Die Linie übertreten

— von Tina Veihelmann

An Corona im Dorf hat man sich gewöhnt. Ich meine nicht an die Krankheit, sondern an das Dauerausfallen aller öffentlichen Veranstaltungen, an die dunklen Fenster des Dorfclubs und daran, dass es kein Osterfeuer gibt. Man ist privater geworden, trifft nur die, die man gut kennt und von denen man weiß, wie sie über alles denken und wie sie es halten.

Für mein soziales Verhalten während Corona gilt das nicht nur im Dorf, sondern ganz allgemein. Kürzlich schrieb ich einer alten Freundin per SMS: „Komm ruhig, wir freuen uns über Besuch.“ Ich drückte auf „Senden“ und zweifelte sofort. Was mag sie denken? Ein Mensch, der sich in diesen Zeiten über Besuch freut? Vermutlich hat sie gar nichts gedacht. Aber man weiß es eben nie. Die Katze beißt sich in den Schwanz. Weil nicht nur die Regeln die Menschen trennen, sondern auch das Misstrauen, bleiben die unter sich, die sich miteinander sicher fühlen. Und mein und unser Leben verliert an allem, was früher Öffentlichkeit ausmachte. Es verliert an Reibung, an Vielfalt und an Kommunikation mit denen, die anders denken als ich. Diejenigen, mit denen es immer etwas schwieriger war. Ich kenne sie schon gar nicht mehr. Irgendwann werden Namen in meinem Adressbuch stehen, die ich längst vergessen habe.

So ist es auch mit dem Dorf. Ich denke kaum mehr darüber nach, dass ich seit einem Jahr mit keinem der Dorfbewohner mehr gesprochen habe, die mir etwas ferner sind. Und wenn ich doch daran denke, gruselt es mich. Denn ich frage mich, ob nicht inzwischen alle meinen, dass es auch ohne geht. Denn eigentlich geht ja alles ganz geräuschlos zu. 

Vorige Woche riss uns eines Morgens etwas aus diesem Wattegefühl. Ein Mann aus dem Dorf, ich nenne ihn Christian, weil es zu ihm passen würde, fuhr mit einem riesigen Fahrzeug an, grüßte mich – kalt wie ich fand – und fing an, mit einem großen Greifer bei unserem Nachbarn die Büsche einer eingegangenen Hecke aus der Erde zu reißen. Ich wusste lange, dass Christian versprochen hatte, meinem Nachbarn beim Herausreißen seiner Büsche zu helfen. Auch Christians riesige Fahrzeuge kenne ich schon. Was mich irritierte, war der kalte Gruß. 

Dazu muss man wissen, dass Christian ein wichtiger Mann im Dorf ist. Er kennt alle, und alle kennen ihn. Mit Christian will ich nicht im Clinch liegen. Einerseits, weil ich ihn mag und andererseits weil das auch einfach nicht geht. Wenn alles gut ist, legt Christian eine raubeinige, gekonnte und leutselige Freundlichkeit an den Tag. Wenn er das nicht tut, liegt etwas im Argen. Aber was? Wir hatten unser Auto im Weg geparkt. Dann hatten wir es beiseite gefahren. Problem geritzt. Das konnte es also eigentlich nicht sein. Aber Christian blieb kühl. Ich grübelte, machte meine Vormittagserledigungen, kam nach Hause und zog die Stiefel aus.  Dann zog ich die Stiefel wieder an, und ohne genau nachgedacht zu haben, marschierte ich los. Durchs Dorf. Zu Christian. 

Christian stand tatsächlich gerade an seinem Gartentor. Die kurze Fassung ist, dass wir über das Parken unserer Autos redeten und schnell eine Lösung fanden. Die längere Fassung ist: Das Ganze hätte böse geendet, wenn wir uns nicht unterhalten hätten. Hätte ich nicht die Linie übertreten und den Wattekokon geknackt. Es sah schlimm darin aus. Was da herauskam glich dem Inhalt einer Eiterbeule, die sich auf ex entleert. Ein Berg an Missverständnissen, die sich in diesem Jahr aufgetürmt hatten, in dem wir uns einfach nicht begegnet waren. Aber Reden hilft. Es half wirklich. Die noch längere Fassung ist, dass ganz besonders stadtsozialisierte Menschen mit landsozialisierten Menschen persönlich sprechen müssen.  Und zwar vor allem, wenn es um das Parken von Autos geht. 

In meinem früheren Leben wäre mir nie eingefallen, dass das Parken von Autos überhaupt ein Thema sein könnte. Geschweige denn ein Sensibles. In meiner Welt ist der Straßenraum ein Dschungel und ein Auto ein Nutzding, das ich am Kreuzberger Straßenrand abstelle. Ich löse die Handbremse, damit andere, die parken wollen, es mit der Stoßstange hin und her rangieren können. Dann gehe nach Hause und vergesse mein Auto. Bis ich es wieder brauche. Und dann suche ich es. Nie würde ich auf die Idee kommen, mein Auto mit nach Hause nehmen zu wollen, um es in meinen Privaträumen abzustellen, damit es dort sicher sei. Wo sollte das auch sein? Auf dem Balkon vielleicht?

Ganz anders ist es bei Christian. Christian ist Landbewohner, Techniker und Fahrer großer landwirtschaftlicher Fahrzeuge, die bis zu drei Metern breit sind. Er ist gewohnt, Probleme mit Leuten zu haben, die – im nächsten Landstädtchen zum Beispiel – ihr Auto auf der Straße abstellen, um ihm dann die Hölle heiß zu machen, wenn er ihnen mit dem Traktor den Seitenspiegel abfährt. Leute, die mit ihrer Parkerei demonstrieren wollen, dass laute Agrarmaschinen in hübschen Landstädtchen nichts zu suchen hätten.  Leute, die auf der Straße parken, sind für Christian solche Leute. Nie in seinem Leben wäre er auf die Idee gekommen, dass ich mein Auto freiwillig auf der Straße abstelle. Ohne Hintergedanken. Nur eben so, weil ich auf gar keine andere Idee komme.

Es stellte sich heraus, – und das rührte mich, – dass Christian in der Anfangszeit sogar ausgesprochen großzügig über unsere falsch parkenden Autos dachte. Er dachte: Das sind Menschen in einer Ausnahmesituation. Menschen, die ihr Haus renovieren müssen und deren Einfahrt daher durch Holzlieferungen, Kieshaufen und Zementsäcke blockiert ist. Als er irgendwann merkte, dass wir nicht einmal daran dachten, unsere Autos anders abzustellen, wurde er doch ärgerlich. Noch mehr ärgerte er sich, als eines Tages ein Straßenbaufahrzeug kam, um die weiße Linie am Fahrbahnrand nachzuziehen. Und da, wo unsere Autos parkten, blieb eine Lücke. Die Linie, erklärte er mir, dürfe man nicht überfahren. Auch nicht zum Parken. Er ist Mitglied des Ortsbeirats, und die ganze Gemeindevertretung in unserer Großgemeinde diskutierte, wenn ich das richtig verstanden habe, über die falsch parkenden Autos in unserem Dorf. Am allerschlimmsten und ärgerlichsten aber fand er es, wenn wir uns so dämlich hinstellten, dass er mit seinen großen Landmaschinen im Zickzack fahren musste. Er performte das Zickzackfahren. „Irgendwann“, sagte er, würde er mir „kracks, den Seitenspiegel abfahren“. Ich guckte schuldbewusst und meinte es auch so. Und verkniff mir, zu sagen, dass mir mein Seitenspiegel egal sei. Er wurde freundlicher und schließlich fast warmherzig. Er bot mir an, unsere Zementsäcke, die unsere Einfahrt blockieren, demnächst mit dem Teleskoplader zu rangieren. Damit unsere Autos endlich dahin könnten, wo sie hingehören. In die Garage nämlich. Überhaupt, – wenn wir in Zukunft irgendetwas bräuchten, das sich mit einem Teleskoplader lösen ließe, dann sollten wir einfach zu ihm kommen.

Beim Abschied meinte Christian, wir sollten demnächst wieder mal ein Bier miteinander trinken. So als wäre der Dorfklub offen. Für einem Moment fühlte es sich an, als sei die Welt wieder offen und alles wäre normal.