Von Angesicht zu Angesicht

Meine Arbeit bringt es mit sich, dass ich unterwegs bin. Vom Dorf nach Berlin und quer durchs ganze Land. Ich bin gern unterwegs. Am liebsten eigentlich mit dem Fahrrad, weil man dabei draußen ist und sich gut den Kopf durchlüften kann. Vor allem aber schätze ich das Verhältnis von Schnelligkeit und der Aufmerksamkeit, die man dem widmen kann, woran man vorbeikommt. Zu Fuß unterwegs zu sein hat seinen Reiz – aber es setzt Zeit voraus, und die ist Alltag rar. Ich mag die Bahn – als ich mit einem Museum in Rom zusammenarbeitet, habe ich jede Gelegenheit genutzt, die Strecke mit der Bahn zu machen. Mit Nachtzügen, absurden Umsteigebahnhöfen. Egal. Ich liebe Bahnhöfe – ob Roma Termini oder Kyjiev–Pasazhyrskyi. Kein Provinzbahnhof, ob Krasna Lipa, Przemyśl, Krzyz oder Letschin, wo ich nicht interessiert die Ankunft- und Abfahrpläne studiere. Aktuell aber ist meine Tourenplanung vom Spritpreis bestimmt. Termine in Frankfurt an der Oder oder Eisenhüttenstadt nehme ich am liebsten mit dem Auto wahr, um die Chance zum Sprung über die Grenze zu nutzen und in Polen voll zu tanken. Selbst für eine Recherchereise nach Bayern prüfe ich die Möglichkeit über Böhmen zu fahren.

Heut morgen aber hatte ich diese Möglichkeit nicht. Vor mir lagen fünfhundert Kilometer vom östlichen Brandenburg ins westliche Niedersachsen. Im Zweifel ist dann die Tankstelle im Nachbardorf eine gute Wahl. Die Tankstelle ist aus der ehemaligen LPG hervorgegangen, ist eine »freie« und zahlt deshalb die Gewerbesteuer in die Gemeindekasse. Ansonsten ist diese Tanke etwas wild. Eine Hecktür, auf der Aufkleber, die Einschusslöcher simulieren sollen, angebracht sind, soll andeuten, was einem Tankdieb blüht. Im Laden gibt es Anglerausrüstungen, Kugeleis, krude Zeitschriften und Mettbrötchen. Ich schätze einen anderen Service: Hier kann man seine Sägeblätter zum Schärfen abgeben.

Es ist kurz vor sieben und ich bin spät dran. Aber gerade heute sind viele Leute vor mir an der Kasse. Der eine wartet bis ihm sein Schnitzelbrötchen belegt wird und hält damit den ganzen Verkehr auf. Deshalb habe ich Zeit, mich umzuschauen und entdecke am Tresen eine Plastikfolie, in die ein A4-Ausdruck gesteckt ist: »Beim Tanken von mehr als 30 Litern gewähren wir Stammkunden einen Rabatt von 4 Cent pro Liter«. Als ich dran bin, sieht mich der Tankwart – er hat eine beeindruckende, naturgelockte Fokuhila-Frisur –  scharf an und gewährt mir den Rabatt, obwohl ich in letzter Zeit wahrscheinlich öfter mit stumpfen Sägeblättern und nicht mit leerem Tank hier war. Ich sag ihm, dass seit heute morgen ein zweiwöchiger Waffenstillstand am Persischen Golf herrscht. Er seufzt und meint, dies bedeute zwei weitere Wochen Hängepartie. Offenbar leidet auch er unter den hohen Spritpreisen. Aber die Öltanker fahren wieder, meine ich, der Ölpreis sinkt, kam im Radio. Er lächelt zweifelnd. Dann frag ich ihn noch, ob es eine Stempelkarte gäbe, um die Stammkundschaft nachzuweisen. Hinter mir grummelt es in der Schlange. Der Tankwart schaut mich verständnislos an und sagt: »Ich kenn doch unsere Stammkunden« und er gibt mir Rabatt.

11. April 2026