Von der Hoffnung, oder: Nun sind sie halt weg

Vor einiger Zeit sah ich in der Straßenbahn, viele sagen heute komischerweise Tram, einen jungen Mann, der ein T-Shirt mit der Aufschrift „Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt“ trug. In gewisser Weise ist der Spruch charmant, zumal wenn man den jungen Mann dazu sah. Jedenfalls fühlte ich mich vor Kurzem wieder daran erinnert, als ich in mein Lieblingscafé bei uns um die Ecke gehen wollte. Es war ein kalter Nachmittag Ende Januar, und ich freute mich auf ein Stück des wie immer zu erwartenden ausgezeichneten Kuchens.

Betrieben wurde das kleine Café von einem Ehepaar. Er, zumeist etwas mürrisch, übernahm Buchhaltung und Logistik. Die Dame des Hauses sorgte stets charmant für die Kundenbindung und den Verkauf. Und zusammen sorgten sie dafür, dass der Laden lief.

Wir gingen, wie viele andere, regelmäßig und ausgesprochen gerne dorthin. Genossen neben dem Kuchen das Eis und das bescheidene aber recht gut sortierte Essensangebot. Es war, bis auf den Kuchen, keine besondere Küche, das kann man wirklich nicht sagen. Aber die Atmosphäre war angenehm, und das nicht wegen des schnöden Raumcharakters des 90er-Jahre-Baus, in dem das Café steckte. Im Sommer war es in dem hässlichen Betonbau mit niedrigen Decken und großen Fenstern viel zu warm. Der Rotor an der Decke mit aufgeklebtem Plastestuck erinnerte mich stets an Winnetous Westernsaloons, war aber vermutlich, was den erhofften Kühlungseffekt anging, genauso unsinnig. Die Einrichtung war deutlich mehr praktisch als schön und wohl auch aus den 90er-Jahren aus irgendeinem Kaffeehauseinrichtungskatalog, mit praktischen Stühlen und Tischen und Deckchen und Retro-Werbeschildern aus den 1960er Jahren.

Aber trotzdem: Die Chefin machte es alles wett. So viel Freundlichkeit und Zuwendung, gefühlt kannte sie jeden. Man grüßte sich, und was machen die Kinderchen und die Krankenhausaufenthalte und das Wetter und so fort. Und im Herbst gab es einen ernst gemeinten Anflug von Oktoberfest, alles blauweiß geschmückt und das Personal bayerisch krachledern angezogen.

Außerdem, das gehörte dazu, obwohl es nicht präsent war, wusste jeder, dass die Chefs begeisterte Tänzer waren und im Sommer an der Ostsee wohl auch semiprofessionell tanzten. Das konnte ich mir nie so richtig vorstellen, aber es beflügelte die Phantasie und erhöhte damit nur die Zuneigung, die man dem kleinen Café gegenüber empfand.

Aber nun ist es zu. Gibt’s nicht mehr, geschlossen, aus. Genauso wie der Bäcker, der vor wenigen Jahren nur zweihundert Meter weiter schloss. Netto, Rewe und zwei Bäckereifilialen sind aber noch da. Die Grundversorgung läuft also.

Doch es ist ein herber Verlust. Denn nun gibt’s bei uns nichts mehr, was noch auf der Energie und dem Engagement der Leute von nebenan beruht. Etwas, wo man die Hingabe, den Ernst der eigenen Arbeit spürt.

Für uns ist das in wenigen Jahren die zweite Restaurantschließung, bei der wir die Betreiberfamilien persönlich kannten. Die erste war eine wunderbare polnische Familie, die ein kleines Restaurant mit schlesischer Küche im Prenzlauer Berg unterhielt und die im letzten Jahr wegen der vielen Auflagen, der gestiegenen Kosten und dem Druck der Lieferdienste das Handtuch warf. Unseren Kaffeehausbetreibern brachen nun die exorbitant gestiegenen Mietpreise das Genick.

Manchmal hilft ja der Blick über den Tellerrand, also habe ich mich etwas umgesehen. Und ja, wir sind nicht alleine. Überall Geschäftsaufgaben, vornehmlich stille Geschäftsaufgaben, ein Begriff, den ich bis vor Kurzem nicht kannte. Man kommt dabei ohne Insolvenz aus, es wird einfach aufgehört. Man geht dabei gegenüber den Insolvenzen von der zehn- bis zwanzigfachen Anzahl der Fälle aus. Genau weiß das niemand.

In Brandenburg etwa sank die Zahl der Restaurants mit Bedienung in nur acht Jahren von rund 2.200 auf 1.800 – jedes fünfte ist also weg. In Berlin liegen die realen Umsätze 2025 in der Gastronomie noch fast 15 Prozent unter dem Niveau von 2019. Gleichzeitig stiegen die Kosten deutlich: Personal plus ein Drittel, Lebensmittel und Energie ebenfalls fast 30 Prozent. Seit 2020 haben bundesweit etwa 48.000 Gastronomiebetriebe geschlossen, davon 14.000 im Jahr 2023. Wir befinden uns also in trauriger Gesellschaft und fragen hier mal nicht nach den Gründen.

Neulich las ich bei einem klugen Mann, der Mensch lebe im Erfahrungsraum und blicke auf das Kommende als Erwartungshorizont. Wo kann es denn noch hingehen, was ist zu erwarten? Wo essen und trinken und erzählen wir gemeinsam, wenn die Orte dafür sterben? Neulich erinnerte ich mich daran, wie ich als Kind staunte und alles um mich herum aufsog, wenn mein Vater mit mir mal in die Wirtschaft ging. Das halbe Dorf saß dort bei Bier und Zigarre und diskutierte über Gott und die Welt. Was darf man jetzt erwarten?

Nun sind sie halt weg, paraphrasiere ich mal unsere ehemalige Kanzlerin. Weg sind die polnischen Freunde, weg sind die tanzenden Bayern brandenburgischer Herkunft. Wir wissen nicht, wo sie wohnen, nicht, was sie jetzt machen. So eng ist man halt doch nicht gewesen. Eigentlich schade. Und traurig. Ob man jetzt auf etwas Neues hoffen darf? Ich denke jetzt mal nicht an das T-Shirt des jungen Mannes.

27. März 2026