Zäune

Über kulturelle Scharniere zwischen öffentlichem und privatem Raum

— von Udo Muszynski

Guten Morgen Eberswalde. Foto von Steffen Groß

Eine kurze Betrachtung von Udo Muszynski

Ein Sinnbild der letzten ein, zwei Jahrzehnte sind für mich hierzulande die Zäune. Neue Zäune überall. In der Regel sind sie heute doppelt so hoch wie in den Zeiten meiner Kindheit, sie sind häufig von zweifelhafter Schönheit und zudem immer öfter ganz und gar undurchsichtig. Diese Entwicklung scheint mir längst nicht mehr nur auf Eigenheimquartiere beschränkt, auch in Neubauwohnungssiedlungen, die ja zumeist in einem relativ kurzen Zeitraum als Planstädte, also mit einer Gesamtidee gewachsen sind, entdecke ich heute umzäunte Bereiche. Das gehört der Wohnungsgesellschaft A und dies der Wohnungsgesellschaft B. Der Zaun als Eigentumsanzeige, als vermeintliches Schutzschild, als Signal der Abgrenzung. Hier ist Schluß, das gehört mir, das gehört uns.

Was habe ich mich in den letzten Jahren über allerorten unterbrochene Wege, über verklebte Einsichten geärgert. Aber irgendwie habe ich mittlerweile auch Verständnis für die Zaunbauer. Denn wenn der öffentliche Stadtraum nicht als Treffpunkt dient, dann schaffen die Leute sich halt ihr Reich hinter der Mauer. Und wenn es Vielen so geht und Viele so handeln, dann teilt sich der Raum konsequent in öffentlich und privat.

Mein Plädoyer gilt dem vergessenen Zwischenraum, dem allerdings notwendigem Scharnier zwischen diesen sich gegenüberstehenden Welten. Hier im Übergangsbereich, im Halböffentlichen, ist die Verantwortung geteilt, es ist noch ein bißchen privat, es ist noch nicht ganz öffentlich. Vielleicht ist diese vorgerückte kleine Grenze auch durch einen kniehohen Zaun markiert, damit hätte ich wohl kein Problem. Jedenfalls sieht man sich, kann sich auf Zuruf unterhalten und flugs ist auch eine Einladung ausgesprochen. Dann geht der Eine raus, oder der Andere kommt rein und schon haken sich zwei Welten zusammen.

PS, Losungsvorschlag: Bildet Vorgärten!

Udo Muszynski ist Kulturveranstalter. Er hat die mehrfach ausgezeichnete Reihe „Guten Morgen Eberswalde“ entwickelt, die seit fünfzehn Jahren an jedem Sonnabend freien Zugang zu Kultur in vielfältigsten Erscheinungsformen in der Innenstadt schafft. Über Jahre gestaltete er mit seinem Team den Eberswalder Weihnachtsmarkt als Ort der Begegnung und des gemeinsamen Erlebens. Mit den Gartenkonzerten und in anderen Formaten erprobt seine Agentur immer wieder den Übergang zwischen privatem und öffentlichem Raum. Derzeit entstehen zahlreiche neue Formate im Zusammenhang mit dem neuen Sitz der Agentur im Eberswalder Brandenburgischen Viertel und mit neuen Partnerschaften in der Region.