Vor der eigenen Tür muss man aber auch was finden können

Über Familiengeschichten und warum sie ein Kapital sind

— von Kenneth Anders

In meiner Familiengeschichte taucht im frühen 19. Jahrhundert ein Adam Würth auf, er ist ein direkter Vorfahre in fünfter Generation. Würth war Schauspieler, Regisseur, Theaterdirektor und Schriftsteller, er arbeitete am Theater an der Wien und an erstaunlich vielen deutschen Häusern, gab das „Magazin für Lachlustige“ heraus und war mit einer fahrenden Truppe unterwegs.

Es gibt einige Hinweise darauf, dass er weder ein wirklich guter noch ein erfolgreicher Theatermann war. Seine Stücke, die man heute zum Teil noch antiquarisch erhalten kann, wirken überambitioniert, sie heißen „Die letzten Tage von Pompeji und dessen Untergang. Historisch-romantisches Gemälde mit Gesang, Tanz und Chören in 5 Acten“ (1839) oder „Der tolle Geiger oder: Die Pest zu Wien im Jahre 1349. Romantisches Lebensbild in 3 Abt“. Die Gedichte machen auch keinen leuchtenden Eindruck. Das Theaterlexikon berichtet, dass er einst verschuldet aus Krakau floh, unter Zurücklassung seiner unbezahlten Schauspieler. Irgendwann in den achtzehnhundertvierziger Jahren führte er einen dubiosen Doktortitel. Er hat offensichtlich ein gehetztes Leben geführt, das zwischen Selbstüberschätzung und Verzweiflung, gerade vierzigjährig, in Berlin endete, wahrscheinlich in Krankheit und Armut. Ich möchte meinen Urahnen nicht bloßstellen, aber dieser Eindruck stellt sich her, wenn man sich eine Weile in seine Geschichte vertieft.

Adam Würth hatte zwei Töchter, die offenbar von klein auf mit ihm durch die Lande zogen und wahrscheinlich auch in den Stücken mitspielten. Von der Mutter ist nichts bekannt. Jedenfalls wurde Marie schließlich Schauspielerin am Hoftheater in Braunschweig, 1851 ist die Rede von der „schönen und liebenswürdigen Marie Würth, einem hochgeachteten Mitgliede der Braunschweiger Bühne“. Das lässt insofern auf ein gutes Ende schließen, als sie dort Jahrzehnte engagiert blieb, für den Rest ihres Lebens. Ihre Schwester Kathi, genannt Kathinka, fand ein Engagement in Schwerin, wurde aber nach kurzer Zeit von meinem Ururgroßvater von der Bühne weg geheiratet. „Frl. Kathinka Würth hat sich mit dem hier ansässigen, sehr reichen Advokaten Hrn. Masius verlobt, und wird sich in nächster Zeit mit demselben ehelich verbinden und damit der Bühne gänzlich entsagen.“, schreibt die Neue Berliner Musikzeitung 1853. Und so kam es dann auch. Die beiden heirateten, Kathinka hat ihren Mann um 35 Jahre überlebt. Meinen Großvater hat sie vermutlich noch auf dem Schoß gehabt.

Dass Kathinka so eine lange Zeit als Witwe lebte, konnte ich mir als Kind nur schwer vorstellen, denn in der Wohnung meiner Großeltern hingen zwei große Ölgemälde, in denen sie scheinbar auf ewig als blühendes Paar vereint waren, mit wachen Augen aufeinander schauend. Auf der einen Seite, in der dunklen Bibliothek, blickte der strenge Wilhelm. Auf der anderen Seite, im helleren Esszimmer, stand die freundliche Kathinka, ein leichtes Lächeln um die Lippen. Ich bin zwischen diesen Bildern aufgewachsen, aber von den Menschen wurde nicht viel erzählt, wie auch nicht von all den anderen, deren Bilder an den großelterlichen Wänden hingen.

Als ich in meine Jugendjahre kam, wollte ich Schauspieler werden. Ich wollte es wirklich gern. Heute möchten viele Jugendliche Schauspieler werden, aber damals war das etwas anderes, man musste eine mutige Entscheidung treffen, denn die Schulen gingen einem mit den beruflichen Plänen von früh bis spät auf die Nerven, man sollte sich festlegen und musste sich oft rechtfertigen.

Dass ich dieses Studium ergreifen wollte, lag vielleicht an diesem Großvater, der das Theater liebte. Er fuhr zu jeder neuen Inszenierung nach Weimar und hob alle Programmhefte auf. Er las unermüdlich, es beschäftigte ihn, es war ihm wichtig. Es lag vielleicht auch an Shorty, der mich für ein so genanntes „Spezialistenlager“ warb, in dem Gedichte rezitiert wurden. In der DDR gab es sowas für Jugendliche in verschiedenen Fächern und Disziplinen, für mich war es genau das Richtige. Zudem warb mich Shorty für seine Jugendtheatergruppe in Eberswalde, mit der wir abenteuerliche Dinge erlebten. Ich kann nicht sagen, ob ich ein guter Schauspieler hätte werden können, aber ich hätte es mit Ernst und Liebe betrieben, so viel kann ich sagen.

Umso mehr irritierte es mich, dass meine Familie sich vehement gegen meinen Berufswunsch engagierte. Ich wurde bearbeitet, jahrelang, wochenlang, nächtelang. Du kannst doch einmal einen Rat annehmen, hieß es dann. Ich solle doch Medizin studieren oder irgendwas anderes, etwas Richtiges. Nicht so eine brotlose Kunst! Du versauerst doch als erfolgloser Schauspieler in einer Provinzbühne!

Es war zermürbend. Ich schaltete einen Gang zurück und bewarb mich auf ein Studium der Kulturwissenschaften. Das war zwar auch nicht im Sinne meiner Eltern, aber es war wenigstens keine Schauspielerei. Sie waren erleichtert, ich war es nun auch.

Ich nahm damals an, dass ihre Aversion gegen die Schauspielerei auf eine typische Spaltung des Bewusstseins zurückzuführen war, wie sie im bürgerlichen Mittelstand oft vorkommt: Man schätzt die Kunst, das schon, aber die Leidenschaft ist eingehegt auf den Freizeitgenuss, den besser andere bereiten, denn dass das eine ernsthafte Tätigkeit ist, das kann man sich nun doch nicht vorstellen.

Die erlebte Entmutigung saß tief, wie ich bald feststellen konnte. Kaum, dass ich mein Studium begonnen hatte, brach die DDR zusammen, und mit ihr die Diplomordnung der Leipziger Karl-Marx-Universität. Auf einmal konnte man sich sein Nebenfach selbst wählen, und viele meiner Kommilitonen verließen die Germanistik, die bei uns mit einem Stock im Arsch gelehrt wurde, und wählten die Theaterwissenschaft. Die war so, wie sie in Leipzig gelehrt wurde, ein offenes Tor in das ganze Feld des Theaters, von der Regie bis zur Dramaturgie, vom Schauspiel bis zur Kritik. Wie gesagt, viele meiner neuen Freunde gingen dorthin, Uwe und Maria und Franz und Heike und Sabine. Aber ich ging nicht. Ich konnte nicht, ich kam gar nicht mehr auf die Idee. Ich gehörte da nicht hin, so muss ich es empfunden haben.

Das wurde mir erst zehn Jahre später klar, als ich, ohne weiter darüber nachzudenken, damit begann, Kleinkunstprogramme mit meinem Bruder zu entwickeln und aufzuführen. Es machte mir ungeheure Freude und ich merkte damals, dass da doch eine Kraft war, der ich mich anvertrauen konnte. Ich stand vor den Leuten und deklamierte, sang, erzählte, tobte und schmeichelte. Es funktionierte. Ich war nun schon über dreißig, lebte auf dem Land und fühlte mich auf einmal frei, diesen Dingen nachzugehen. Es gab da, wo ich nun lebte, keine Konkurrenz, es war etwas Eigenes, gänzlich Selbstbestimmtes. In dieser Zeit fragte ich mich, warum ich eigentlich damals im Studium nicht diese Chance ergriffen hatte, doch noch das Theater zu studieren. Und mir wurde klar, dass es an der düsteren Prognose meiner Eltern gelegen hatte: Du wirst scheitern. Damit hatten sie es mir einfach ausgetrieben. Dumm gelaufen.

Das ist eine ganz normale Geschichte, wie sie in vielen Familien vorkommt. Wenn die Eltern und Großeltern einem etwas nicht zutrauen, wird es schwer, es trotzdem zu tun. Ich möchte die Sache dennoch ein bisschen weitererzählen, weil dann ein etwas anderes Licht darauf fällt.

Noch einmal zwanzig Jahre später fuhr ich zu Verwandten, um Fotos von Kathinka und Wilhelm zu machen, von den Gemälden, die einst bei meinen Großeltern hingen. Meine Mutter sehnte sich danach, ich wollte ihr wenigstens eine kleine Reproduktion schenken. Nun hatte ich Anlass, mir die ganze Angelegenheit noch einmal vorzunehmen und fand den Adam Würth, den traurigen, aber unermüdlichen Theatermann. Ich musste erst lachen, dann blieb mir das Lachen im Hals stecken. Ich begriff, dass die Panik meiner Familie nicht, oder jedenfalls nicht nur in einer spießbürgerlichen Haltung zur Kunst wurzelte. Es gab da ein waschechtes Familientrauma. Adam Würth hatte für die Kunst einen hohen Preis gezahlt, seine Tochter war dem Trauerspiel mit Ach und Krach entronnen. Dahin sollte ich nicht zurück.

Man muss sich klar machen, dass die Masius eine absolut erfolgreiche bürgerliche Familie waren. Der Urahn hieß Andreas Maaß, er studierte im 17. Jahrhundert in Greifswald Medizin und latinisierte seinen Namen. Seine Nachfahren wurden entweder Ärzte, Anwälte oder Offiziere, etwas anderes gab es über Generationen nicht. Die Männer heirateten oftmals adlige junge Frauen, wahrscheinlich gute Partien, so blieb es bis ins zwanzigste Jahrhundert – bis auf Wilhelm, der eine dahergelaufene Schauspielerin von der Bühne wegholte. In der Familie muss der Schauspielberuf seither nicht nur als nicht standesgemäß, sondern wirklich als ein Unglück gegolten haben, dem meine Ururgroßmutter also entkommen war.

Es tut mir um das alles nicht leid, ich bin mit meinem Leben glücklich. Aber ich bin sicher, dass wir, meine Familie und ich, die ganze Geschichte klüger und besser hätten gestalten können, wenn von Adam Würth und seinen Töchtern mal gesprochen worden wäre. Das macht einen Unterschied. Es ist, als öffne man Ohren und Augen und bekomme etwas geschenkt, ganz in Ruhe, der Zeit enthoben.

Mein Vorfahre Christian Anders zum Beispiel war Bauer in Schlesien und brachte Erdmaterial mit einem Fuhrwerk zu Oder, um den Deich zu stabilisieren. Auf dem Rückweg brach das Wasser dennoch ein und die Pferde mussten nach Hause schwimmen. Zum Glück war das Fuhrwerk nun leer und konnte fast wie ein Boot auf dem Wasser schwimmen. Wenn ich an diese Geschichte denke und mir vor Augen führe, dass ich heute selbst an der Oder und in Hochwassergefahr lebe, dann geht eine ungeheure Kraft von diesem Zusammentreffen zwischen den Generationen aus. Die verdanke danke ich nur der Überlieferung. Überhaupt wurde in den schlesischen Bauernkreisen so manche Geschichte aufbewahrt, oft anekdotisch, manchmal derb. Das ist gut, da kann man es behalten. Mein Vater erzählt oft Geschichten, die mir die frühere Zeit und die Zwangslagen für meine Vorfahren sehr gut vor Augen führen. Und da ich das alles von ihm gehört habe, kann ich es wiederum weitererzählen.

Dagegen wusste ich nicht, dass der Sohn von Wilhelm und Kathinka, wie ich im Zuge meiner Recherchen herausgefunden habe, zweimal geheiratet hat. Aus der ersten Ehe gab es eine Tochter, sie lebte in Potsdam. Ich hätte das gern gewusst, als ich selbst eine Trennung durchlebte und ein zweites Mal eine Familie gründete. Ich will damit nicht sagen, dass ich irgendetwas anders gemacht hätte, aber wenn man allein im Universum steht und sich verlassen und überfordert fühlt, ist es gut, wenn man so etwas wie Resonanz hat. Seltsamerweise ist es so, dass einen diese Geschichten durch die Verwandtschaft etwas angehen. Dass man eine Beziehung dazu hat und sie als Teil des Eigenen identifiziert.

Es müssen keine erbaulichen Geschichten sein, Hauptsache es sind Geschichten. Ich denke da zum Beispiel an die beiden genannten Großeltern, die 1936 ihre Hochzeitsreise zum Reichsparteitag nach Nürnberg unternahmen. Das ist nichts, worauf man stolz sein könnte. Aber ich weiß es nun und es hilft mir, eine demütige Haltung zu mir selbst einzunehmen. Denn ich habe meine Großeltern geliebt und deshalb muss ich damit klarkommen, dass sie fanatische Anhänger von Hitler waren. Ich kann mich nicht hinstellen und so tun, als gäbe es das nicht. Ich habe auch die Briefe, die sich die beiden geschrieben haben und die zum Teil mit dem Hitlergruß unterzeichnet waren.

Es ist also nicht wichtig, ob die Geschichten erfreulich sind, oder nicht. Es sind Geschichten, in denen wir vorkommen, weil die Möglichkeit, dass es uns gibt, in ihnen angelegt ist. Wir hängen mit drin, so oder so. Da weiß ich doch lieber, wo ich drinhänge, als dass ich drinhänge und nur merke, dass etwas nicht stimmt, es aber nicht zu fassen kriege.

Wie Wurmlöcher machen die Geschichten aus der Vergangenheit eine riesige Lernmenge für einen selbst. Die Familien, die sie aufbewahren und weitergeben, können mit ihnen durch die Zeit wandeln. Sie kriegen Bilder, Erfahrungen, Empathie, auch Erschrecken über die Abgründe des Menschlichen mit auf den Weg.

Ich glaube sogar, dass die Geschichten von der eigenen Familienvergangenheit ein echtes Kapital sind. Es ist kein Zufall, dass Familien, die ihren Wohlstand und ihre gesellschaftliche Position über Generationen hin erhalten, ein ausgeprägtes Bewusstsein von ihrer Familiengeschichte haben. Es ist auch kein Zufall, dass sehr unterprivilegierte Menschen oft nicht einmal etwas von ihren Großeltern wissen. Oder sagen wir es anders: Zwischen dem Vermögen, Familiengeschichte zu bewahren und zu erzählen und der Selbstbestimmtheit der Menschen gibt es meines Erachtens eine Dialektik. Das kann man bei adligen Familien genauso studieren wie bei bäuerlichen.

Wenn mich an der Gegenwart etwas verzweifeln lässt, dann ist es eben die Ignoranz gegenüber der Vergangenheit, gegenüber unseren Vorfahren. Es ist, als ob es da nichts zu sehen und zu lernen gäbe. Ich glaube, wer Menschen beherrschen will, muss ihnen einreden, dass es von den Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und Ahnen nichts Interessantes zu sagen gibt. Dass diese Menschen einfach böse, dumm oder uninteressant waren, und dass die damalige Zeit mit der heutigen nichts zu tun hat. Sagt nicht, dass es das nicht gibt! Ich kenne dieser Haltung aus der Wissenschaft, in der ernsthaft behauptet wird, die Nachhaltigkeit sei eine reine Zukunftswissenschaft, denn da die Gesellschaften der Vergangenheit nicht nachhaltig waren, könne man aus ihnen nichts lernen. Ich kenne diese Haltung auch aus den Medien, in denen immer häufiger den Eindruck vermittelt wird, die schlimmen Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts hätten nichts mit uns zu tun. Ich kenne sie auch von vielen jungen Leuten, von denen manche eine seltsame Kälte gegenüber dem Leid der früheren Menschen ausstrahlen. Und ich empfinde diese Haltung auch in den begeisterten Rufen nach dem „Change“, wie es heute so schön heißt. Weg, weg, weg mit der alten hässlichen Welt!

Die Welt verändert sich ohnehin, man kann nichts festhalten. Man muss die Vergangenheit nicht noch mit Schweigen belegen. Wenn ihr widerständig und eigensinnig sein wollt, dann erzählt euch alte Familiengeschichten und fragt euch, was sie bedeuten könnten! Wie es gewesen sein könnte. Welche Teile der Geschichte fehlen, welche man dazu erfinden muss. Macht euch eure Vorfahren zu Komplizen. Die meisten sind tot, sie haben keine Interessen mehr, sie mogeln nicht. Sie sind auf Eurer Seite.

Es gab nur einen, der mir damals zugeredet hat, ganz im Vertrauen, doch Schauspieler zu werden. Das war mein Onkel Ecki. Der sah selbst noch ein bisschen aus wie der alte Wilhelm. Und ich glaube, er sprach damals mit Bedacht, als er sagte: Es wäre doch aber vielleicht mutig, im guten Sinne, das mit der Schauspielerei zu wagen. Ich hätte ihn nach Adam Würth gefragt, wenn ich gewusst hätte, dass es ihn gab.