Zeit schinden im Verfall

Die Scheune III

— von Kenneth Anders

Die Scheune war also schief, außerordentlich sogar und übrigens windschief, also von West nach Ost geneigt, wie ringsum die Bäume auch. Man musste nun wirklich fürchten, sie könnte umfallen. Aber vor allem staunte man, wie es der Wind geschafft hatte, das Gebäude so zu beugen?

Das ist eine lange Geschichte, 130 Jahre alt. Es gab 1880 noch keine Regenrinnen an Scheunen. Das Wasser tropfte also vom Dach vor die Grundschwelle. Da der Boden auf einem Bauernhof durch die Bewirtschaftung grundsätzlich anwächst, wenn man nicht aktiv dagegen anarbeitet, lag die Schwelle bald in der Erde, blieb also immer feucht und verrottete, bis nichts mehr von ihr übrig war. Der Aufbau sank langsam herab, so hat die Scheune im Verlauf der Zeit mindestens 16 cm Höhe eingebüßt. Stecken aber die Ständer nicht mehr in einer Schwelle, bewegen sie sich. Der Wind kann, beharrlich wie er ist, oben drücken und die Stiele unten langsam aushebeln. Das müssen die Hofbesitzer gemerkt haben, denn als ihnen der Westgiebel nicht nur oben nach Osten kippte, sondern am Boden auch ausbrach, bauten sie, sozusagen aus Angst, einen kleinen Stall an, der sollte dagegendrücken.

Schäden hat sicher auch der schlimme Krieg verursacht, die Russen sind jedenfalls hier gewesen, sie haben sogar ein paar kyrillische Buchstaben in die Hauswand gekratzt, und unser Zimmermann fand einen Granatsplitter im Holz. Im Winter 1947 kam dann das Oderhochwasser. Es schlug jedenfalls am Wohnhaus eine ganze Ecke heraus, wahrscheinlich wurde es durch herumtreibende Balken gerammt. Damals soll es, das weiß ich aus vielen Erzählungen, sehr windig gewesen sein. Das überflutete Bruch war zeitweise ein einziges Wellenmeer. Ich vermute, dass damals auch die Gefache in den oberen Giebeldreiecken herausfielen und später mit Holz verkleidet wurden.

Aber dann machten die Besitzer noch einen Fehler, ich weiß nicht warum: Sie schnitten einen der durchgehenden großen Zugbalken im Dachstuhl mitten durch und nahmen ein größeres Stück heraus, wahrscheinlich war es ihnen beim Einbringen des Heus im Weg. Dieser Balken war ein mächtiges Stück Holz, an dessen Spuren man ablesen kann, dass es wahrscheinlich früher schon mal in einem anderen Gebäude verbaut war. Jedenfalls war nun die Aussteifung des Gebäudes gestört, und das ist für ein Holzbauwerk nicht gut. Es kam immer mehr in Bewegung und neigte sich im Wind. Die kleine Pracht ging zu Ende.

Nun fragt es sich, warum die Besitzer, denen es doch so wichtig gewesen war, eine solche kleine Bauernscheune zu haben, es zuließen, dass das Gebäude nach und nach verfiel. Fachwerk ist zum Reparieren da, es gibt kaum etwas, das sich an ihm nicht in Ordnung bringen lässt, wenn man beizeiten handelt. Warum haben sie es nicht getan? Der Hof hat den Besitzer nicht gewechselt, bis zum Jahr 2013 blieb er in den Händen der Familie, die ihn gebaut hat. Wie gesagt, ich weiß von der Familie, dass ihnen das alles viel bedeutete.

Ich vermute, sie konnten nicht. Auf der Ostseite hatte es noch einmal für neue Dachziegel gereicht, das war‘s dann aber auch. Der Zeitpunkt, zu dem der kleine Hof gebaut wurde, war so ziemlich der Höhepunkt ihres bäuerlichen Aufstiegs, wie er im Oderbruch möglich war. Danach wurde es schwerer, oft ging es sogar wieder bergab. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts nahm die Verschuldung vieler Bauern zu, weil sie ständig neue Maschinen kaufen mussten, um mit der Produktivitätsentwicklung Schritt zu halten.

Für die kleinen Bauernwirtschaften, die aus den Kleinkolonistenfamilien hervorgegangen waren, gab es aber noch ein anderes Problem: Das verarbeitende Handwerk, das lange Zeit so ein wichtiges zweites Standbein gewesen war, verlor im zwanzigsten Jahrhundert an Kraft. Viele Techniken wurden durch industrielle Verfahren ersetzt. Wer brauchte noch einen Kurkelmacher? Die Familie meines Hofes hatte ihre Existenz auch auf die Bockwindmühle gegründet, mit der die ganze Wirtschaft erst richtig rund laufen sollte. Aber diese Mühle, positioniert an der höchsten Stelle des Grundstücks, damit sie möglichst viel Wind einfing, brannte im September 1909 durch Blitzschlag ab, wie in der Chronik der Altreetzer Feuerwehr zu lesen ist. Und das war nicht nur Pech, es passierte auch zu einer Zeit, als die Motormühlen bereits die Arbeit übernahmen – und eine solche Investition kam für diese armen Bauern nun wirklich nicht infrage. Das Geld reichte gerade noch für eine kleine Schrotmühle, die etwas ruppig in der hinteren Ecke der Scheune installiert wurde. Mit einem riesigen, im unweit gelegenen Gut Sonnenburg ausrangierten eisernen Windrad wurde zudem Wasser für den Tabakanbau gepumpt. Das soll schrecklich gequietscht haben, wahrscheinlich trug es vor allem dazu bei, sich weiterhin als Müller fühlen zu können. Aber all das hat nicht mehr den erhofften Beitrag zum bescheiden wachsenden Wohlstand leisten können.

Der Verfall der Scheune steht für mich als ein Symptom für das Ende einer Zeit, in der einfache Menschen sich durch die unabhängige Bewirtschaftung einer Ressource einen bescheidenen Wohlstand erarbeiten konnten.

Der mühsame Aufstieg, über vier, fünf Generationen erarbeitet, kam also ins Stocken. Der letzte Bauer, der hier wirtschaftete, schaffte zwar nach dem Krieg noch einen neuen Leiterwagen an, das war eine große Investition damals. Aber schon bald sollte auch diese im Agrarfortschritt der sozialistischen Landwirtschaft überrollt werden. Ein alter Nachbar sagt, er habe noch erlebt, wie „mein“ Bauer mit dem Ochsen seinen Acker bestellte. „Wie ein Kaschube war der unterwegs“, sagte er halb amüsiert, halb verächtlich. 

Der Neffe dieses letzten Bauern, dessen Mutter auf diesem Hof noch geboren worden war, der aber nun auf einem anderen Hof, wiederum im Herkunftsdorf Neutornow lebt und der sich, als sein Onkel und später seine hier allein lebende Tante es nicht mehr konnten, um den Hof kümmerte, dieser Neffe also wollte der Sache dann mal ein Ende bereiten. Er hätte die Scheune am liebsten abgerissen, weil er meinte, es sei nun doch damit vorbei. Aber seine Tante, so hat er mir später erzählt, habe ihm immer gesagt, er solle sie doch stehen lassen. Die gehöre doch dazu.

Stehen lassen – als ob das so einfach wäre, das Ding flog doch geradezu auseinander! Also machte er sich immer wieder daran, die Wände abzustützen und sie irgendwie am Umfallen zu hindern. Hier wurde ein Stempel untergekeilt, dort eine neue Wand hochgemauert, ohne aber die morsche Holzkonstruktion zu ersetzen. Das war keine Sanierung, keine Reparatur – es diente allein dem Zweck, den Zusammenfall zu verhindern oder wenigstens abzubremsen. Und das ist ihm gelungen.

So hat diese Familie, solange es ging, in Ehren gehalten, was sie einst aufgebaut hatte. Man könnte sagen, sie haben Zeit geschunden. Das ist auch eine Möglichkeit – und nicht die schlechteste.

Das ist der dritte von vier Teilen eines Essays, der im Aufland Verlag mit Illustrationen von Johanna Benz als Buch erschienen ist.