Schmal sind ihre türkis schimmernden Federn, schlank ihr Flug und leicht ihr flötender Gesang. Treue Begleiter sind sie uns gewesen, jahrein jahraus, und hätten wir es vermocht, wir hätten mit ihnen Freundschaft geschlossen. Allein, der gesellige Sturnus vulgaris, unser kleiner Star, hat seine Heimat verloren, und wir damit wohl ihn und seine ferneren Generationen.
Von unserem Balkon aus kann man gut die alte Esche sehen, in der ein schönes Baumloch ihnen viele Jahre als Kinderstube diente. Die Esche ist fast hundert Jahre alt, ihre Äste sind morsch und einem Sicherungsschnitt der Baumgärtner fiel kürzlich auch die kleine Bruthöhle der Stare zum Opfer. Seitdem irren unsere Stare rastlos umher.
Aber immerhin steht die Esche noch. Ihre zwei Nachbarn, alte, knorrige Linden, fielen letztes Jahr der Säge ganz und gar zum Opfer, da war das Grünflächenamt eisern. Jetzt parken Autos auf der kleinen Freifläche zwischen Bürgersteig und Straße, und ohne den Baumschatten heizt die Sonne unser Haus nun stärker auf, als man sich das wünscht. Aber in der angrenzenden Querstraße gibt es noch einen stattlichen Lindenbestand. Alte holländische Linden, Sommerlinden, Krimlinden auch, alle so zwischen 80 und 110 Jahre alt. Stattlich. Die meisten Häuser, die die Fülle der Linden heute genießen, sind deutlich jünger. Breite Bürgersteige, manchmal nur Sandwege, dazu Pflasterstraßen und eine lose Bebauung ermöglichen unseren Straßenbäumen ein ganz gutes Leben.
Bäume sind ein Wunder zum umarmen. Ihr sattes Grün füllt unseren Blick, wenn wir auf unseren Balkon treten. Sie grünen Jahr um Jahr, ihre vollen Kronen spenden uns Schatten, sie geben den Tieren Schutz und Wohnung, sie schenken uns Bewohnern so manches.
Und dass wir von unserem zweiten Obergeschoss aus ihre Baumkronen als höchsten Punkt der Landschaft um uns herum sehen, ist ein besonderes Geschenk, denn im ferneren Hintergrund lauern seit wenigen Jahren stählerne Türme, die wir weder an traurigen Novemberabenden noch an lauen Sommernächten zu sehen begehren. Begonnen hatte das vor einigen Jahren mit einem einsamen Windrad an der unweit gelegenen Autobahnausfahrt, ein Platz, wie geschaffen für eine solche Industrieanlage. Dabei blieb es eine Zeitlang. Und dann, heute Morgen, entdeckten wir wieder ein neu errichtetes Windrad, mittlerweile das achte in unserem Blickfeld.
Seitdem flackern, bevor unsere verbliebenen Linden ihr Blätterwerk in die Frühlingssonne strecken, von Oktober bis März hinter ihrem kahlen Geäst diese roten Lichtlein; aus der Dunkelheit flammen sie kurz auf und verschwinden wieder. Fixiert man eines davon mit halb zugekniffenen Augen, könnte man es glatt für den Mars halten. Aber den gibt’s nur einmal und nicht acht Mal. Und der Mars steht nicht, er wandert sachte durchs Himmelsgewölbe, ein klitzekleiner Punkt am Firmament, seit Äonen.
Die historische Variante dieser uralten, großartigen menschlichen Idee, Wind einzufangen und mechanisch in andere Energieformen umzuwandeln, steht im Park Sanssouci, links hinter dem Sommerschloss vom alten Fritz, versehen mit einer schönen Anekdote über das Verhältnis von Regent und Untertan. Wir kommen darauf zurück.
Wann genau die einzelnen Windräder in unsere Sichtachse wuchsen, kann ich gar nicht sagen. Aber es ist wieder so ein Steinchen im Gefühlspuzzle, das einen auf einen schnelleren Frühling hoffen lässt, damit das aufkeimende Grün uns die ewig rotierend rotflackernden Dreiflügler möglichst bald verdeckt. Noch können die Linden das, denn noch sind sie groß genug. Aber die meisten sind alt und angemessen mürbe. Seit vorletztem Jahr werden sie peu a peu gefällt um, wenn wir Glück haben, durch neue, zehn Mal kleinere junge Bäume ersetzt zu werden.
Bleiben einige der alten Bäume noch eine Zeit lang stehen, so steht zu befürchten, dass die Windräder unterdessen wachsen. Heute sind diese Turbinen ca. 180 Meter hoch, vor zehn Jahren waren es noch 90 Meter, die Rotorengröße hat sich von 70 Meter glatt verdoppelt. Tendenz, raten Sie mal. Im Süden Brandenburgs wird aktuell die höchste Windkraftanlage Deutschlands gebaut, ein sogenannter Höhenwindturm, mit einer Gesamthöhe von 365 Metern.
Wenn man als technischer Laie mal hier und da nachguckt, gibt es erstaunliches Zahlenwerk rund um diese Giganten. Pro moderne Turbine, zum Beispiel die E-126, braucht man Unmengen an Material, vor allem Stahl und Beton, aber auch Verbund- und Schmierstoffe, Harze, Mineralien, PVC. Die Turbine und das Fundament, alles was so dazu gehört, wiegen am Ende 7.000 Tonnen! Eine einzige Windkraftanlage mit allem Drum und Dran. Das muss erst einmal erkundet, abgebaut und hergestellt und dann noch an den richtigen Platz gekarrt werden. Die meisten dieser mineralischen und metallischen Rohstoffe müssen importiert werden. Auch das besonders leichte und druckfeste Balsaholz, das in den von Glas- und Carbonfasern ummantelten Flügeln benötigt wird. Es kommt fast ausschließlich aus dem ecuadorianischen Regenwald. Es ist heiß begehrt, sodass Konsequenz Raubbau, Kahlschlag und explodierende Preise die Konsequenz sind. Auch Kupfer, Nickel oder Aluminium werden benötigt, sie kommen unter anderem aus Lateinamerika. Unsere ganze Windindustrie hängt von globalen Rohstoffketten ab. Bevor die erste Kilowattstunde produziert ist, geht ziemlich viel Energie und Umwelt drauf..
Um dem Winddruck standzuhalten, müssen gewaltige Stahlbeton-Fundamente gelegt werden. Für die Bauarbeiten werden Äcker, Wiesen und Wälder planiert. Das Ganze wird schließlich auf einem halben Hektar frisch und komplett versiegelter Fläche platziert — also auf ungefähr zwei Dritteln eines Fußballfeldes, und das für eine einzige Anlage. Hinzu kommen auch noch die planierten Zufahrtswege, damit die Massen an Bau- und Versorgungsfahrzeugen das Baumaterial herankarren können. Danach ist das Gelände ökologisch mausetot. Das Bodenleben ist zerstört, am Stahlbetonfundament werden noch Generationen von Steinbeißern zu knabbern haben.
Aber wir wollen mal nicht nur meckern, denn hier wird natürlich irgendwann und unter den richtigen Bedingungen eine Menge Energie erzeugt. Was leisten diese Türme denn eigentlich? Die erwähnte E-126 hat eine installierte Nennleistung von ca. 7.500 Kilowattstunden, was allerdings ein theoretischer Wert ist. Bei uns werden nämlich durchschnittlich nur gut 20 bis 25 Prozent Vollaststunden erreicht, also bei günstigen Bedingungen im Binnenland ca. 1.600 Kilowatt. Das heißt, dass diese Anlagen in Deutschland übers Jahr gemittelt in ungefähr 80 Prozent der Zeit keinen Strom produzieren, weil entweder nicht genug oder zu viel Wind weht, dann muss abgedreht werden. Oder die Windanlagen werden bei viel Sonnenschein und reichlich Wind von den PV-Anlagen, die man nicht abschalten kann, kannibalisiert, heißt, sie werden gedrosselt oder abgeschaltet, um das Stromnetz nicht zu überlasten. Prinzipiell lohnt sich eine Windkraftanlage nur an Standorten mit ausreichend regelmäßig starkem Wind, wie es ihn in Deutschland außerhalb der Küstenregion kaum gibt.
Ich muss mich mittlerweile in meiner Ausdrucksweise zügeln, wenn ich an solchen Anlagen vorbeifahre. Ich bin ja ein Naturfreund und habe früher allerlei entsprechenden Organisationen mein Kleingeld nachgetragen. Aber diese Industriewindanlagen sollen Umweltschutz sein? Betrachten wir doch mal den Kollateralschaden einer Turbine im Einsatz: Geschredderte Vögel, geschätzte Einhunderttausend pro Jahr, Fledermäuse 250.000 pro Jahr, Millionen Insekten.
Aber nun sind sie halt da, unsere Rotoren. Und ganz eisern und planmäßig werden es stetig mehr. Wo die Räder stehen, muss man auch deren Folgen erdulden. Ihre Türme sind von den Innenstädten aus nicht zu sehen, hier verkauft sich die Idee vom grünen Strom noch prima. Nur wer am Rande wohnt und erst recht in den Dörfern drumherum wird beschattet und beleuchtet, wie der Wind halt weht.
Wir können noch auf die Linden setzen; woanders sieht es ganz anders aus. Denn für die Anwohner gibt’s gratis Schlagschatten und Infraschall und Brummtöne, leise rieselt der feine Abrieb der Rotoren auf Felder und Wälder. Eine angemessene Entsorgung dieser Unmengen von Verbundstoffen ist bis heute technisch noch nicht möglich, das Material endet meistens schlicht im Ofen. Auch ändert sich das Mikroklima hinter Windparks, es wird trockener und wärmer. Das ist bekannt, auch wenn es nicht in jeder Zeitung steht.
Umweltschutz sieht anders aus. Energiepolitik auch. Was bewegt unsere Gesellschaft, dass sie das alles befürwortet oder wenigstens hinnimmt? Wie so oft verschließen wir die Augen vor der Kehrseite so mancher Neuerung, oder wir verschließen sie auch nur vor der Annahme, dass eine solche Kehrseite überhaupt existieren könne.
Um die Windmühle im Park Sanssouci gibt es die hübsche Anekdote vom Müller und dem König. Der Legende nach wollte der Alte Fritz dem Müller nebenan seine klappernde Mühle abkaufen, weil sie ihm die Aussicht auf seinen Park verstellte. Der Müller weigerte sich, und als der König drohte, er könne ihm die Mühle auch einfach wegnehmen, sollder selbstbewusste Müller geantwortet haben: Ja, Eure Majestät, wenn das Kammergericht in Berlin nicht wäre. Der König gab klein bei, die Mühle blieb stehen, und aus der Geschichte wurde ein geflügeltes Wort: Es gibt noch Richter in Berlin. Bei unseren heutigen Windrädern ist die Machtverteilung eine andere.
Und so schließt sich an: Cui bono? Wie viele der Eigentümer dieser Räder oder der Wähler dieser Energiepolitik wohnen im Umkreis dieser Anlagen? Wobei es den Bodeneigentümern schon schmackhaft gemacht wird mit einer Pacht von 50 bis 70 Tausend Euro pro Windanlage, ein Vielfaches dessen, was es für Ackerland gibt, und natürlich kann manch einer da nicht nein sagen. Das alles mit hohen Subventionen, politisch protegiert, gezahlt letztlich vom Steuerzahler, und seit 2021 juristisch felsenfest als Klimaschutzgebot in den Verfassungsrang erhobenen. Damit, so scheint es, ist Widerstand zwecklos.
Unsere verbliebenden Linden stehen auch heute Morgen in wunderbarer Pracht da. Sie versorgen uns mit Schatten, mit ihrem satten Blattgrün, mit Sauerstoff und vor allem mit einer unbeschreiblichen Atmosphäre, die einem ein alter Baum spendiert. Sie verhüllen nicht nur die menschlichen Irrungen, an ihrer rauen Rinde turnen auch wild und entschlossen Eichhörnchen herum, unsere vertriebenen Stare nehmen für ihren Federputz nun auf ihnen Platz. Damit nicht genug, sind Linden die Heimat so vieler Tierarten, über 70 Großschmetterlingsarten sollen sie beherbergen und 13 Vogelarten ernähren sich von den Lindenfrüchten. Nicht zu reden von den vielen Insektenarten, die sich im Sommer an den Lindenblüten laben.
Sie dürften auch an unserer Straße viel gesehen haben im Laufe ihres hundertjährigen Lebens. Pferdedroschken zogen an ihnen vorbei, Panzer, Trabis und schließlich E-Autos. Sie haben standhaft alles Menschgemachte überstanden, Krieg und Armut und Technisierung. Schauen wir mal, wer in einhundert Jahren fester im märkischen Sand sitzt, die Linden oder die Windkraftanlagen.