Beerdigungen

Mit 68 kann man schon mal an den Tod denken

— von Wolf-Peter Huth

Am 3. Januar ist Ruth S. Im biblischen Alter von 93 Jahren gestorben. Ruth war eine der ersten Wolluperinnen, die wir im Sommer 1992 kennenlernten, als wir, eine Gruppe von drei Frauen, drei Männern und zwei Kindern aus Leipzig und Berlin, voller Tatendrang und revolutionärem Elan im Dorf ankamen und zunächst in zwei kleinen Wohnungen im Verwaltungsgebäude des Landwirtschaftsgutes Quartier bezogen. Mit ihrer Familie war sie 1935 nach Wollup gekommen und hatte alles miterlebt, die 1930er Jahre, den Krieg, die Flucht, die Rückkehr, den Wiederaufbau und die Errichtung des Gartenbaugutes und der dazugehörenden Siedlung und nun den Zusammenbruch der über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen. Darüber hat sie manche Träne vergossen, aber Ruth war nicht unterzukriegen. Sie war ein wandelndes Geschichtsbuch, ein Organisationstalent voller Tatkraft und immer dabei, wenn es um die Interessen des Dorfes und seiner Bewohner ging. Am 13. Februar wurde sie als Ehrenbürgerin der Gemeinde Letschin auf dem dortigen Friedhof beigesetzt. Es war ein strahlender Vorfrühlingstag und neben der großen Familie waren viele Weggefährten gekommen.

Am Tag zuvor, einem Freitag, wurde die Urne von Eva P., der Mutter meines Kumpels Lothar, auf dem Voßberger Friedhof neben der ihres Mannes Ewald  in der Erde versenkt. Lothar, einen begnadeten Geflügelzüchter und Baumpflanzer, hatte ich im Frühjahr 1992 in Wulkow bei Frankfurt kennengelernt. Ich absolvierte dort ein Praktikum von meiner Umschulung zum Umweltberater und er wurde zum Landschaftsgärtner umgeschult. Zu der Zeit ahnte ich nicht, dass ich ein halbes Jahr später in Wollup landen sollte und mich mit ihm anfreunden würde.

Der Voßberger Friedhof liegt 200m abseits der Hauptstraße in einem kleinen Wäldchen. Viele, die wir Anfang der 1990er Jahre kennenlernten, die uns halfen ohne viel zu fragen, liegen inzwischen hier, gestorben oft vor der Zeit.

Kurt, ein großer ruhiger Mann, der ein schönes verschmitztes Lachen im Gesicht hatte, Ende der 1950er als Spätaussiedler aus Ostpolen nach Wollup gekommen. Er, der beste Traktorist des Gutes, pflügte unseren verwilderten Garten im Herbst 1992.

Bruno L., letzter Betriebsleiter des Gartenbaugutes Wollup, der den Niedergang seines Betriebes nie verwunden hat.

Der ehemalige Schirrmeister T., der, als er im Krankenhaus Seelow das Ende kommen sah, zu seinem Sohn sagte: „Junge nimm ein Hammer und schlag mir dood“ Worauf jener erwiderte: „Nee Vadder, dit bringt uns beeden nüscht.“

Eddi, ein Schlosser mit goldenen Händen, der mir bei der Reparatur des Motors meines ersten Treckers half.

Jörg N., Schweinemeister des Gutes, ein großer massiger Mann, der leichtfüßig wie eine Feder tanzen konnte, bei der Dorfdisco auflegte und auf die Bitte eines Jugendlichen doch mal die Toten Hosen zu spielen antwortete:“Wat für tote Hosen? In meiner Hose is noch alles lebendig.“

Der Maurer Eckehard , der meinen Schornsteinkopf erneuerte.

Opa Simon, der Pumpenspezialist, der 1930 auf unserem Vorwerk geboren wurde, mit wachen blauen Augen über seine Kindheit und Jugend erzählte, nach dem Tod seiner Frau, die er bis zum Schluß gepflegt hatte, allein in seiner ehemaligen Werkswohnung der abgerissenen Voßberger Zuckerfabrik wohnte, regelmäßig den benachbarten Schrottplatz nach Verwertbarem absuchte, die Fahrräder der Kinder und auch meines reparierte und jedes Jahr nach eigenem Rezept Mengen saurer Gurken einweckte. Im Frühjahr 2018 an einem warmen Märztag, ein halbes Jahr vor seinem Tod, setzte er  meine defekte Hauswasserpumpe instand.

Ich weiß nicht, was sie damals über uns gedacht haben. Geredet wurde eine Menge im Dorf und wir boten mit unserem Äußeren, unserem Auftreten und unserer wenig bäuerlichen Tageseinteilung reichlich Stoff dazu. Aber sie haben uns aufgenommen, uns geholfen, haben sich gefreut, dass wir das alte Vorwerk zu neuem Leben erwecken, dass sie uns ihr Wissen weitergeben konnten, das wir begierig aufnahmen. Wir gründeten mit ihnen einen Verein mit dem Plan, die von der Treuhand verwalteten landeseigenen Landwirtschafts- und Gartenbaubetriebe in ein ökologisches Mustergut zu verwandeln, was trotz Demo auf dem Seelower Marktplatz im Sommer 1993 und des Versprechens des damaligen Landwirtschaftsministers nicht gelang. Wir haben gemeinsam gearbeitet und gefeiert und manchmal haben wir uns gestritten. Aber wir wussten, dass wir zusammengehören.

Unter den hohen alten Bäumen denke ich daran, wo ich einmal begraben werde. Meine Eltern haben vor 14 Jahren eine Familiengrabstelle an einer 120jährigen Eiche im Hangelsberger Forst gekauft. Das gefällt mir, bin ich doch in den Wäldern am Müggelsee groß geworden.

Andererseits, hier bei den alten Kumpanen zu liegen wäre auch nicht schlecht.