Sing!

Mit der Bahn zu fahren ist schön – nervt aber auch. Über das Bahnfahren Kolumnen zu schreiben, erübrigt sich eigentlich. Wir erleben alle eine solche Fülle von Pannen und unfreiwilligen Reiseabenteuern, dass es langweilig wäre, sie alle aufzuschreiben. Dennoch lausche ich noch immer noch mit Neugier den Durchsagen mit den Begründungen, Ausflüchten und Entschuldigungen, weshalb wir verstehen sollen, dass der Zug nicht fährt. Viele sind überzeugt davon, dass ein Algorithmus diese Begründungen erzeugt: Stellwerkschaden, Signalstörung, Lokführer nicht da. Allerdings gibt es gerade eine Neuerung im Repertoire, über die ich mich freue: In letzter Zeit wird öfter mal vorgeschlagen, man solle, weil der Zug leider nicht fährt, doch bitte einfach die Züge der Gegenrichtung benutzen: Fahren Sie doch bitte einfach wieder nach Hause, mähen Sie ein bisschen Ihren Rasen, er wird es nötig haben, und denken Sie nicht mehr darüber nach, was Sie da draußen in der Welt unternehmen wollten. Es wird nicht wichtig gewesen sein. 

Leider gibt es meistens doch Gründe, weshalb wir alle auf dem Bahnsteig von Königs Wusterhausen stehen und die Ankunft der Regionalbahn erwarten. Im Moment stehen wir dicht gedrängt. Es ist nicht nur normal voll, nervig voll, wie immer um diese Tageszeit, sondern es sieht aus, als sei hinter uns irgendeine Katastrophe passiert, sodass die ganze Bevölkerung sich gleichzeitig in Bewegung setzt. Wir stehen so dicht, dass es nervt, wenn jemand auch nur zu viel Gepäck dabei hat. Oder ein Fahrrad. Oder gar ein Kind – oder mehrere davon! Der Andrang beruht darauf, dass schon der letzte Zug ausgefallen ist und dieser 40 Minuten Verspätung hat. In den Gesichtern der Wartenden ist etwas zu lesen, das ich in letzter Zeit öfter beobachte: Ein Zusammenspiel von großer Anspannung und Langmut. Ein routiniertes Beherrschen der Zumutungen, denen wir ohnmächtig ausgeliefert sind, die kräftezehrende Übung, keine Energie zu verschwenden, wo nichts zu erreichen ist. Eigentlich bewundere ich, wie selten jemand ausfällig wird. Alle verteilen sich, geübt darin, schnell zu erfassen, wo die Sinne den Belästigungen durch Lärm oder Gerüche am wenigsten ausgesetzt sind. An mir selbst fällt mir auf, dass ich früher Jugendliche wegen ihres Gestanks nach Deos und Duschgel gemieden habe, eine Strategie, die ich seit dem allgegenwärtigen Gewimmel von Mensch entschieden aufgegeben habe, weil mir der Geruch nach Pflegeprodukten, verglichen mit den menschlichen Ausdünstungen, wesentlich erträglicher ist. Deshalb setze ich mich heute am liebsten neben junge Reisende, bevorzugt Russinnen oder traditionelle Araberinnen. Auch heute entscheide ich mich in dieser Richtung. Neben mir sitzt eine Deo-umwehte Teenagerin. Mir gegenüber ein Pärchen, beide mit Sonnenbrillen, das sich schlafend stellt, und im Viererabteil auf der anderen Seite des Gangs vier junge Frauen mit Hijabs, undurchdringlichem Makeup und gigantischen Wimpern, eingehüllt in die Düfte einer ganzen Rossmann-Filiale. Wir sitzen alle still, als der Zug losrollt und tun alle ein bisschen so, als seien wir gar nicht da. Im Gang ist ein Rad angelehnt, das vor und zurückschlingert, was entsetzlich nervt, aber niemand hat Lust, zu versuchen, den Besitzer ausfindig zu machen, um ihn zu ermahnen oder so etwas. Also schlingert das Ding vor und zurück, egal.

Eben denke ich noch, dass ich das gut hingekriegt habe, möglichst reglos in dieser vollgestopften Dose durch die Brandenburger Landschaft zu gleiten, als im Gang ein kleines Mädchen auftaucht. Es hat blonde zerzauste Haare und hält ein pinkfarbenes Plastikspielzeug in der Hand. Es reckt mir das Ding entgegen und bedeutet mir, dass ich es nehmen soll. Das Ding hat einen länglichen Griff, an dem man es hält, und daran ist eine runde Scheibe angebracht. Da Ganze sieht aus wie der Bruchstabe i mit einem aufgeschraubten i-Punkt. Das Mädchen guckt mich ernst an und zeigt mir einen Knopf, auf den ich drücken soll. Es drückt selbst auf den Knopf und die runde Scheibe beginnt sich zu drehen und zugleich in allen Farben zu blinken, sodass es wirkt wie ein funkelnde Kugel. Das Mädchen lacht, als hätte es gewonnen, nimmt mir das Ding wieder aus der Hand und weckt die Sonnenbebrillte gegenüber von mir. Die Sonnenbebrillte tut, als schliefe sie weiter. Das klappt aber nicht. Schließlich gibt sie auf. Sie wird ebenfalls genötigt, auf den Knopf an dem Plastikding zu drücken, und die Scheibe wird wieder zur Funkelkugel. Das Mädchen freut sich. Inzwischen gucken die Hidjab-Mädchen zu uns. Sie bekommen als die nächsten das blinkende Ding in die Hand, jede einzeln, nacheinander. Die Mädchen sind ein bisschen kooperativer als wir, sie lachen leise und flirten mit dem Kind. Das Kind spricht nicht, aber immer, wenn jemand die Kugel rotieren lässt, lacht es siegesgewiss. „Wie schön das ist!“, sagt eines der Hidjab-Mädchen, „ es sieht aus wie ein Mikrofon“. Sie hat ein liebes Lächeln und trägt einen Goldreif am Arm. Das Kind stutzt kurz, nimmt das Ding wieder an sich, scheint nachzudenken und gibt es der Schönen zurück. „Sing“, sagt das Kind. „Ich kann gar nicht singen“, wehrt sich die Schöne. „Doch“, sagt das Mädchen, und bleibt so lange am Ball, bis die Schöne tatsächlich – leise und unsicher – anfängt ein Liedchen zu singen. Ich verstehe nichts, aber es klingt wie ein Kinderlied, und die anderen Hidjab-Mädchen stimmen leise mit ein. Es klingt so niedlich, dass ein Mann schräg hinter den Frauen lachen muss. Er lacht nicht lange, sondern hat Sekunden später das Kind am Hals, muss die Kugel blinken lassen und singen. Inzwischen gucken alle. Als hätten sie für einen Moment einfach vergessen, wie schlecht alles ist. Das Kind geht derweilen unbeirrt, als komme es einer Pflicht nach, die großen Ernst erfordert, durch das den ganzen langen Gang. Und reicht den Verzagten die Wunderkugel. 

12. April 2026