Armut und Gesicht

Über das Wunder der kleinen Städte

— von Kenneth Anders

Es ist so eine Sache mit den Kleinstädten. Sie gelten als eng oder irgendwie uncool, mancher schämt sich ihrer.

Ein echtes Dorf geht inzwischen schon wieder als exotisch durch. Die Vorstellung des Hausschlachtens nötigt den Großstädtern Respekt ab, da fließt Blut, man weiß nicht, ob man damit zurechtkommen würde. Also hält man etwas Abstand.

Aber eine Kleinstadt? Da gibt es doch lauter Attribute: piefig, miefig, bestenfalls harmlos.

Gerade hat Detlev Buck versucht, diesen Schleier der Harmlosigkeit wegzureißen, er hat in Bralitz und Oderberg gedreht und offenbar wollte er einen abgründigen Fargo-Plot in diesen Szenerien unterbringen, aber für meinen Geschmack hat es nicht geklappt. Ganz so morbide sind die Geschichten hier dann doch nicht, oder anders gesagt: In einem Buck-Film dürfen sie schon hübsch morbide sein, aber sie sollten aus dem Leben, wie es wirklich ist, herauswachsen – und dann Farbe und Kraft aufnehmen, durch den Erzähler. Eine Geschichte sollte von innen leuchten, diese wurde von außen angeleuchtet.

Buck hat sich also Oderberg ausgesucht – und auch so manch andere suchen sich Oderberg aus, um dort ein Haus zu kaufen. Das ist kein Zufall, denn es ist wirklich interessant hier. Wasser und Hügel stoßen ganz einmalig aufeinander. Die Brücke über die Alte Oder ist leider baufällig, hier soll man ganz langsam fahren, aber sie sieht toll aus! Nun leihe man sich bei Försters ein Kanu und fahre damit ein wenig die alte Oder herunter, dann staunt man, wie wunderbar dieses Städtchen am Hang klebt. Eine großartige Stülerkirche erhebt sich über das Panorama, gerade hat sie etwas Schlagseite; der Berg drückt, das macht vielen Bauwerken in Oderberg zu schaffen. Aber es ändert nichts an dem Zauber dieses Ortes. Ein Zauber, so groß, dass man das Wort Kleinstadt vergisst.

Die Städte in Brandenburg sind oft sehr schön lesbar. Man kann sich zusammenreimen, warum sie an dieser Stelle entstanden sind. Da gibt es zum Beispiel die Ackerbürgerstädtchen, kleine Versorgungs- und Handelsflecken inmitten offener Felder, alles leicht zu begreifen anhand der Stadtmauer und der Position in der Landschaft, zum Beispiel in Angermünde oder Brüssow. Eine Garnisonsstadt erkennt man an ihrer strengen Ordnung, etwa in Neuruppin. Oder man atmet die Lieblichkeit eines Kurbetriebs, wie in Bad Freienwalde oder Lychen. Was immer es für eine Prägung ist, sie drückt sich in zahlreichen Merkmalen aus, in den Gebäuden, in den Straßen und Plätzen, im Eingebettetsein in den Raum. Jede kleine Stadt ist gut beraten, ihre Besonderheit herauszuarbeiten und sie über Erinnerungen und Geschichten immer wieder neu anzueignen, auch wenn keine Ackerbürger oder Soldaten oder Kurgäste mehr auf den Straßen unterwegs sind. Großstädte reden unaufhörlich von sich selbst, sie schreiben sich tolle Eigenschaften zu und zeigen sich dauernd als Filmkulisse. Die Kleinstädte brauchen diese Form der Selbsterzählung nicht weniger, und zwar weniger, um Touristen anzulocken, sondern im Interesse der Wahrhaftigkeit des eigenen Lebensentwurfs.

Wahrhaftigkeit, das ist ein großes Wort, ich weiß.

Aber ja, doch. Ich glaube, wer sich mit Liebe und Sorgfalt den Geschichten der Menschen nähert, die die eigene Kleinstadt einst gebaut und in ihr gelebt haben, der wird spüren, dass es neben der Enge und dem Mief auch Größe und Mut gab, wie überall. Und dass man an diese Geschichten vielleicht besser anschließen kann, als an die Geschichten von anderswo. Denn sie spielen hier, in den gleichen Straßen und Häusern, die immer noch dastehen. Man schaut in die Gesichter alter Fotografien und sieht Verwegenheit, Witz, Spott und Neugier.

Und was sind das für Geschichten in Oderberg? Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Dieser Siedlungsflecken gibt nämlich, im Gegensatz zu anderen, kein einheitliches Bild ab. Oderberg entstand im Schatten einer brandenburgischen Festung, es verdankt sich erst einmal einer militärstrategischen Lage. Einige Handelsprivilegien haben zeitweilig das Leben hier befördert, die Schiffe mussten anlegen, bevor sie weiter nach Berlin fuhren. Durch die Jahrhunderte hinweg gab es zudem immer die Fischerei. Und es gediehen viele kleine Handwerksbetriebe: Man hat Bottiche hergestellt, Tuch gewebt und Bier gebraut, es gab Schmieden, Bäckereien, Gastwirtschaften, Gärtnereien, Seilereien und kleine Werften, später auch eine größere. Eine Zeitlang dominierten die Sägewerke: Auf dem Oderberger See, einem Restgewässer des Oderbruchs, sollen unvorstellbare Mengen Holz geschwommen haben. Und natürlich gab es die Landwirtschaft zur Selbstversorgung, die bis in die Stadt hinein reichte, mit Schweinen und Hühnern im Hof und einer Wiese oder einem Stückchen Acker auf der Anhöhe.

Es klingt reich und üppig, wenn man das hört. So eine Vielfalt! So ein Leben! Und dieses Leben lässt sich auch auf den alten Fotos entdecken. Da sieht man ganz viele Boote auf dem Wasser schwimmen und zufriedene Schiffer lachen von der Terrasse des Gasthofs in die Kamera.

Aber diese Vielfalt entspricht einer bunten Magerwiese: Sie gedieh durch den Mangel. Der Boden ist karg, also wetteifern die Pflanzen mit immer tolleren Blüten um Insekten, auf dass sie bestäubt werden. Oderberg hat aus seiner Not eine Tugend gemacht. Es war nie die Made im Speck, es hat sein Überleben durch die Nutzung von Nischen ermöglicht. Mal war das Wasser die wichtigste Ressource, mal der Verkehr, mal das Holz. Kaum etwas war von Dauer, und die Übergänge zwischen der einen Lösung und der nächsten waren oft von bitterer Armut geprägt. Das Ende der Böttcherei, das Elend der Tuchmacher, der Untergang der kleinen Sägewerke und die schleichende Aufgabe der Werften – man könnte eine endlose Reihe an Abgesängen zusammenstellen, die bis in die heutige Zeit reicht. Schon als Jugendlicher war ich oft in Oderberg unterwegs, es gab damals noch reichlich Kneipen, Geschäfte und Bäckereien. Heute fegt das Städtchen seine letzten Infrastrukturelemente zusammen, um eine Anerkennung als grundfunktionaler Schwerpunkt zu bekommen.

Was wird dann aus dem Reiz dieser kleinen Stadt? Ist er verblüht, wie eine überdüngte Wiese? Das kommt drauf an. Es ist gut, wenn sich neue Menschen der alten Häuser annehmen und sie wieder in Ordnung bringen. So kann die alte Mangelschönheit wieder attraktiv werden. Aber damit ist es nicht getan. Eine Stadt, die zu einem guten Teil aus der Not heraus gelebt hat, in der die kleinsten Spielräume das Überleben sichern mussten, braucht auch heute ein Bewusstsein der Strategien, die sich in die alten Häuser eingeschrieben haben. Die vergangene Not muss lesbar bleiben. Reißt man ihre Zeugnisse ab, wird sie vergessen. Es gab im letzten Jahr einen erbitterten Streit über ein solches Zeugnis städtischer Armut, über den Abriss des so genannten Hexenhauses. Soweit ich es überschaue, ist der Streit nicht fruchtbar geworden, obwohl er doch einen wahren Kern in sich trug. Wie erinnert sich diese Stadt ihrer Not, die doch so besondere Falten in ihrem Gesicht hinterlassen hat?

Und die Oderberger, denen es heute schlecht geht, weil sie keine eigene Lebensgrundlage mehr haben, was ist mit ihnen? Die gibt es ja auch – und wieder. Mein Eindruck ist: Sie werden unsichtbar. Sie haben ihre Wohnungen, aber sie sind nicht mehr in Booten auf der Alten Oder unterwegs und sie haben auch sonst kaum einen Platz, an dem sie in Erscheinung treten und ihre eigene Geschäftigkeit entwickeln können.

Dass die Armut sich verstecken muss, das ist ein prägendes Merkmal unserer eitlen Gesellschaft. Statt den Armen zu erlauben, sichtbar zu werden, wird eher gesagt, es dürfe gar keine armen Menschen geben, man müsse die Armut lieber gleich abschaffen. Das ist ein gutes Ziel, aber solange es nicht eingelöst ist, wäre es doch besser, wenn die Menschen, die in Armut leben, die Öffentlichkeit bevölkern könnten. Da sie nichts mehr haben, was sie bewirtschaften und sich aneignen können, bleibt ihnen nur die kleine, private, zugestandene Wohnraumexistenz.

Ich habe auf dieses Problem keine Antwort. Aber ich glaube, gerade in einer kleinen Stadt wie Oderberg könnte man gemeinsam an einer Antwort arbeiten. Denn diese Stadt hat Erfahrung mit solchen Lebenslagen. Wenn das Bild des Ortes wahrhaftig sein soll, dann brauchen diese Menschen ihren Anteil an diesem Bild. Dann kann auch Oderberg wieder aufblühen, und nicht nur wieder hübsch aussehen.