Die Konsequenzen des Lebens

Was mir durch den Kopf geht, wenn ich an die Flut denke

— von Kenneth Anders

Dieser Wohnplatz bei Altmädewitz vergeht. Heute sieht er idyllisch aus, das Leben, das hier gelebt wurde, wird jedenfalls bescheiden gewesen sein. Aber was sagt das aus über den Wert dieses Lebens? Gar nichts.

In unserem Haus gibt es eine seltsame Stelle an der Wand. Ein Riss zieht sich horizontal durch den Flur, der Putz ist aufgeraut und abgeschabt. Ich habe nur eine Erklärung dafür: Beim Hochwasser im Winter 1947 könnte die Holztreppe zum Dachboden Auftrieb bekommen und dann in eben dieser Höhe geschwommen haben. Durch immer leichte Bewegungen im schwappenden Wasser wurde der weiche Kalkmörtelputz dann abgetragen.

Bei der Renovierung haben wir ein Stück dieser Stelle sichtbar gelassen, als Erinnerung an eine schlimme Zeit. Der Krieg war damals gerade erst zwei Jahre vorbei, und wieder ging alles kaputt. Es muss furchtbar gewesen sein.

Herr D. aus meinem Dorf bezweifelt aber meine Deutung dieser Stelle in der Wand. Er meint, unser Haus sei doch vom Hochwasser verschont geblieben, es liege ja ein bisschen höher. Das Haus steht auf dem so genannten Mühlenberg, was ein waschechter Euphemismus ist, denn zwar fällt das Gelände nach Südwesten hin ab, aber deshalb ist da noch lange kein Berg. Jedenfalls würde ich dem Zweifel von Herrn D. gern folgen, das gäbe mir ein besseres Lebensgefühl für die Zukunft.

Ich fürchte aber doch, dass unser Haus damals gute zwei Meter im Wasser stand. Da soll auch seine südliche Ecke herausgebrochen und später wieder aufgemauert worden sein, und so sieht es nämlich auch aus. Denn zu dem Wasser kam auch noch der Sturm, es peitschten hohe und eisige Wellen durch das Bruch, die herumtreibende Balken in die Häuser rammten und so erst die volle Verheerung und Zerstörung über alles brachten. Ach, muss das ein Schlamassel gewesen sein!

Zugegeben, ich fürchte mich vor einer Neuauflage eines solchen Ereignisses. Die Deiche sind heute besser als damals, aber die Wetter halten noch viele Überraschungen bereit, das wissen wir. Beim letzten gefährlichen Winterhochwasser war gerade meine Tochter geboren. Wir wollten im warmen Haus unser gemeinsames Leben beginnen, derweil sich in Hohensaaten die Eismassen stauten. Andere schafften schon ihre Habseligkeiten aus dem Bruch, aber ich war in diesen Tagen dazu gar nicht in der Lage. Wäre das Wasser gekommen, ich hätte nicht gewusst, was zu tun ist, außer: uns selbst in Sicherheit zu bringen. Als nach zehn Tagen die Nachricht vom Durchbruch der Eisbrecher gemeldet wurde, weinte ich vor Erleichterung und Dankbarkeit.

An diese Zeit muss ich derzeit häufiger denken, wenn ich mit der Auseinandersetzung um den so genannten polnischen Oderausbau konfrontiert werde. Es geht dabei vor allem um die Vertiefung der Fahrrinne durch die Anlage von Buhnen. Die Umweltverbände, die gegen diese Pläne mobil machen, führen die dahinter liegenden wirtschaftlichen Interessen ins Feld und argumentieren, die angestrebten besseren Bedingungen für die Eisbrecher seien nur ein Vorwand. Nun, Vorwand hin oder her, ich möchte doch, dass diese kleinen Schiffe bestmögliche Voraussetzungen dafür haben, die Eisdecke der Oder für den Fall eines Eisstaus von Norden her aufzubrechen. Das ist aber gar nicht mehr so leicht auszusprechen, denn in den Kampagnen ist bereits vollkommen ausgemacht, dass die Schiffbarkeit der Oder von Übel ist.

Gleich im Sommer 2011, nach diesem Hochwasser im Geburtsjahr meiner Tochter also, kam es übrigens noch einmal zu einer prekären Situation durch lang anhaltende Regenfälle im Quellgebiet der Oder. Da waren viele Oderbrücher schon fast etwas abgestumpft und schafften nicht mehr so viele Sachen heraus. Das Adrenalin für vorbeugende Rettungsmaßnahmen bringt man auch nicht jeden Tag auf. Es ging aber auch damals gut. Dem schweren und im Oderbruch erfolgreich abgewehrten Hochwasser von 1997 ist es zu verdanken, dass wir jetzt solche hohen und gut drainierten Deiche haben.

Male ich mir zukünftige Hochwasserkatastrophen im Oderbruch aus, muss ich auch an den ganzen Wohlstandsmüll denken, der heute – im Gegensatz zu 1947 – im Polder verbaut ist und der auch in den Wohnungen lagert. Damals bestanden die Höfe und das, was sie bargen, im Wesentlichen aus Stein, Holz und Eisen, vielleicht noch ein wenig Glas, Keramik und Stoff. Heute ist alles voller Plaste, Mineralwolle, Styropor, Gipskarton und Gasbeton. Es wäre ein Grauen. Man sieht ja, wie es in anderen Gegenden aussieht, wenn einmal Wasser und Schlamm hindurchgerauscht sind.

Natürlich wird man als Oderbrücher immer mal gefragt, warum man eigentlich in so ein Hochwassergebiet gezogen ist. Ich bin ja nicht hier geboren und aufgewachsen, ich konnte es mir aussuchen. Die Antwort ist nicht sehr aufregend: Zum Zeitpunkt der Entscheidung habe ich nicht viel darüber nachgedacht, und danach war es nun einmal so.

Aber, so seltsam es klingt, in den letzten Jahren habe ich den Gedanken an die Gefährdung und Vergänglichkeit meines Lebensplatzes auch schätzen gelernt. Er hat eine Ähnlichkeit zum Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit: Nichts ist für immer, und den Zeitpunkt des Endes bestimmen in der Regel nicht wir selbst. Also sollte man jeden Tag schätzen. Es hat durchaus seine Vorteile, sich der Dinge und Werte, über die man verfügt, nicht so sicher zu sein. Das ist nicht nur im persönlichen Horizont klug, es ist auch ein gesellschaftlicher Befund. Alles kann vergehen, wir wissen nur nicht, wann das sein wird, und wir wissen auch nicht, was aus unserer gewohnten Welt zuerst zusammenbrechen – und was dagegen erstaunliche Zähigkeit beweisen wird. Diese Erfahrung habe ich ja schon einmal gemacht, im Jahr 1989, weshalb mein Vertrauen in die Beständigkeit und Dauer unserer Gegenwartsgesellschaft immer schon einen leichten Riss hat. Ich habe eben erlebt, wie schnell alles vorbei sein kann. Was natürlich nicht immer ein Grund zur Trauer sein muss.

Obwohl ich im Augenblick doch ein wenig trauere, um Dinge, die ich an der Gesellschaft meiner Erwachsenenzeit geschätzt hatte, und die offenbar, plötzlich und unerwartet, einfach so gestorben sind.

Geht es um das Vergehen der menschlichen Wohnstatt, denke ich aber zuerst nicht an das Oderbruch, sondern an verlassene amerikanische Geistersiedlungen, die ja auch einst von Menschen mit Hoffnungen und Erwartungen aufgebaut und dann wieder aufgegeben wurden. Man kennt das nicht nur aus Spielfilmen, sondern auch aus zahlreichen Dokumentationen. Und auch bei uns wird, wer sich ein bisschen dafür interessiert, solche verlassenen Plätze finden, die meisten aus der Zeit nach dem dreißigjährigen Krieg.

Allein die Tatsache, dass diese Plätze verlassen wurden, bedeutet nicht, dass es schlechte Plätze gewesen sein müssen. Ich denke dann, dass es wirklich eine dumme Idee ist, die Kostbarkeit des gelebten Lebens davon abhängig zu machen, dass eben dieses Leben ewig währt – als habe die Immobilienwirtschaft an dieser Vorstellung mitgewirkt. Leben und Dauer, das ist doch geradezu ein Gegensatz.

Im Zuge der demografischen Veränderungen sah es eine Weile so aus, als seien die Städte solche sicheren Orte, die quasi ewig in der Gegend herumstehen, derweil die Dörfer verlassen und nur als Standort wüster Kirchen überliefert werden. Aber das ist wahrscheinlich nicht haltbar. Es gab auch so manchen urbanen Sonnenplatz, an dem erst alle wohnen wollten und der dann doch völlig untergegangen ist.

Das Wasser ist ein wichtiger Faktor für das Werden und Vergehen der Siedlungen – die Menschen sind ihm immer gefolgt und vor ihm zurückgewichen. Das betraf große und kleine Orte, mit Stadt und Land hat es vielleicht gar nicht viel zu tun. Allerdings hat die Möglichkeit, eine Siedlung zu errichten, wohl etwas mit Macht zu tun. Am Wasser zu bauen, das braucht Durchsetzungsvermögen. Sich vom Wasser zurückzuziehen offenbar auch. In Holland hat man viel von dem Land, das man einst dem Wasser abgetrotzt hatte, wieder aufgegeben. Das ging nur mit einem starken politischen Willen, es war nicht das Ergebnis einer Katastrophe. Auf das Schicksal der betroffenen Menschen hat man nach allem, was ich darüber in Erfahrung bringen konnte, jedenfalls nicht viel achtgegeben. Man hatte die Macht und man wusste sie zu gebrauchen.

Man hat sicher auch im 18. Jahrhundert nicht viel über die Menschen nachgedacht, die schon im Oderbruch lebten und deren Lebensweise man durch die preußische Binnenkolonisation unmöglich machte. Manche Familien wurden reiche Fischerbauern, aber andere sind einfach verschwunden.

Man hat ja auch nicht über die amerikanischen Ureinwohner nachgedacht, als man ihr Land für sich einnahm und umbaute und es ihnen verwehrte, weiter so zu leben, wie sie es wollten und konnten.

Und auch jene, die in den letzten fünfundzwanzig Jahren immer wieder, mal laut, mal leise, eine Renaturierung des Oderbruchs gefordert haben, denken ganz offensichtlich nicht darüber nach, was mit den Menschen ist, die hier leben und arbeiten und an Ort und Stelle ihren Alltag und ihre kleinen Freuden und Hoffnungen haben. Der britische Historiker David Blackbourn hatte die von ihm vorhergesagte Entsiedlung des Oderbruchs jedenfalls als „Grund zur Freude“ bezeichnet, wobei er für die Empfindungen der hier lebenden Menschen nur ein Achselzucken übrighatte.

In Deutschland fanden viele Menschen dieses Buch ganz toll. Ich habe einige von Ihnen kennengelernt. Vor allem die Passage zur Entsiedlung des Oderbruchs hatte es ihnen angetan. Für meine Arbeit als Autor und Kulturmacher ist die Überheblichkeit und Kälte, mit der diese Leute ihr Urteil über das Oderbruch als Siedlungsraum fällen, ein wichtiger, schon viele Jahre wirkender Antrieb. Ich möchte nicht, dass diese Menschen politische Macht über meine Landschaft ausüben können. Ich möchte dagegen den anderen Menschen zeigen, dass dies ein interessanter und schöner Raum ist, in dem man ein gutes, ehrliches Leben führen kann.

Deshalb weiß ich trotzdem, dass dieser Siedlungsraum gefährdet ist. Dass es vorbei sein kann, ganz schnell. Dass das Ausmaß der Schäden unklar wäre und der Wiederaufbau ungewiss ist. Dass es keine unbedingten Sicherheiten gibt. Dass man dankbar sein muss für das, was man hat, jetzt und heute, denn nichts ins von Dauer. Weil es lebt.

Mir fällt allerdings auf, dass ich zwischen der Tatsache des möglichen Verlusts und der Erwartung der mit ihm verbundenen seelischen Schmerzen wohl unterscheide. Der Philosoph Matthias Burchardt drückte das neulich etwa so aus: Ich habe gar nicht so viel Angst vor dem Tod, aber durchaus vor dem Sterben. So geht es mir auch.

Man tut etwas und ist sich über die Konsequenzen im Klaren, das ist schon ok. Aber man hätte gern, dass die Konsequenzen möglichst rasch vorüber und erledigt wären oder dass man sie gar nicht erleben muss: Das erhoffte Sterben im Schlaf. Ich sehe mir diese Schwäche nach, denke aber doch, dass ich daran arbeiten sollte. Denn auch die Zeiten, in denen man die Konsequenzen seines Lebens schmerzhaft zu spüren bekommt, sind ja Lebenszeiten. Also verdienen auch sie ihre Anerkennung, als Tage der Trauer, des Zorns und der Verzweiflung.