Vor der eigenen Tür

Beeskow und Umgebung – postkolonial studiert

— von Steffen Schuhmann

Als wir den Marktplatz von Beeskow erreichen, lacht B. und meint, hier sehe es aus wie in Kolumbien. Dieser rechteckige Marktplatz, die farbigen, zweitstöckigen Häuser. B. ist in Korea aufgewachsen und hat in Bogota gelebt. Sie muss es wissen. Und sie hat recht.

In Zeitungen, in denen es statt des Kulturteils ein Feuilleton gibt, lässt sich viel von Auseinandersetzungen lesen, in denen es um Postkolonialismus, um sensible Sprache, Körper, strukturelle Ausgrenzungen und Herabwürdigungen geht. Ich lese das gern. Zum einen, weil es mich wirklich freut, dass Museen jetzt erklären müssen, wie sie ihre Sammlungen erworben haben. Zum anderen, weil ich neugierig bin. Die Wut, die in dieser Debatte mitschwingt, gibt eine Ahnung davon, wie groß die Erwartungen in den dekolonialisierten Ländern und innerhalb der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gewesen sein müssen, wie ernüchternd letztlich die Bilanz dieser Befreiungen war. So lerne ich etwas über Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten, die mir sonst verschlossen bleiben würden. Mit dem gleichen – vielleicht naiven – Interesse an der Welt bin ich auch gern Besucher in ethnologischen Museen gewesen. Damals. Bevor ich begriff, wie die großartigen Bronzen aus Benin und die eleganten Auslegerboote aus dem Pazifik nach Berlin gekommen sind. 

Eines der Argumente gegen den postkolonialen Diskurs ist, dass diese Ideen ortlos wären, Blüten eines internationalen, akademischen jetsets. Travelling concepts. Nichts, was mit uns hier zu tun hätte. Gut, das sind Abwehrreflexe. So reagiert, wer sich unschuldig glaubt und sich nun mit Vorwürfen und Forderungen konfrontiert wähnt. Klar ist auch, dass wortwörtliche Übersetzungen nicht ganz unproblematisch sind. Community heißt nicht Kommune und eben auch nicht commune. Ein privileg und ein Privileg sind womöglich zwei verschiede Dinge. Das bedeutet nicht, dass eine Übersetzung, ein Verständnis, ausgeschlossen ist. Aber allzu schlichte Übertragungen in andere Kontexte können in die Irre führen. Was aber, wenn wir uns vertraute Orte – Beelitz, Britz oder eben Beeskow – und ihre Umgebung für einen Moment durch jene neuen Prismen aus den USA und dem globalen Süden betrachten?

Es ist nämlich so: B. hat recht. Beeskow sieht wie Kolumbien aus. Der Marktplatz und das gitterförmige Straßennetz im Kern der mittelalterlichen Stadt machen deutlich, dass diese einst planvoll angelegt wurde. Nicht anders als das römische Militärlager Colonia Claudia Ara Argrippinensium (Köln) und das Heerlager Santa Fe, als das Land al Andalus und seine muslimischen Einwohner von den spanischen Königen unterworfen wurden. Santa Fe war das Vorbild für die Anlage von Bogota durch den Eroberer Gonzalo Jiménez Quesada Rivera. Städte dieses Musters dienten der Kontrolle: der Straßen, des Handels, der lokalen Bevölkerung. Die Konquistadoren der Beeskower Gegend waren wohl niedere sächsische Adelige, die im Gefolge ihrer Landesherren in das eroberte Gebiet kamen und hofften, hier ihren gesellschaftlichen Aufstieg zu begründen. Das war knapp 250 Jahre bevor die Spanier glaubten, einen Seeweg nach Indien gefunden zu haben. Die indigene Bevölkerung an der Spree sprach eine Variante des Sorbischen und verehrte Haus-, Ahnen- und Naturgeister. Sie waren wohl geschickt im Verarbeiten von Holz, wovon wir nur wenige archäologischen Zeugnisse haben, und fertigten mit wenig Sorgfalt Keramik für den Hausgebrauch, was archäologisch gut dokumentiert ist. Sie betrieben Fischfang und Landwirtschaft, so dass es zum Leben gerade reichte. Die Abgaben an die neue Obrigkeit mussten sie sich vom Munde absparen. Die Folgen lesen Anthropologen aus den Gräbern jener Zeit: Die Lebenserwartung der Indigenen sank rapide. In den neugegründeten Städten waren sie nicht willkommen. Die Zünfte, eine Mischung aus Sozialkasse und Kartell des jeweiligen Handwerks, schlossen Menschen »unehrlicher Geburt« aus. Damit meinten sie die Kinder von Priestern, Schäfern, unverheirateten Frauen und Indigenen, die sie »Wenden« nannten. Einen der ältesten belegten »Wenden-Paragrafen« verfassen die Beeskow Schuhmacher 1353 für ihre Zunft. So lebten die Sorben vornehmlich in den Dörfern der Umgebung und in gesonderten Siedlungen in der Nähe von Burgen – den Kietzen. Den Beeskower Kietz gibt es – auf einer Insel in der Spree und durch einen Flussarm von der alten Stadt getrennt – bis heute. Was jetzt eine attraktive Wohnlage am Wasser ist, war einst ein Stigma. Jemanden vom Kiez zu heiraten, erschien den Städtern noch vor gut hundert Jahren abwegig.


Kurzum: Wer durch Beeskow geht und die Stadt durch die postkoloniale Brille betrachtet, sieht eine lange Geschichte von Unterwerfung, Ausgrenzung, Stigmatisierung – eingeschrieben in die Struktur dieser Stadt. Auch wer die Brille danach wieder abnimmt, hat mehr gesehen, als das touristische Idyll eines mittelalterlichen Städtchens in der Mark Brandenburg. Und mehr gesehen zu haben, kann nicht schlecht sein. Mehr zu hören schadet auch nicht. Genau hinzuhören ist ein Abenteuer. Und ein sensibles Verhältnis zur Sprache zählt zu den mit Nachdruck vorgetragenen Forderungen im zeitgenössischen Diskurs.

Mit den Namen fängt es an. Beeskow klingt nicht sehr deutsch. Auch die deutsche Hauptstadt, deren Namen sich nicht von einem Raubtier, sondern von »brlo« – einer elb-slawischen Bezeichnung für eine Passage im Sumpf – ableitet, hat keinen deutschen Namen. Die Mark Brandenburg, in der beide liegen, dagegen schon. »Mark« ist ein altes deutsches Wort für eine Zone des Übergangs vom Eigenen zum Fremden. Grenze dagegen – vom sorbischen »granica« – bezeichnet eine Linie, die das Eigene vom Fremden trennt. Es klingt wie das »bis hierher und nicht weiter« eines Bedrängten. Zu den wenigen Spuren ihrer Sprache im Deutschen gehört auch, abgeleitet von »bič«, das Wort Peitsche. Farbiger klingt »Halunke«, bezeichnet ursprünglich aber keinen Kriminellen, sondern einen Bewohner der »hola«, der Heide, also eines sandigen Stücken Landes jenseits der eigentlichen Feldmark des Dorfes; jemanden, der räumlich weit draußen und sozial ziemlich weit unten angesiedelt ist. Diese sorbischen Lehnworte in der deutschen Sprache geben uns ein plastisches Bild von der Lebenswirklichkeit der indigenen Bevölkerung zwischen Elbe und Oder im Mittelalter.

Es wurde nicht besser, als dieses vorüber war. 1548 erhoben sich deshalb sorbische Bauern im »Uckroer Aufstand« gegen die ihnen aufgebürdete Abgabenlast. Sie vertrieben den lokalen Adel und errichten eine Selbstverwaltung in den Dörfern nordwestlich von Luckau. Die Obrigkeit muss Landsknechte anwerben, um der Lage Herr zu werden. Vor diesem Hintergrund erschien ihr die sorbische Sprache, an der die Landbevölkerung festhielt, mehr und mehr als subversiv. Sie galt schon zuvor als Ausweis der heidnischen Verstocktheit und Rückständigkeit der Einheimischen. Jetzt aber fordert sie den Staat heraus. 1667 erlässt der brandenburgische Kurfürst für den Kreis Beeskow-Storkow ein Edikt, nachdem sämtliche sorbischsprachigen Bücher zu vernichten sind und der sorbische Gottesdienst und Schulunterricht zu unterbleiben hat. 1668 wird – nach einem erneuten Bauernaufstand – ein ähnliches Edikt für angrenzende Gebiet um Guben erlassen und ein Stufenplan zur Tilgung der sorbischen Sprache über drei Generationen hinweg entwickelt. Dies zielte auf den Kern dessen, was man im postkolonialen Kontext wohl die sorbische Identität nennen würde.

In den Dörfern um Beeskow, die Buckow, Bornow, Radlow, Ragow, aber auch Lindenberg, Falkenberg und Herzberg heißen, kann man seit gut zweihundert Jahren kein Sorbisch mehr hören. Dass sich hier ein deutscher Wortschatz teilweise in eine slawische Grammatik eingenistet hat, kann man mit der Sensibilität von Sprachexperten aus der Sprache der Alten heraushören, wenn sie Worte wie »niemalsnicht« und »nirgendwonicht« gebrauchen. Solche doppelten Verneinungen gibt es in den germanischen Sprachen nicht, in den slawischen schon. Für Deutsche klingen sie irritierend und diese Irritation ist Teil des in dieser Gegend typischen Sagentopos von den Lüttchen, Zwergen, die in unterirdischen Behausungen gelebt haben sollen. Diese hätten sich bei den Menschen immer wieder Dinge geliehen, jedoch statt zum Beispiel nach dem Trog nach dem Nicht-Trog gefragt. Sie sollen fleißig, geschickt, hilfsbereit gewesen sein. Und sensibel. Das Läuten der Kirchenglocken habe sie letztlich aus der Gegend vertrieben. Diese Sage hat sich in die Landschaft eingeschrieben. Die Hügel neben der Wiese, wo wir in meiner Kindheit Heu machten, werden die Lüttchenberge genannt. Mein Großvater hat mir die Geschichte erzählt. Wer, wie er, auf den Namen Jänicke – oder Minack oder Jakubasch, Schmura oder Srok, Kuschminder oder Noack – hört, der trägt diese Geschichte mit seinem Ausweis mit sich herum.

Das Kurfürstentum Brandenburg hat für einige Jahre im kolonialen Dreieckshandel mitgemischt. Die Schiffe, die es dazu brauchte, charterte es samt Besatzung in den Niederlanden. Die Minacks, Jakubaschs und Kuschminders dürften davon kaum Notiz genommen haben. Denn während der Landesvater Menschen in Westafrika versklavte, zwang der Landadel die bäuerlichen Landeskinder in die Leibeigenschaft. Sie waren nicht mehr frei in der Wahl ihres Wohnorts oder Berufes, ihr Land gehörte nicht länger ihnen und sie hatten Dienste – defacto Zwangsarbeit auf den Gütern – zu leisten. Von diesen konnten sie sich erst im Laufe erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts freikaufen. Das wenige Land, dass ihnen dann als Eigentum zugesprochen wurde, reichte kaum, um auskömmlich über die Runden zu kommen. Im Falle der Jänickes hießen die Flurstücke Kahlschlag und Sandschlag. Und auch als sie nicht mehr unter Strohdächern lebten, tranken sie Muckefuck. Nicht Kaffee aus dem Kolonialwarenladen.

Was mich im postkolonialen Diskurs bisweilen überrascht, ist, dass manche deutsche Kolonialprojekte offenbar durchs Raster fallen. Da wäre das heute fast vergessene Land Ober-Ost, eine kurzlebige deutsche Militärkolonie, die sich im Ersten Weltkrieg über Gebiete erstreckte, die heute zu Lettland, Litauen, Belarus und Polen gehören. Da ist der Generalplan Ost, der im Zweiten Weltkrieg auf die westliche Sowjetunion zielte. Die Maßnahmen, die in diesem Kontext zu Wege gebracht wurden, decken ein weites Spektrum dessen ab, was zuvor in deutschen Kolonien in Afrika und im Pazifik erprobt worden war: Impfkampagnen und Ausbau der Infrastruktur, Zwangsarbeit und Deportation. Daran haben sich die Jakubaschs und Sroks und Kuschminders schuldig gemacht. Davon haben auch ihre kleinen Höfe profitiert. Die Großeltern, die davon erzählen könnten, finden sich kaum noch. Aber die Orte, die damit in Verbindung stehen, finden sich auch auf den Dörfern hier. Ich weiß, wo – hinter Stacheldraht – die Baracke stand, in die die ukrainischen Zwangsarbeiter in Dorfes Aurith, aus dem meine Großmutter stammt, nachts eingesperrt wurden. Auf ihrer Kleidung trugen sie einen blauen Aufnäher mit der Aufschrift »OST«. Nur so waren sie sofort erkennbar. Ich denke, dies ist, weshalb diese versklavten Menschen durch das Raster des Diskurses fallen. In den postcolonial studies spielt die Kategorie des Körpers und die Frage, wie dieser von anderen interpretiert wird, eine große Rolle. Körpern, die in ihrer Umgebung potenziell unsichtbar werden können, scheint mir, wird keine Opferrolle zugebilligt.

Dabei war es sogar möglich, sorbische Körper zu exotisieren. Als 1866 der Görlitzer Bahnhof eröffnet wurde, ist es vom Spreewald nach Berlin nur noch ein Katzensprung. Im Spreewald entstand eine erste touristische Infrastruktur, die Reisenden diesen Lausitzer Urwald erschloss. Am Görlitzer Bahnhof eröffneten Kostümverleihe, die vermeintlich sorbische Trachten anboten. Diese kombinierten die bekannten Hauben mit engen Miedern, die die Brüste im Übermaß zur Geltung brachten. Davon versprachen sich die jungen, ungelernten Arbeitsmigrantinnen aus der Lausitz einen Vorteil, wenn sie sich um eine Stellung als Amme bewarben. »Spreewälder Ammen«, die man für ihre naturwüchsige Vitalität rühmte, säugten die Prinzen der Hohenzollern und wurden schnell zu einem Statussymbol auch der bürgerlichen Kreise des gründerzeitlichen Berlins.

1940 schließlich spielte Heinrich Himmler mit der Idee der körperlichen Auslöschung: Sorben – die er mit der deutschen Fremdbezeichnung »Wenden« benannte – sollten innerhalb der kommenden zehn Jahre nach Osten deportiert werden. Zu Weihnachten jenes Jahres drohte die Gestapo, »dass die ganze Wendei evakuiert wird«. Soweit kam es nicht. Aber viele der allzu fremd klingenden Ortsnamen wurden damals von der Landkarte getilgt. Aus Dobristroh wurde Freienhufe. Niemaschkleba wurde Lindenhain. Wer weiß heute noch, dass Güldendorf Tzschetzschnow hieß?

Der Status des Opfers spielt, wenn man sich mit den postkolonialen Debatten beschäftigt, eine wichtige Rolle. Sie ist so wichtig, dass man teilweise den Eindruck gewinnen kann, es gäbe eine Art Wettbewerb: darum, noch mehr Opfer zu sein. Das ist attraktiv, weil es in der Logik der Debatte zur Selbstermächtigung dient. Eine Logik, in der die Letzten die Ersten sein können, ist nicht unsympathisch. Aber wohin führt es, wenn das Unrecht, das vorangegangenen Generationen widerfahren ist, heute adelt? Wem ist geholfen, wenn der Eindruck entsteht, es ginge darum, die bestehende Ungerechtigkeit zu spiegeln, statt sie aus der Welt zu schaffen?

Das postkoloniale Prisma, macht es uns möglich, eine unspektakuläre Gegend wie die Beeskower, merkwürdig verfremdet zu betrachten. Wir können Bezüge und Parallelen entdecken, die uns überraschen und bestürzen. Mehr als wir im ersten Moment denken. Es gibt – wenn auch oft nicht offensichtlich – ein lokales Wissen über Ungerechtigkeit, Ausgrenzung, Erniedrigung, Ausbeutung. Mit lässt sich der vertraute Flecken Erde mit den entferntesten Winkeln der Welt verbinden. Indem wir uns darüber austauschen, werden wir ungelenk neue Worte gebrauchen, wir werden sie beugen und verballhornen bis sie uns leicht über die Lippen gehen. Was an Argumenten vor Ort taugt, wird Verwendung finden, ergänzt und erweitert werden. Der Rest gerät in Vergessenheit. Wenn die Debatten des akademischen jetsets in der Provinz landen, müssen sie dabei keinen Bruch erleiden, aber sie werden sich verändern, wenn man sie sich zu eigen macht. Danke für den neuen Besen. Aber vor der eigenen Tür zu kehren, kann uns niemand abnehmen.