Der herbe Winter hat sich zurückgezogen. Die Sonne scheint mit einer wilden Entschlossenheit, der Wind macht Pause. Die Wiesen sind noch fahl, aber die Vögel legen schon los. Der letzte Raureif lässt sich unschwer vom Auto kratzen. An dem Tag, an dem er ganz ausbleibt, steige ich endlich wieder aufs Fahrrad. Ich fahre unter den alten Eschen auf der Landstraße durch das Oderbruch, diese aufgeräumte und zugleich verschlungene Landschaft.
Auf meiner Strecke muss ich oft an das 1947er Hochwasser denken. Der Altranfter Ulrich Nickel schreibt in seinen Erinnerungen, dass die Bäume damals von heftigen Wogen umspült waren. Wollte man mit dem Boot nach Neureetz übersetzen, musste man aufpassen, ihnen nicht allzu nahe zu kommen, die schweren Kähne wären daran zerschellt. Es berührt mich, dass es teilweise immer noch dieselben Bäume sind, unter deren bald wieder grünem Schirm ich heute fahre, die damals diese dramatischen Ereignisse erlebten. Nach und nach werden einige altersschwach, in den letzten Jahren wurde deshalb an einigen Stellen nachgepflanzt. Das war mühsam, denn man wollte es mit Eichen versuchen, und Eichen sind als Alleebäume außerordentlich schwer zu etablieren. An einigen Stellen musste zwei Mal nachgepflanzt werden, um die Allee zu erhalten.
Es ist überhaupt eine alte Straße, an der diese Bäume stehen. Sie verläuft leicht erhöht, wie auf einem flachen Damm. An einer Stelle steht ein alter Grenzstein, der die früheren Landkreise Königsberg (Neumark) und Oberbarnim voneinander trennte. Die Felder ringsum waren nicht immer so sauber geebnet und bearbeitet, wie das heute der Fall ist. Der ganze Abschnitt gehörte einst zum Verlauf der Alten Oder, die sich hier, am westlichen Rand des Bruchs, bereits in Richtung Freienwalde schob, wo sie sich noch einmal zur breiten Hechtsee verbreiterte.
Siegfried Siewert, der in den zwanziger Jahren im einzigen Haus entlang dieser Straße geboren wurde, berichtet in seinen Erinnerungen, dass sein Vater, nachdem er seinen westpreußischen Hof infolge des Ersten Weltkrieges verlassen musste, hier neu gesiedelt und die ringsum liegendem Flächen günstig als „Unland“ gekauft hatte. Man hatte ihm gesagt, dass diese Niederungen kaum erfolgreich in Kultur gebracht werden können. Er aber hatte es geschafft, indem er sie mehrere Jahre pflügte und eggte, ohne etwas ernten zu wollen. Mit Luft und Gründüngung war aus dem Unland ein Acker geworden, der heute sehr fruchtbar ist.
Wenn man auf der alten Straße mit dem Fahrrad fährt, hat man Zeit, sich all diese Dinge in Erinnerung zu rufen. Jeder Meter erzählt eine Geschichte. Auf dem Deich, der sich schon von weitem ankündigt, ist in den dreißiger Jahren ein Mord geschehen. Direkt daneben, an der Brücke über die Alte Oder, befand sich eine Badestelle, die die Kinder aus den umliegenden Dörfern genutzt hatten. Heute wird hier nicht mehr gebadet.
Es ist schön, die alten Bäume auf dem sauber gemähten Straßenbankett zu sehen. Im Märzlicht werfen sie ihre scharfen Schatten auf die teilweise schon bestellten Felder. Die dahinter liegenden alten Kopfweiden sind in diesem Jahr wieder einmal gepflegt worden. Es war eindeutig zu spät, denn viele waren inzwischen von der Last der zu groß gewordenen Äste auseinandergebrochen. Aber ich freue mich trotzdem.
Solange das Gras nicht wächst, sieht man alles, was am Straßenrand liegt, sehr genau. Auch auf den kahlen Feldern zeichnet sich jeder Gegenstand ab, ganz gleich, ob es sich um einen Ast oder um einen Kaffeebecher handelt. Oder um eine leere Schnapsflasche. Oder um eine Büchse, die mal ein Bier oder einen Energydrink enthielt. Oder um die Reste eines McDonalds-Menüs. Oder um einen aufgeplatzten Sack mit alten Windeln.
Ich frage mich, wo es in der Richtung, aus der ich komme, eine Tankstelle oder sonst einen Ort gibt, an dem man einen Kaffee zum Mitnehmen kaufen kann. Nein, gibt es nicht, höchstens in Polen. Aber es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass jemand, vom Grenzübergang Hohenwutzen kommend, hier entlangfährt. Es scheint mir eher so zu sein, dass die Kaffeebecher längst ausgetrunken in den Autos herumlagen. Und sich die Autofahrer auf den geraden zwei Kilometern zwischen Croustillier und Zuckerfabrik langweilen, weil ja gerade nichts passiert. Und nun kommen sie auf die Idee, ihr Auto von dem Müll zu befreien, der sich so angesammelt hat. Die Kaffeebecher liegen also nicht hier, weil jemand gedankenlos war. Nein, sie wurden hier entsorgt, genau wie der Sack Windeln.
Als ich jünger war, habe ich mir über so etwas keine Gedanken gemacht. Heute stört es mich, ja, es stört mich bis zur Verzweiflung. Denn es tut mir nicht nur weh, dass diese Landschaft, die ich liebe, wie ein Müllplatz behandelt wird. Angesichts dieser Hinterlassenschaften denke ich auch, dass die Menschen, die so etwas machen, nichts, aber auch gar nichts mit ihrer Umgebung anzufangen wissen. Sie ist nur ein Raumhindernis, das man dafür bestrafen kann, dass es sich zwischen einen selbst und sein Ziel schiebt. Wer einen Sack Windeln aus dem Auto wirft, der wird mit Sicherheit weder an den alten Grenzstein denken noch an das Hochwasser 47 oder an den Bauern, der hier aus Unland einen Acker machte. Er wird von all dem nichts wissen. Und vielleicht auch nichts wissen wollen.
Das macht mich traurig. Und ich fühle eine Ohnmacht, dieser schlechten Gewohnheit gegenüber. Mehr als das, ich empfinde einen anthropologischen Selbstzweifel: Vielleicht sind wir einfach eine blöde, wirklich bescheuerte Spezies. Dieser Gedanke lässt mich zusammenschrecken, und ich rufe mich zurück.
Als Student war ich einmal in Kalifornien. An den Straßen standen Schilder mit der Aufschrift „1000 Dollar Fine for Littering“. Ich weiß nicht, ob diese Schilder helfen. Ich weiß nicht, ob man so etwas überhaupt verfolgen und ahnden kann. Ich weiß auch nicht, ob ich hier bei uns überall solche Schilder in der Landschaft stehen haben möchte. Mich beschleicht das seltsame Gefühl, dass es besser für mich ist, den Müll einfach auszublenden. Die Lieblosigkeit gegenüber dem Raum in dem wir leben, nicht wahrzunehmen. So wie wir es überall tun. Denn der Wunsch nach einer Landschaft oder nach Städten ohne Müll gilt als Sauberkeitsfanatismus, als Sekundärtugend, die, zur Konsequenz getrieben, ja auch bei den Nationalsozialisten gepflegt wurde. In den KZs war es immer sauber und ordentlich. An dieser Stelle kommt das Denken zum Stillstand.
Etwas in dieser Art scheint uns daran zu hindern, uns eingehender mit dieser Sache zu befassen, die, das muss ich zugeben, wirklich schwer zu lösen ist. Die vor allem nicht von einem Einzelnen zu lösen ist, denn jeder, der begänne, diesen Leuten aufzulauern, die die ihre Windeln und Kippen und Flaschen aus dem Auto werfen, müsste zu einem lächerlichen Michael Kohlhaas werden.
Ich fahre über die Brücke hinweg und sehe das nächste Dorf vor mir. Auf dem letzten Straßenabschnitt kommt noch einmal eine Strecke, die sich offenbar gut für die Entsorgung von Müll eignet, aber es ist hier immer etwas weniger als in dem Abschnitt davor. Das gilt übrigens für beide Richtungen. Ich vermute, es liegt daran, dass der Abschnitt kürzer ist. Nicht alle sind so geistesgegenwärtig, ihre Chance vor der nächsten Kreuzung zu erkennen und gleich zu nutzen.
Bald passiere ich diese Kreuzung und einen abgehenden Weg mit Gehölzen. Hier stehen oft Männer zum Wasserlassen. Das verstehe ich, im Gegensatz zu dem Müll. Wenigstens das verstehe ich.
