Am 30.Dezember vor drei Jahren war ich wirklich stolz, als ich unseren Forschungsantrag in den Nachtpostkasten am Flughafen in Schönefeld einwarf. Wenige Wochen vorher hatte mich an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee eine Kollegin auf eine Ausschreibung hingewiesen: Das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung rief dazu auf, Forschungsprojekte zur Kultur in ländlichen Räumen zu entwickeln.
Tatsächlich interessierte mich ein Thema, das dazu passen konnte. Seit den 1950er Jahren war die Kunsthochschule in Berlin-Weißensee immer wieder im Oderbruch unterwegs. Bei betagten Absolventen fanden sich Fotos von Ernteeinsätzen, in der Heimatstube in Neulewin wird ein Tuch aufbewahrt, das aus Anlass eines Festivals gedruckt wurde, das 1960 von der Hochschule im Dorf organisiert wurde und immer wieder, wenn wir mit Künstlern im Bruch sprachen, stellte sich heraus, dass sie in Weißensee studiert hatten. Ob und wie dies allerdings zusammenhing, war unklar, und die Idee, sich drei Jahre damit zu beschäftigen, wie die Hochschule im östlichen Brandenburg gewirkt hatte, klang interessant. Weil ich ahnte, dass wir als Kunsthochschule allein wenig Chancen auf die Forschungsmittel hätten, fragte ich einen Bekannten, dessen Institut sich mit ländlichen Räumen beschäftigt, ob wir nicht kooperieren wollten. Gemeinsam mit der Kollegin und dem Bekannten begann ein fieberhafter Austausch. Sie ergänzte eine Einleitung in der es um eine third mission von Hochschulen ging, er entwarf ein »Forschungsdesign«, das die Praxis anderer künstlerischer Hochschulen in Deutschland einbezog. Das war zwar nicht mehr ganz die ursprüngliche Idee, aber im Ministerium würden sie dies gern lesen. Wir jedenfalls hatten Spaß an diesem Vorgeschmack unserer Zusammenarbeit und ich schickte beiden ein Foto davon, wie ich den Antrag am 30. Dezember in den Nachtbriefkasten warf.
Tatsächlich schafften wir es unter die 22 geförderten Projekte. Drei Jahre konnten wir forschen. Wir sprachen mit zwei Dutzend Absolventen der Kunsthochschule und ließen uns erzählen, wie es dazu kam, dass sie heute im östlichen Brandenburg arbeiten. Wir fanden Unterlagen, die davon erzählten, wie die Hochschule sich bemühte, langfristige Kooperationen mit Dörfern im Oderbruch aufzubauen, und wie sie sich später ein verfallenes Herrenhaus bei Beeskow kaufte. Wir führten Interviews, transkribierten, diskutierten, tauschten uns mit Professoren anderer künstlerischer Hochschulen aus, die selbst in ländlichen Räumen arbeiten. Wir lernten viel dazu, veränderten den Blick auf Vertrautes, verdichteten, probierten Argumentationen aus. Daneben schrieben wir regelmäßig Berichte an das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (»Ein verlässlicher Partner für Forschung, Innovation und Bildung«), in denen wir den rasch wechselnden Ansprechpartnern den Fortgang unserer Forschung darlegten. Es war wie Schattenboxen. Mit dem Ministerium, das uns beauftragt hatte, hatten wir nur gelegentlich Kontakt, wenn wir zu einem der »Vernetzungstreffen« fuhren, auf denen sich die 22 Forschungsprojekte trafen.
Nach drei Jahren wurden alle Projekte eingeladen, sich zu einer Abschlusskonferenz in einer fränkischen Universitätsstadt einzufinden. Das Ministerium, das inzwischen neben Landwirtschaft und Ernährung auch den Begriff »Heimat« im Titel führt, als fände man die nur in ländlichen Räumen, hatte eine Medienagentur beauftragt, die Konferenz auszurichten. Die Agentur soll auch die Abschlussberichte über unsere Forschung einsammeln und daraus eine Publikation machen. Wir sind uns nicht sicher, ob es noch einmal eine redaktionelle Schleife gibt. Für die Texte aus so vielen verschiedenen Händen wäre das sicher gut. Für die Projekte jedoch eine Herausforderung, denn die meist für die Forschungsprojekte angeheuerten Mitarbeiter sind mit Auslaufen des Förderzeitraumes – vor 14 Tagen – inzwischen in neuen, befristeten Wissenschaftsjobs oder auf der Suche danach. Was soll dies für eine Publikation werden?
Die Konferenz beginnt. Eine Staatssekretärin des Ministeriums spricht zu uns. In ihrer Sprache ist ein deutlicher bayrischer Einschlag – und ich, der ich mich an Dialekten und lokalen Sprachen ehrlich erfreue, bin irritiert, den dieser Ausweis von Bodenständigkeit steht in merkwürdigem Kontrast zu ihren mechanischen Gesten aus einem schlechten Rhetorikseminar und dem Umstand, dass wir auf eine große Leinwand starren, auf der das vorab aufgezeichnete Video abgespielt wird. Wurde der Film vielleicht doch generiert? Für unsere Forschung jedenfalls wird uns gehörig Honig ums Maul geschmiert. Danach spricht ein Referatsleiter. Er ist anwesend, wurde aber erst kürzlich auf diesen Posten gesetzt und er scheint nicht ganz im Thema zu stehen, denn er gleitet in Anekdoten aus seinem Dorf ab. Im Anschluss stellen die Forschungsprojekte ihre Ergebnisse vor. Dazu werden jeweils drei in einen »Diskursraum« geschickt, wo sie knapp zehn Minuten haben, ihre Erkenntnisse vorzustellen. Im Anschluss wird in world café und fishbowl mit dem Publikum diskutiert. Doch zuvor springt jemand auf, der eine mobile Jugendkunstschule betreibt. Er geht nicht auf die Vorträge ein, beschreibt aber, dass er ständig Anträge stellen muss und fordert institutionelle Förderung. Das restliche Publikum stimmt ein. Es wird gesagt, man müsse sich vernetzen. Bevor die zweite Runde dieser Präsentationen beginnt, hat die Agentur eine Mittagpause mit fingerfood und einer veganen Kartoffelsuppe organisiert.
Nach insgesamt fünf Stunden beginnt das Abschlusspodium. Auf dem Podium sitzen eine Kollegin von der Universität Cottbus, das Kulturamt Beeskow, eine junge Frau aus der Eifel, die sich als Kulturschaffende bezeichnet. Ersatzlos fehlt die Vertreterin des bayrischen Landwirtschaftsministeriums. Es moderiert die Geschäftsführerin der Agentur. Sie ist vorbereitet, hat Fragen auf dem Zettel. Die arbeitet sie ab, egal welche Antworten sie bekommt. Sie fragt nach Stellschrauben der Verwaltung und als das Kulturamt aus Beeskow engagiert widerspricht, setzt sie nicht nach. Sie freut sich, dass sie zügig durch ihre Fragen kommt und öffnet die Runde ins Publikum. Wieder springt der Vertreter der mobilen Jugendkunstschule auf und fordert Geld und Förderung, möglichst unbürokratisch. Das Publikum stimmt ein. Es braucht neue Bundesprogramme für die Kultur auf dem Land. Der Leiter eines dieser Programme sitzt im Saal. Bevor er, rechtzeitig um den letzten Zug zu bekommen, den Saal verlässt, nickt er heftig. Auch er braucht ein Anschlussprojekt. Um die Kultur auf dem Land zu fördern oder die Demokratie zu retten. Da macht man hier keinen Unterschied. Die Tagung ist vorbei. Für den Abend ist ein get together der Forschungsprojekte geplant, für den morgigen Vormittag ein Vernetzungstreffen. Es dämmert. Es nieselt.
Wenn ich als Kind für zwei, drei Wochen ins Ferienlager fuhr, begann ich mich immer erst wohlzufühlen, wenn ich einen Fluchtplan hatte. Meine Pläne waren ausgefuchst, mit Wegführungen, die die Häscher in die Irre führen mussten. Jetzt wische ich über mein Telefon und die tschechische Navigation-App meint, ich könnte in viereinhalb Stunden dort sein, wo ich die Namen der Feldwege kenne. Keine zehn Minuten später bin ich auf der Autobahn in Richtung Nordosten. Ich werde nur eine Pause machen, noch hier in Franken, in einem Dorfgasthof, in dem ich vor Jahren eingekehrt bin und von dem ich hoffe, dass es ihn noch gibt und dass er an einem Montagabend gegen acht noch offen hat. Ich habe mehrfach Glück. Der Gasthof, der sein eigenes Bier braut, hat offen, ist gut besucht und doch findet sich für mich ein Platz: Der Wirt setzt mich an den noch leeren Stammtisch, meint aber, der würde sich noch füllen. Die Karte verspricht die ganze farbige Vielfalt der hiesigen Küche – von Rotbier bis zu Blauen Zipfeln, Knödel aus Semmeln oder Kartoffeln, Sauerkraut. Tatsächlich muss ich kurz aufstehen, ein neuer Gast schiebt sich auf die Bank am Tisch. Ihm serviert man einen kleinen Eimer, in dem sein Bierglas steht. Ich kaue, schlucke und erkundige mich nach dem Getränk. Mein Tischgenosse stellt sich als die Wehrleiter der Feuerwehr vor und sein Getränk sein ein Saueres Radler, Bier mit Sprudelwasser, und damit dies für den Magen bekömmlicher sei, serviert in einem Eimer mit warmem Wasser. Früher hätte es dafür einfach einen Tauchsieder am Tresen gegeben. Aber das sei heute untersagt, wegen der Hygiene. Überhaupt ginge es mit den Gasthöfen bergab. Die Alten können nicht mehr, die Jungen wollen nicht. Dann übernehmen Italiener oder Griechen. Nichts gegen Italiener und Griechen, selbst wenn sie eigentlich Albaner sind, aber die hielten nicht durch. Selten länger als zwei Jahre. Überhaupt würde zu wenig Bier getrunken, um die kleinen Brauereien über Wasser zu halten. Seine jungen Feuerwehrleute tränken lieber »a Bronde« – ich sehe ihn verständnislos an – und er erklärt, dass eine lokale Brauerei eine koffeinhaltige Limonade entwickelt habe, aber nicht süß, sondern eher bitter, am Anfang hätte er es auch ganz »grauslig« gefunden. Er sagt der Wirtin, dass ich es noch weit hätte und meint, sie solle mir »a Bronde« mitgeben, das ginge auf ihn. Die Wirtin reicht mir eine Flasche Club Mate, wie sie in jedem Berliner Spätverkauf zu haben ist. Ich verkneife mir das Grinsen, bin ehrlich dankbar und bedanke mich auch und mache mich auf den Weg.
Der Wehrleiter weiß, wo der Schuh drückt. Die Ortvorsteherin bei mir im Dorf auch. Sie verfügt über ein jährliches Budget von 900 Euro. Für alles. Inklusive Kultur. Gemeinsam haben wir im Winter einen Antrag geschrieben, um unser kleines, selbstgestricktes Dorfkulturhaus zu erhalten. Aber einfach nur Erhalten ist nicht förderfähig. Wir haben uns ausgedacht, worin die Innovation unseres Vorhabens liegen sollte, wir haben es so überzeugend geschildert, bis wir es selbst nicht mehr geglaubt haben. Und die Agentur, die das für irgendeinen Staatsekretär in einem Ministerium mit wechselndem Namen, prüfte, hat es auch nicht überzeugt. Wir hätten einen Bruchteil des Geldes gebraucht, das für jedes der Forschungsvorhaben zum Faktor Kultur auf dem Land aufgewendet wurde. Weniger als die Konferenz in Franken gekostet hat. Mit knapp 50.000 Euro wären wäre die Zukunft von Skatturnier, Feuerwehr, Osterfeuer, Fastnacht, Lesungen und Zampern hier im Dorf für das nächste Vierteljahrhundert sicher gewesen. Dazu braucht es keinen Antrag auf immaterielles Kulturerbe, kein neues Bundesprogramm. Ich will keine Förderung, sondern Gemeinden, deren Haushalt es erlaubt, ein Dorf lebenswert zu erhalten. Und eine Hochschule, an der wir erforschen können, was uns für die Zukunft sinnvoll zu sein scheint. Ohne dass sich jemand mit einer Videobotschaft einmischt. Ich fordere das ab sofort. Unverzüglich.
