Der Mensch und die Tiere

In vielen Gesprächssituationen komme ich mehr oder weniger direkt in die Lage, die Nutztierhaltung als etwas Sinnvolles einzuordnen und die Schlachtung von Tieren, die zur Nutztierhaltung dazu gehört, nicht abzulehnen. Diese Sichtweise erstreckt sich über viele Themen, vom landwirtschaftlichen Beruf über die Selbstversorgung bis zum notwendigen „Jagddruck“ in der Landschaft. Für viele Menschen bilden solche „Ansichten“ einen Grund, die Kommunikation abzubrechen und sich ein festes, negatives Urteil über den anderen zu bilden. Die Anzahl der Menschen, die so empfindet, steigt sogar stetig an und repräsentiert einen einflussreichen Teil der heutigen Gesellschaft. Mit dieser Gesellschaft aber will ich mich weiterhin auseinandersetzen, zu dieser Gesellschaft will ich den Draht nicht verlieren, (auch wenn ein Teil in mir durchaus den Rückzug bevorzugt.) Wie gehe ich damit um, wenn eine Nachbarin empört den Hof betritt und ohne jede Höflichkeitsbekundung eine Erklärung dafür verlangt, dass eine unserer beiden Kühe nach ihrem Kalb ruft? Wie gehe ich damit um, wenn eine neue Freundin sich plötzlich als Veganerin entpuppt, die allerhand gegen die Tierhaltung vorzubringen hat und die natürlich mit meiner Begeisterung für das Melken von Nutztieren nichts anfangen kann?

Aus der Defensive heraus lässt sich das alles nur schwer erklären. Es macht nach meiner Erfahrung wenig Sinn, meine Argumente und Wahrnehmungen vor jemandem auszubreiten, der mit dem Verdacht den Gesprächsraum betreten hat, ich könnte ein gefühlloser, geradezu faschistoider Machtmensch sein oder mindestens nicht verstehen, dass meine Einstellungen diesem absolut Falschen und Bösen dienlich sind. Welche Räume gibt es noch, in denen wir Nutztierhalter uns, aus unserem Erfahrungsschatz heraus, zu der Haltung und Tötung von Tieren äußern können, ohne zwangsläufig auf der Anklagebank zu sitzen?

Zunächst möchte ich es einmal auf dem Papier versuchen.    

Der Zusammenhang, in dem wir stehen

Es gibt zwei Dinge, die es nicht geben würde, hätte es die Nutztierhaltung und die dazugehörige Kultur der Züchtung und der Lebensmittelveredelung nicht gegeben. Zum ersten sind das wir selber, zum zweiten ist das unsere Welt. Unser aller Existenz geht auf bäuerliche Vorfahren zurück, die auf Grund von Landbewirtschaftung und Tierhaltung (was letztlich eins ist) sich selbst und ihre Nachkommen ernähren konnten. Die gesamte menschliche Kultur, so wie wir sie heute vor uns haben, ist aus den Entwicklungen in der Landwirtschaft heraus entstanden, zuerst die Dörfer, dann nach und nach die Städte, die Staaten, die Technik, der Handel, das Bauwesen, die Industrie, die Mobilität. Unsere Geschichte ist eine Geschichte der Urbarmachung der Natur zum Zwecke der Entwicklung von Kultur und Zivilisation, wobei der Zähmung, Züchtung und Haltung von Haustieren eine zentrale Bedeutung zukommt.  

Aber nicht nur in unser aller Vergangenheit liegt ein unzertrennbares Band zwischen uns Menschen und den Nutztieren, auch heute noch gibt es keine Form von Landwirtschaft, welche die Menschen versorgen könnte, ohne die Düngung der Böden durch riesige Mengen an tierischem Kot. Selbst die von Veganern befürwortete, rein pflanzliche Ernährung ist nicht mittels einer Landwirtschaft zu gewährleisten, die nur chemisch düngt. Ich muss das noch einmal mit anderen Worten sagen, denn es ist mir passiert, dass selbst eine Biologie- und Chemielehrerin eines Gymnasiums, die sich vegan ernährte, es nicht wusste: Weder ein künstliches Düngemittel noch die sogenannte Gründüngung kann die Mengen an tierischem Dung ersetzen, welche unabdingbar sind, um eine einigermaßen ertragreiche Landwirtschaft zu betreiben. Wer das Gegenteil behauptet, leidet unter einem Machbarkeitswahn.[1]

Das Leben heutiger Veganer basiert also ebenfalls auf dem, was die Tiere uns geben. Und auch wenn es gewiss erstrebenswert wäre, die Haltung der Tiere wieder mehr zu dezentralisieren und auf viele kleine Tierhalter zurück zu verteilen, kann jeder mit Leichtigkeit erkennen, dass dies in Anbetracht der zivilisatorischen Forderungen, die der heutige Mensch an das Leben stellt, schlicht undenkbar ist. Der menschliche Hunger fordert außerdem, zusätzlich zu einer ertragreichen Landwirtschaft mithilfe tierischer Düngemittel, auch noch die Verwandlung des Grünlands in verdaubare und gesunde Nahrung. Von 5.5 Milliarden Hektar weltweiter Agrarfläche bestehen 3,5 Milliarden Hektar aus Grasland, (Steppe, Savanne, karges oder zu nasses Grünland), auf welchem kein Acker- oder Gartenbau möglich ist. Nur Wiederkäuer können aus diesem Land etwas Essbares hervorzaubern, während sie gleichzeitig, unter der Führung des Menschen, diese Gebiete auch pflegen und düngen.

Was uns krank macht

Natürlich kann man sagen, dass wir selber nichts dafürkönnen, wenn wir auf den Schultern von Generationen stehen, die permanent böse gehandelt und Gefühle „in sich abgetötet“ haben, indem sie als Nutztierhalter und Jäger lebten und arbeiteten. Die meisten Psychologen aber würden bestätigen, dass eine solche Grundhaltung schädlich für die seelische Gesundheit ist. Eine Vergangenheit, die aus grenzenloser menschlicher Schuldigkeit und Härte besteht, muss uns im Magen liegen wie ein unverdaulicher Klotz, den es endlich aufzuweichen und zu integrieren gilt.

Ebenso krankmachend wie die Wahrnehmung einer unendlich schuldbehafteten Vergangenheit ist die Wahrnehmung eines Raumes voller nicht zu rechtfertigender, grauenhafter Tieropfer. Solange man die Tötung von Tieren mit menschlichen Projektionen belegt und keinen Sinn darin zu erkennen vermag, befindet man sich im Grunde inmitten einer permanenten, entsetzlichen Horror-Show. Gerne mag ich eingestehen, dass das Überschreiten einer gewissen Anzahl an Tieren in der Haltung, beim Transport und bei der Schlachtung etwas Fragwürdiges und Verstörendes an sich hat. Aber wo genau liegt der Unterschied zwischen einer Herde und einer Masse? Und wer kann das besser beurteilen als die Menschen, die mit den Tieren arbeiten? Ich bin Bauern begegnet, die hatten 30 Kühe ohne einen für mich erkennbaren inneren Bezug, und ich bin anderen begegnet, die eine 300köpfige Herde mit ihrer ganzen konzentrierten Anwesenheit umfassten.

Es bedarf also vor allem eines gesellschaftlichen Gesprächs darüber, was in dem stetig fortschreitenden, systembedingten Wachstumszwang eigentlich geschieht, welche Vorteile und welche Gefahren darin liegen und in welcher Weise man damit umgehen könnte. Und ein solches Gespräch kann nur fruchtbar sein, wenn es die Tierhalter mit einbezieht und ihnen nicht grundsätzlich die Menschlichkeit und das Empfinden abspricht.

Auch das negative Bild der Jagd, welches derzeit bis in die höchsten akademischen Kreise kultiviert wird, zeitigt bedenkliche Folgen für unsere Weltwahrnehmung. In einem Artikel setzt die Theologin und „Tierethikerin“ Simone Horstmann die Jagd kurzerhand mit Mord in eins. Jeder zweite Satz enthält eine Diffamierung der Jägerschaft, nur spärlich mit akademisch anmutenden Begrifflichkeiten verschleiert. Dass ein Jäger sein Handwerk für sinnvoll halten und sogar bestimmte religiöse Empfindungen mit ihm verbinden kann, wird als eine infame Maskierung eigentlicher Macht- und Mordgelüste dargestellt. Wie aber hält man es aus, ein Leben inmitten von Mördern zu führen, die umhergehen, als seien sie ganz normale Menschen? Und wie sollte es uns letzten Endes noch möglich bleiben, auch nur einen einzigen genussvollen Blick in einen Wald, auf eine Landschaft oder in einen Garten zu werfen, wenn ein Tier, welches gejagt und getötet wird, dies tatsächlich als ebenso entsetzlich erlebt, wie ein Mensch, den man „verfolgt, hetzt und tötet“, so wie die besagte Theologin behauptet?

Im Grunde läge in dieser Annahme das Ende einer jedenpositiven Beziehung zwischen Mensch und Natur beschlossen. Denn das, was dort draußen vor sich geht, ist nichts anderes als Jagd  ̶  ein andauerndes Fressen und Gefressen-Werden, Nachstellen, Entrinnen, Wittern, Scheuchen, Greifen, Unterwerfen. Das Leben eines Tieres in der freien Wildbahn lässt sich schlicht definieren als ein zeitlich begrenztes Entkommen, bis der Tod das kleine Zeitfenster namens Leben wieder schließt. Dass dabei auch Schmerzen und Trauer eine Rolle spielen, ist klar. Das Amselpärchen, das zum dritten Mal zum Brüten ansetzt, strahlt unmittelbar nach dem Raub seiner Brut durch die Elster eine tiefe Traurigkeit aus. Diese aber verschwindet in einem für menschliche Maßstäbe schwindelerregendem Tempo, sobald der nächste Versuch gestartet wird. Vor zwei Sommern beobachtete ich ein Schwanenpaar auf einem Dorfteich, deren fünf Junge von einem Fuchs oder Marder geholt worden waren. Ich konnte nicht umhin, über Wochen Trauer in ihren Haltungen zu gewahren, die ich als still und würdevoll umschreiben würde. Im letzten Sommer zogen sie vier Junge auf, und in diesem nicht weniger als acht. Erfolgreich.

Ob der Mensch in dem gesetzmäßigen Ablauf von Werden und Vergehen als Jäger einen Part übernimmt, ändert nichts an dieser existentiellen Sachlage. Und dass der Mensch diesen Part tatsächlich vor allem aus waldbaulichen Gründen übernehmen muss, wollen gerade solche Menschen nicht wahrnehmen, die sich sehr gerne in der Natur aufhalten, von funktionierenden Ökosystemen träumen und sich in ihren Wohnräumen am liebsten mit Holz umgeben.

Auf der Suche nach der Perspektive der Tiere

Nach meiner Erfahrung bedarf es einiges an Jahren des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit mit Tieren, bis man als Mensch eine gewisse Wahrnehmung für die Perspektive der Tiere zu entwickeln beginnt. Je näher man an sie heranrückt, desto weniger rutscht man in die Falle der Vermenschlichung, und desto essentieller erscheinen die Unterschiede – nicht nur zwischen Tier und Mensch, sondern auch zwischen den verschiedenen Tierarten. Ein bekannter Pferdeflüsterer hat einmal gesagt, er habe alle wesentlichen Lehren über das Pferd in seiner Kindheit verinnerlicht, da seine Wahrnehmungsfähigkeit sich noch offen und unverstellt auf das richten konnte, was ganz anders war als menschlich.

Damit ist nicht gemeint, dass Tiere keine Gefühle haben. Im Gegenteil: Sie scheinen mir voll von Gefühlen. Diese aber scheinen zu hundert Prozent auf die Gegenwart gerichtet, in der Gegenwart verankert, sodass jedwede Gegenwart den Tieren vorkommen muss wie eine Art Ewigkeit, ja, sodass es für die Tiere womöglich gar keinen Unterschied zwischen Gegenwart und Ewigkeit gibt. Wir Menschen haben ein Bewusstsein von Zeit, sind in diesem Bewusstsein zuhause, setzen die Zeit als Maßstab und Maßeinheit überall an. Das Tier interessiert sich weder für das, was gestern war, noch für das, was morgen kommt. Es lebt ganz und gar in der Gegenwärtigkeit seiner Wahrnehmungen, im Jetzt seiner sinnlichen Empfindungen. 

Ähnlich ist es mit dem Raum. Für das Tier scheint ein Hier ein Überall. Man beobachte nur die Art und Weise, wie eine Kuh oder eine Ziege einen neuen, bisher unbekannten Raum betritt. Es ist, als gehe sie auf schiefem oder wackligem Boden und sähe die Welt zum allerersten Mal. Auch kleine Veränderungen im Raum werden sofort und mit allen Sinnen und von allen Seiten auf- und wahrgenommen. So ein Nutztier ist eins mit dem Raum, den es bewohnt. Es kennt diesen Raum auf eine Art und Weise, die wir uns wahrscheinlich gar nicht vorstellen können. Eine Sehnsucht nach dem Anderswo scheint es nur dann zu geben, wenn dieses Andere bereits erlebt wurde und unmittelbar gewittert werden kann. Ansonsten aber ist alles, was räumlich unbekannt ist, schlicht nicht da. Und die Bereitschaft, das was da ist anzunehmen, es auszufüllen und von allen Seiten zu bespielen ist nachgerade grenzenlos.

Dies soll nicht heißen, dass Nutztiere nicht leiblich Erinnerungen abspeichern. Und dass sie nicht unglücklich sein können oder sich nicht nach einem anderen Zustand sehnen können. Ihr Unglück aber scheint mir dennoch nicht wesentlich an eine Haltungsform gebunden, sondern es entsteht, nach meinem Empfinden, viel mehr aus der Nicht-Beachtung oder gar Verachtung durch den Menschen, dem Gefühl, nicht wahrgenommen, gepflegt und geführtzu werden. Ein Blick, eine Geste, eine anerkennende Gemütsregung und auch ein klarer, richtunggebender Gedanke von Seiten eines Menschen fällt auf die Tiere wie eine Art Segen. So kommt es mir zumindest vor. Ich glaube dabei so etwas wie Dankbarkeit zu verspüren, und eine sehnsuchtsvolle Anhänglichkeit an das, was wir Menschen zu geben haben. Diese Gesten aber, diese Gemütsregungen und Gedanken, die den Tieren Anerkennung zollen, vermag auch ein polnisches Mitarbeiterpärchen auszustrahlen, das sechs Tage die Woche getreulich in einem großen Kuhstall arbeitet. Und diesen Segen vermag auch der Schlachter auszustrahlen, bei dem die Jungziegen geschlachtet werden, die ich füttere. Ganz eindeutig.

Das ewige Hier bzw. die im Raum ausgebreitete Ewigkeit des Tieres ist sein Leben. Es besteht aus Nahrungssuche, -beschaffung und -aufnahme, aus Rangkämpfen und spielerischen Kabbeleien, aus Fortpflanzung und Geburt, Aufzucht, Körperpflege, gegenseitigen Zärtlichkeiten, Verletzungen, Flucht und Tod. Ins Bewusstsein dringen außerdem, nach meinem Empfinden, bestimmte immaterielle Dimensionen der Wirklichkeit, die wir mit unseren Sinnen nicht wahrnehmen, sondern allerhöchstens erahnen, und die das Empfindungsleben der Tiere zusätzlich von dem unsrigen unterscheiden. Ich habe sogar das Gefühl, dass die Tiere eine Wahrnehmung für den Sinnzusammenhang haben, in welchem sie stehen, und dass diese Wahrnehmung ihnen das Sterben leichter macht.

Eines dieser sinngebenden Zusammenhänge ist die Herde. Betrachtet man das Nutztier in seinem Herdenzusammenhang, so tritt der Unterschied zwischen dem Einzeltier und dem Ganzen in den Hintergrund und es kommt einem so vor, als sei die Herde ein einziges großes Wesen. Insbesondere wenn Kühe, Schafe oder Ziegen auf die Weide ziehen oder von der Weide hereingeholt werden, sieht man die geheimnisvolle Einigkeit der Vielen. Und auch, wenn man zum Beispiel das Leittier streichelt, wirkt es oft so, als öffne sich in der ganzen Herde ein Wahrnehmungsorgan für das, was das Leittier gerade empfängt und weiterreicht. Die Tiere sind in so intensiver Weise Teil ihres Herdenzusammenhanges, dass dieser Zusammenhang auch nicht stirbt, wenn ein einzelnes Tier verendet und die Seins-Ebene wechselt. Wenn ein Muttertier, aus welchen Gründen auch immer, die Herde verlassen hat, kommt mir diese Herde eine Weile wie ein Mensch vor, dem man einen Backenzahn gezogen hat. Etwas fehlt, etwas tut weh, es muss sich eine bestimmte Stelle erst wieder schließen! Und dann ist es wieder gut.

Für die meisten Tiere gibt es, nach einem körperlich aktiven, sinnlich-emotionalen und immer todesnahen Leben in der irdischen Ewigkeit, die folgenden Sterbe-Möglichkeiten: Die Tötung auf einer Jagd durch ein anderes Lebewesen (sei es Tier oder Mensch), die Tötung durch Schlachtung, das Sterben als Folge eines Unfalls, einer Krankheit oder einer Verletzung (z.B. im Rangkampf), das Verhungern (sehr häufig!) und das Sterben aus Altersschwäche. All diese Todesarten erzeugen in den Tieren kurze oder auch länger anhaltende Schmerzen. Es kann unser Ziel sein, diese Schmerzen zu lindern und zu beschränken, nicht aber, sie abzuschaffen. Außerdem sind jene Formen des Sterbens, die nicht absichtlich vom Menschen herbeigeführt werden, in der Regel langwieriger und schmerzhafter.

Aus menschlicher Sicht

Die Art und Weise, wie die meisten Tiere dem Tod letztlich begegnen, zeugt von einer Art innerer Größe, die zu beschreiben mir nicht möglich ist, die aber erneut auf einen Unterschied zwischen Mensch und Tier hinweist. Es gibt da immer wieder einen Moment der Akzeptanz, ja, der Hingabe, der mich beeindruckt. Aus der Nähe betrachtet, verliert der Tiertod seine angsteinflößende Abgründigkeit. (Das bezeugen übrigens auch viele Menschen, die mit einem natürlichen menschlichen Sterbevorgang in Berührung gekommen sind.[2]) Die Ferne des Todes und die Verbannung des Sterbens aus unserer unmittelbaren Lebenssphäre schürt die extremen Vorstellungen. Das Sterben der Tiere ist anders, als unser Kopfkino uns weismachen will. Man kommt zu diesem Sterben in eine Beziehung, man lernt es in das eigene System zu integrieren, man schaut die Tiere einige Tage anders an, spricht einige Tage im Innern mit ihnen, sagt ihnen, dass es wohl bald soweit ist, streichelt das eine oder andere vielleicht etwas länger als sonst. Und die Jungtiere entwachsen einem auch. Man fährt kein süßes, herzerwärmendes Lämmlein oder Kälblein zum Schlachter, sondern eine Gruppe ein- oder anderthalbjähriger, feister Kreaturen, die einem die Haare vom Kopf fressen und die sich nicht selten unaufhörlich gegenseitig bespringen. Man hat Sympathie mit ihnen, ja, sonst hätte man sie nicht das ganze Jahr über zwei Mal am Tag mit allem versorgt, was es für ein vergnügliches Tierleben braucht. Und man ist ihnen dankbar, dafür, dass man sich an ihnen erfreuen durfte, als sie noch klein waren, und dafür, dass wegen ihnen die Milch fließt und die Herde besteht. Aber man weiß auch: Diese Herde kann nicht immer weiterwachsen. Das hat Grenzen. Es ist die überschüssige Kraft der Natur, die an irgendeiner Stelle abfließen muss. Wie gut wäre es, wir würden diese Kraft einfach mal dankbar entgegennehmen und mit ihr etwas Schönes und Gutes anstellen.

Ein Freund erzählte mir kürzlich, er habe auf einem Seminar eine Frau kennengelernt, die in Hamburg bei einem Unternehmen für Satellitentechnik arbeitet. Sie habe mit ungläubigem Erstaunen reagiert, als mein Bekannter ihr erzählte, dass er es mittlerweile als störend erlebe, dass sich am nächtlichen Sternenhimmel permanent Satelliten bewegen. „Wie“, hatte sie gesagt, „kann man die sehen?“ Derselbe Freund erzählte weiter, er habe eine Kundin bei sich in der Werkstatt gehabt, die beruflich für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt tätig war. Es war spät geworden und die Frau hatte beschlossen, das Gästesofa in Anspruch zu nehmen und die Nacht im Wendland zu verbringen. Des Abends hatte sie zu dem klaren, wendländischen Sternenhimmel hinaufgeschaut und gefragt, was denn das für ein langes, breites, milchiges Band am Himmel sei. Ich befürchte manchmal, dass dieser Zustand immer normaler wird. Wir modernen Menschen mischen uns mit unserem Denken und Urteilen permanent in Felder ein, von denen wir keine eigenen, unmittelbaren Eindrücke empfangen. Und so wird wohl auch dieser Text über das Leben und Sterben der Tiere nicht wenigen Menschen, die durchaus meinen, Bescheid zu wissen, sehr sehr fremd vorkommen, ebenso wie die Milchstraße der Frau aus dem Zentrum für Luft und Raumfahrt.

Dieser Text ist ein Auszug aus: Kenneth Anders und Myrthe Jentgens, Es ist beides da und es ist beides wahr. Über den Selbsterhalt in zerrissener Zeit, Aufland Verlag Croustillier (2025)


[1] Bisherige Versuche, ohne tierischen Dung auszukommen, sind nur auf absoluten Premiumböden zeitweise erfolgreich gewesen. Allerdings gibt es auch bezüglich dieser allerbesten Standorte noch keine Daten über die Langzeitfolgen einer solchen Vorgehensweise für die Bodenstruktur und die Fruchtbarkeit. In den Bio-Gärtnereien gibt es außerdem bis heute keine funktionierende Alternative für die unverzichtbaren Haarmehlpellets und Hornspäne.

[2] In einmalig genauer und liebevoller Weise beschreibt zum Beispiel die Autorin Maren Wurster das Altwerden ihrer Eltern und das Sterben ihres Vaters, bei dem sie eine dreitägige Totenwache gehalten hat.

12. Mai 2026