seit ich selbst ein altes Haus ausbaue, das Teil eines Dorfs ist, höre ich mit anderen Ohren zu, wenn über Dörfer gesprochen wird. Dabei fällt mir auf, dass es bei Dörfern – anders als bei Städten – fast nie das Dorf selbst ist, das sich beschreibt und entscheidet, welche Dinge es sind, die für den Ort wesentlich sind. Sondern es ist meistens eine Instanz von außen. Die Landschaftsplanung. Der Denkmalschutz. Die Interessen von Tourismusverbänden, das Urteil von Sommerfrischlern. Das führt zu einer gewissen Distanz. Der Vergleich mag absurd klingen, aber Berlin, das pausenlos über sich spricht, wird selbstverständlich zugestanden, selbst zu erzählen, was diese Stadt ausmacht. Beziehungsweise ist es eine Fülle von Selbst- und Fremdbeschreibungen, die sich aneinander brechen und Bilder erzeugen. Dabei ist die baukulturelle nur eine von vielen Dimensionen. Und jeder, der Berlin hasst oder verehrt, wird bejahen, dass dieses Bild nicht zuletzt von seinen Brüchen lebt. Die Notbauten der Nachkriegszeit sind in Berlin Gegenstand von Stadtführungen. Und umgenutzte Industriebauten, in denen gefeiert, gearbeitet und Kultur gemacht wird, gelten schon fast als ein Sinnbild der Stadt. Städten wird erlaubt, sich als vielschichtige und stets werdende Gebilde zu verstehen. Ich frage mich, warum das mit Dörfern so anders zu sein scheint. 

Warum müssen Dörfer für das Prädikat „reizvoll“ ein möglichst geschlossenes Ortsbild aus der Zeit von vor 1945 vorweisen? Man möchte mich nicht falsch verstehen: Nach allem, was die ostbrandenburgischen Dörfer verloren haben, soll man natürlich erhalten, was an älterer Substanz noch lesbar ist. Traurig genug, dass das so oft misslingt. Aber woher der Ekel vor allem Neueren? Warum wird jegliches, mit dem sich die heutigen Bewohner von Dörfern in in die Ortsbilder eingeschrieben haben, als Unfall betrachtet? Weshalb eigentlich gilt die Lebensleistung nicht, Mangel überwunden zu haben?