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Kunst aufs Land

Meine Unsicherheit angesichts des Ausdruckstanzes

In letzter Zeit war ich mehrfach mit dem Tanz als einem künstlerischen Ausdrucksmittel konfrontiert. Ich leite ein Regionalmuseum, in dieser Eigenschaft bekomme ich manchmal Emails mit der Bitte um Unterstützung oder Zusammenarbeit. So ließ ich mich vor drei Jahren auf eine Sommerschule ein, in der eine junge Frau gemeinsam mit den Studenten in tänzerischer Form unser Jahresthema „Natur“ verarbeiten wollte. Es kam zu einer Aufführung bei uns im Museumspark, bei der Regen, Hagel, Wind und Sonne dargestellt wurden. Den Studenten hat es Spaß gemacht, ich selbst war in Bezug auf das Ergebnis unsicher. Denn die Grundidee unserer Sommerschulen ist es, etwas aus den Gesprächen zu entwickeln, die wir in den Sommerschulwochen mit Menschen in unserer Landschaft führen. Und obwohl mir die junge Frau eben dies vorher zugesichert hatte, konnte ich in der Aufführung nichts davon finden.

Eine andere Künstlerin dachte mehr als ein Jahr lang darüber nach, eines ihrer performativen Projekte in meinem Umfeld anzusiedeln und ging dazu mit mir eine intensive Abstimmung. Ich habe einiges von ihr gesehen, und ich muss zugeben, dass mich die unmittelbare Kraft, die von ihr ausgeht, erfasst und im guten Sinne beunruhigt. Man wird angesichts des von ihr körperlich dargestellten Ausdrucks von Leid, Aufruhr oder Furcht in einer Weise auf sich zurückgeworfen, dass man ins Straucheln kommt. Das verlangt einem einiges ab, man muss seine bürgerliche Wohlfühlhaltung verlassen, die man etwa in einem Sinfoniekonzert einnehmen kann. Und das spricht meines Erachtens durchaus für diese Kunstform. Der Tanz ist also ein starkes Ausdrucksmittel, vor dem ich Respekt habe.

Dieser Respekt hat aber noch ein zweites Gesicht, und das hat mit meiner Unkenntnis des Genres zu tun. Ich bin, was das Tanzen und den künstlerischen Ausdruck des Körpers anbetrifft, einfach ungebildet. Nur selten habe ich mir Ballettaufführungen angesehen, und im freien Tanz kenne ich mich auch nicht aus. Ich kann also nicht einschätzen, ob das, was da gemacht wird, wirklich einer kritischen Betrachtung standhält. Man hat nur sein Gefühl, und manchmal springt das Gefühl nicht an. Ich habe den Eindruck, dass überhaupt nur wenige Menschen Ahnung vom Tanz als Kunstform haben, sodass auch die anderen in dieser Sache leicht ins Schwimmen kommen.

Insofern sah ich die Pläne der erwähnten Künstlerin, etwas in meinem Aktionsradius zu erarbeiten, das ich ja schließlich vor Ort zu verantworten hätte, mit einer gewissen Bangigkeit. Es war abzusehen, dass es nicht leicht sein würde, ihre Arbeit in der hiesigen ländlichen Gesellschaft, für die ich Kultur mache, angemessen zu vermitteln. Der reine, performative Ausdruck des Körpers ist etwas anderes als ein Line-Dance im Dorfverein. Er ist für die Leute hier ganz und gar fremd. Ich arbeite dagegen mit Inhalten, zu denen die Menschen selbst auch Zugang haben, mit ihrer Sprache, ihren Erzählungen und ihrem Wissen, die sind mein Material, sodass sich die Leute letztlich – wenn ihnen die Formen schon fremd sind – selbst darin wiederfinden können. Als sich die Künstlerin schließlich entschloss, ihre Pläne hier fallen zu lassen, war ich deshalb auch ein bisschen erleichtert.

Das Wachstum hybrider Kunstprojekte bei schwacher Nachfrage

Diese persönliche und durchaus zwiespältige Befangenheit kommt in letzter Zeit öfter in mir auf, zumal es den Anschein hat, dass Kunstprojekte, die sich des performativen Tanzes bedienen, gerade in Mode kommen. Eine Professorin für Tanz hatte zum Beispiel eine Performance entwickelt, bei der sich Menschen in Pilzkostümen über eine Freifläche bewegen. Mit den Pilzen sollte ausgedrückt werden, dass die Dörfer im Oderbruch slawische Wurzeln haben. Mal von der Frage abgesehen, ob das stimmt, ich habe nachgesehen: Die Kostüme sahen wirklich aus wie Speisepilze, bräunlich und mit Hut, wie im Märchenwald. Die Produktion war schon finanziert, es ging nur noch darum, einen geeigneten Ort zur Aufführung zu finden, und natürlich sollte auch ein Publikum herbeigeschafft werden.

Es meldete sich auch eine Frau aus dem Ruhrgebiet mit einer Tanzperformance, um sich als Kooperationspartnerin anzubieten. Ich habe mir ihre – ebenfalls öffentlich finanzierte – Arbeit im Internet angesehen. Sie verschwand zunächst hinter einer Stoffwand, um eine Geschichte über ihre Wurzeln im Odergebiet zu erzählen (Wurzeln scheinen, auch im Zeitalter der Weltoffenheit, etwas Gutes zu sein). Danach trat sie, nur leicht mit einem goldenen Gewand bekleidet, vor das Publikum und stellte in schlingernden Bewegungen eine Goldalge dar; eben jene Pflanze, an der 2022 in der Oder Millionen Fische gestorben waren. Die Performance, so wird es in dem Begleitschreiben erklärt, zielte auf einen Perspektivwechsel ab, infolgedessen wir uns mit dem identifizieren sollten, was uns bedroht. So könnten wir ein neues Verhältnis zur Natur gewinnen. Bei Kunstprojekten dieser Art wird viel begleitend erläutert, die Bedeutungen werden verbal in einer raunenden Sprache mitgeliefert. Es geht um „komplexe Themen wie ökologische Krisen, Migration und Grenzziehungen“, die „auf sinnliche und nachdenkliche Weise erfahrbar“ gemacht werden sollen. Oder es geht um „Erinnerungspolitiken und Identitätskonstruktionen.“ Etwas in der Art.

Beliebt sind auch Festivals, bei denen Umweltthemen behandelt und Identitäten hinterfragt werden. Mit den Mitteln der Kunst geht man also in den öffentlichen Raum: Performance und Tanz mit bunten Tüchern sorgen für wirkungsvolle Inszenierungen, flankiert vielleicht mit einem Diskussionsformat. Diese Veranstaltungen haben offenbar keine Not, eine Finanzierung zu bekommen.

Schwieriger dagegen scheint es, Besucher zu überzeugen, an ihnen teilzunehmen. Deshalb mobilisieren manche der Initiatoren ihre städtischen Freunde und Kollegen als Zuschauer, manchmal klappt das, wer fährt nicht mal gern raus aufs Land, jedenfalls wenn das Wetter schön ist? Aber ist es nicht bedauerlich, dass die Menschen aus der ländlichen Umgebung, in der diese neuen Kunstprojekte wirkungsvoll platziert werden, sich kaum blicken lassen, um sich das mal anzusehen?

Nun, es ist ihre freie Entscheidung, sie können sich einer Sache aussetzen oder eben fernbleiben. Dass die Wahl eher auf die zweite Möglichkeit fällt, kenne ich aus dem Oderbruch durchaus. Ich schreibe Theaterstücke, die vom hiesigen Leben handeln, von der Landwirtschaft, den Freiwilligen Feuerwehren oder den Dorfkirchen. Und es gibt tatsächlich Leute, die meine Arbeit vielleicht nicht gerade geringschätzen, sich aber auf keinen Fall in eine der Aufführungen setzen würden, die ich produziere. Denn sie haben ein Unbehagen, sie fürchten, sie könnten sich langweilen oder womöglich sogar vor eine unangenehme Alterative gestellt werden: Entweder ich werde hier verarscht, oder ich bin zu dumm. Und da sie diese Alternative sowohl mir als auch sich ersparen wollen, bleiben sie lieber fern.

Diese Rezeptionsschwelle ist bei einem Buch, einem Bild, einem Film oder einem Stück Musik in der Regel niedriger. Da kann man beiläufiger einen Blick oder ein Ohr riskieren, und man muss sich auch nicht mit bedeutungsschwangeren Themen herumärgern. Folglich habe ich mir übrigens abgewöhnt, bei künstlerischen Produkten zu erläutern, was sie bedeuten sollen. Die Leute müssen erst mal kommen, und dann sollten sie das selbst erkennen, sonst war man nicht erfolgreich. In jedem künstlerischen Produkt, das ich verantworte, steckt Vertrauensarbeit. Es geht nicht allein darum, ein Theaterstück oder eine Ausstellung zu produzieren, mindestens ebenso wichtig ist es, eine ehrliche Einladung an die Menschen auszusprechen und ihnen glaubhaft zu machen, dass sie sich nicht langweilen werden, und vor allem, dass sie mit der künstlerischen Unternehmung auch gemeint sind. Und dann alles dafür zu tun, dieses Versprechen am Ende auch einzulösen. Der Rest ist Hoffen und Bangen.

Lehrgeld und Beziehungsarbeit

In Anbetracht der über zwanzigjährigen Beziehungsarbeit, die ich in „mein“ heimisches Publikum investiert habe, sodass inzwischen tatsächlich so mancher Oderbrücher meinen Einladungen folgt, macht es mich nun aber nervös, wenn Kollegen aus den Städten hierherkommen und in derselben Gegend ihre über irgendwelche Förderprogramme ausfinanzierten Formate feilbieten. Ich habe nämlich Sorge, dass es sich dabei um leichtfertige Produktionen handelt, von denen ich nicht möchte, dass sie mit meinen verwechselt werden. Ich fürchte, dass die Bereitschaft der Menschen vor Ort, sich einer künstlerischen Arbeit auszusetzen, durch diese Angebote Schaden nimmt. Man kann ja nicht überall hingehen und beteuern, dass man mit einer Sache nichts zu tun hat, das würde einen komischen Eindruck machen. Ich weiß, das ist keine sehr robuste Haltung, und es kann auch sein, dass ich den Kollegen unrecht tue. Deshalb möchte ich erläutern, dass ich auf dem Weg zu einem gewissen Vertrauen der regionalen Öffentlichkeit, dass diese meiner Arbeit entgegenbringt, selbst manches Lehrgeld zahlen musste.

Im Jahr 2008 haben wir unter dem Titel „Oderbruchfiktionen“ Szenarien für die Zukunft dieser Landschaft geschrieben, die auf Litfaßsäulen, mit einer begleitenden Broschüre und in Diskussionsrunden durch die Region geschickt wurden, teilweise mit musikalischer Unterstützung. Das war inhaltlich und gestalterisch nicht dumm, aber es erschreckte viele Menschen, weil ihnen das Spielerische im Umgang mit potenziellen Hochwasserkatastrophen oder Naturschutzgroßprojekten einfach abging; kein Wunder, sie waren und sind ja existenziell von diesen Gefahren betroffen. Wir sind damals sehr für dieses Projekt angegriffen worden, das Ganze hätte auch total schief gehen können. In diesem Fall hätte ich nie wieder bei irgendeiner Gemeindevertretung oder bei einem Bürgermeister um Unterstützung zu fragen brauchen, was ich später oft getan habe. Als die Ortsvorsteherin von Neulewin, die zu den erbitterten Gegnern des Szenarienprojekts gehört hatte, drei Jahre später bei einer öffentlichen Veranstaltung die Broschüre von damals aus der Tasche holte und sagte, eigentlich bildeten diese Geschichten genau das ab, womit man sich im Oderbruch auseinandersetzen müsste, war ich sehr erleichtert. Mir war aber auch klar, dass glückliche Umstände und eine Menge Fürsprecher diesen versöhnlichen Ausgang ermöglicht hatten. Einschließlich der Tatsache, dass wir uns der schwierigen Diskussion damals auch gestellt hatten.

Als dann aber, nochmal zwei Jahre später, mit Hilfe einer überregionalen Förderung ein Projektbüro in der Nachbargemeinde aufschlug und Entwicklungsszenarien für das Oderbruch erarbeiten wollte, die auf Litfaßsäulen gezeigt werden sollten, war ich doch konsterniert. Es ging mir nicht nur darum, dass die Sache ganz schön geklaut wirkte, vielmehr unterschätzten die Mitarbeiter der Agentur offensichtlich die Komplexität einer solchen Kommunikation. Ich schlug also die Einladung zu einem der begleitenden World-Cafés aus, was mir wiederum als Platzhirschverhalten ausgelegt wurde. So nehmen es wahrscheinlich auch die oben genannten Performance-Künstlerinnen wahr, wenn ich mich vor ihren Anliegen in Sicherheit bringe.

Oder nehmen wir meine Kolumnen, Texte wie dieser, mit denen ich seit 2009 versuche, meine Erfahrungen über das Leben auf dem Land im Kontrast zu den gesellschaftlichen Diskursen auszuwerten. Wie oft lag ich im Ton daneben oder war vorschnell im Urteil, wie oft war die Argumentation gespreizt oder selbstgerecht? Was ermächtigt mich eigentlich, einfach so über die Leute hier zu schreiben? Die ja meine Nachbarn sind? Die schreiben ja auch nicht über mich. Das ist eine sensible Angelegenheit. Als ich vor einigen Jahren bei einem ländlichen Kultur-Festival den Tagebuch-Aufzeichnungen eines Neu-Oderbrüchers zuhörte, war ich beschämt über die Art, wie er die Menschen in seinen Texten bloßstellte. Ich schämte mich für ihn, aber zur Sicherheit schämte ich mich gleich noch ein bisschen für mich. Denn es lässt sich einfach nicht mit Gewissheit sagen, dass ich die Schicksale der anderen immer mit dem nötigen Anstand behandelt habe.

Erfahrungen in der Wissenschaft

Den ersten Jahren meiner kulturellen Aktivität im Oderbruch konnte man immerhin zugutehalten, dass wir keine oder nur sehr bescheidene Fördermittel für unser Tun in Anspruch nahmen. Vielleicht gab es mal ein paar Lottomittel, um etwas drucken zu lassen, als Erwerbsarbeit konnte man es aber nicht bezeichnen. Unser Geld verdienten wir damals mit Forschungsprojekten zur nachhaltigen Landschaftsentwicklung in anderen Regionen. Allerdings stellte sich auch hier in zunehmendem Maße die Frage, wie unser Tun eigentlich gegenüber jenen Menschen, die in den beforschten Landschaften lebten und arbeiteten, zu rechtfertigen war. Wir konnten uns zwar immer auf die Fahnen schreiben, in diesen Forschungsprojekten die Sichtweisen der betroffenen Menschen gegenüber der Wissenschaft (und Politik) geltend zu machen, und so immerhin eine Art Sprecherfunktion für uns reklamieren. Aber wenn man die üppige finanzielle Ausstattung dieser wissenschaftlichen Verbundprojekte und ihren meist zweifelhaften Output ins Verhältnis zu den täglichen Nöten der befragten Landbewohner setzte, kam man einfach ins Schlingern. Man wird in der Wissenschaft nach Tarifen bezahlt, die im „normalen“ ländlichen Leben undenkbar sind. Und natürlich interessiert sich kein Mensch für die Ergebnisse, die diese Forschungsprojekte hervorbringen. Sofern von „Ergebnissen“ überhaupt gesprochen werden kann.

Die Logik der Förderschwerpunkte im deutschen Wissenschaftsbetrieb richtet sich nach den jeweils angesagten Themen. Heißt es, die Biodiversität ist in Gefahr, dann gibt es Gelder für Biodiversitätsforschung. Wird als das eigentliche Problem der Klimawandel ausgemacht, wirft man die Klimaforschung an. Und macht man sich in Bonn und Berlin Sorgen um die Provinz, dann gibt es eben Forschungsmittel zum Thema „ländlicher Raum“. Sind die Projekte schließlich abgeschlossen, setzt sich niemand mehr mit dem auseinander, was nach drei oder gar fünf Jahren wissenschaftlicher Forschung herausgekommen ist, denn längst wird eine andere Sau durchs Dorf getrieben. Eben diese Erfahrung war es, die meinen Freund und Kollegen Lars und mich schließlich motivierte, unsere Arbeit, die ja immer auf das öffentliche Gespräch über die Entwicklung unserer Landschaften gerichtet ist, stärker im kulturellen Feld anzusiedeln.

Wer die neuen Kulturprojekte finanziert

Was finden wir hier vor? Die Kultur-Macher werden schlechter bezahlt als jene in der Wissenschaft, aber auch in der Kultur werden immer mehr Gerichte gekocht, die vor Ort niemand bestellt hat, und die, wie gesagt, auch nicht immer jemand essen will. Und wer bezahlt diese Projekte?

Die Antwort ist einfach: Wenn es sich um „Nachhaltigkeit“ oder um „Identitätskonstruktionen“ handelt, dann werden es nicht die Kommunen sein, und nur selten die Länder. Denn die Städte und Gemeinden, die Landkreise und Bundesländer tragen bereits Verantwortung für Kulturinstitutionen und Vereine, für Museen, Theater, Orchester, Musikschulen oder für Orte der kulturellen Bildung. Und sie müssen sich in erster Linie darauf konzentrieren, dieser Verantwortung gerecht zu werden, was manchmal schwer genug ist. Zudem können sie am besten einschätzen, was die Menschen wirklich brauchen und wollen. Und, um es höflich zu sagen: Identitätskomplexitäten gehören nicht dazu.

In meiner Jugend hieß es noch, in der Bundesrepublik Deutschland sei die Kultur eine Sache der Länder und vor allem der Kommunen, und es sei eine freiwillige Aufgabe. Ich dachte damals nicht darüber nach, aber aus heutiger Sicht scheint es mir logisch. Die vor einigen Jahren anschwellende Kampagne „Kultur ins Grundgesetz“, die in der Corona-Zeit in sich zusammenfiel, zielte dagegen darauf, die Entscheidung darüber, wofür die Menschen ihre Steuergelder ausgeben möchten und wofür nicht, durch einen Bypass auszuklammern und an diese Stelle möglichst eloquente Nachweise der angestrebten Wichtigkeit des eigenen Tuns zu setzen. Man wollte eine Rechtslage schaffen, ohne sich der Schwierigkeit zu stellen, dass ein Blasorchester und eine Tanzperformance oder ein Museum und ein Festival jeweils Kultur sind, dass also die Wahl, wofür denn die Mittel letztlich ausgegeben werden, mit der Festschreibung pflichtiger Kulturaufgaben keineswegs getroffen ist. Es sei denn, man spekulierte darauf, den Menschen vor Ort diese Entscheidung einfach abzunehmen und sie direkt mit der Regierung zu klären.

Und so sieht es zunehmend auch aus. Spätestens seit den Projekten aus dem „Neustart“-Programm der letzten beiden Regierungen wird auf Bundesebene sehr viel Geld für Kultur in den ländlichen Regionen ausgegeben. Auf den zahlreich stattfindenden Kongressen zur ländlichen Kulturarbeit ist nicht zu übersehen, dass hier mit öffentlichen Mitteln ein Markt entstanden ist, auf dem sich tausende Menschen tummeln. Dieser Markt, so scheint es, wächst immer noch weiter, dementsprechend steigen auch die oben genannten Kooperationsanfragen. Damit steigt aber zugleich die Notwendigkeit, den Sinn und die Wirksamkeit der eingesetzten Mittel kritisch zu reflektieren.

Eine vergleichsweise hohe Plausibilität können in diesem Kontext Förderprogramme beanspruchen, die über bundesweite Verbände vergeben werden, welche z.B. die Amateurmusik, die darstellenden oder bildenden Künste oder andere kulturelle Formen pflegen. Sofern diese Verbände Bundesmittel erhalten, um z.B. einjährige und eher kleine Projekte zu fördern, geschieht dies innerhalb eines gewachsenen fachlichen Rahmens, in dem Qualitätsfragen gestellt und beantwortet werden können. Natürlich ist es auch hier geboten, kritisch zu reflektieren, inwiefern der Zirkel aus künstlerischer Praxis, fachlicher Deutung und medialer Spiegelung noch in irgendeiner Weise mit einer Nachfrage in Deckung gebracht werden kann. Denn man mache sich nichts vor: Die einstige „Gewaltenteilung“ zwischen Presse, Universität, Fachverband und Politik ist längst in Auflösung begriffen. Die meisten Bücher erscheinen heute dank öffentlicher Unterstützung, und die Mechanismen der Verteilung sind, nun ja, unübersichtlich. Ich nahm vor einiger Zeit an einer Lesung teil, bei der mir die seltsam genau geschilderten lebensstilistischen Merkmale der Romanheldin auffielen. Sie trug helle Leinenhosen, und ernährte sich vegan. Als ich die Autorin fragte, wie diese recht unpoetischen Angaben in ihr Buch kämen, hab sie mir recht und antwortete, sie bekäme ein Coaching von ihrem Verlag, das an ihr Stipendium gekoppelt sei. Und darin würden nun einmal solche Vorgaben gemacht. Was für eine Literatur soll daraus entstehen?

Selbst dort, wo unzweifelhaft ein gutes und genuin künstlerisches Anliegen verfolgt wird, beeindruckt das Desinteresse an dem, was bereits da ist. Nehmen wir diese Initiative für Kultur auf dem Land, in der Kinder avancierte Musik machen sollen, und die sich mit einem Kooperationsanliegen an uns wendet. Mit jenen Musikern, die in der Region bereits mit Kindern arbeiten, hat man natürlich nicht gesprochen, auch möchte man nicht wirklich eine Mitwirkung an dem Projekt durch uns erreichen: Wir sollen nur Kinder besorgen, die das Angebot wahrnehmen, denn das Projekt ist schon bezahlt, und nun muss es, damit es erfolgreich abgerechnet werden kann, auch durchgeführt werden. Aber warum wird überhaupt ein Projekt finanziert, das ohne jene geplant wird, die eine Verantwortung für die Kinder und Jugendlichen einer Region tragen?

Bei den neuen „hybriden Kunstformen“ gibt es nun nicht einmal mehr das Korsett einer gewachsenen kulturellen Form. Folglich dringen politische Leitvorstellungen noch ungeschützter durch. Es gibt Projekte, die den Eindruck vermitteln, als ginge es den Betreibern vor allem darum, deklassierten Bewohnern von Plattenbausiedlungen das Gendern beizubringen. Als sei es das eigentliche Ziel, den größten Gong zu haben und damit den öffentlichen Raum zu beherrschen: Kultur als Ansiedlungsprogramm progressiver Kräfte im ländlichen Raum. Die Ignoranz, mit der Kulturproduzenten vielerorts an den bestehenden Strukturen vorbei in die Pampa geschickt werden, lässt kaum einen anderen Schluss zu.

Für wen wird diese neue Kultur, die nun auf das Land geschickt wird, also gemacht? Wie soll diese Kultur ohne Beziehungsarbeit funktionieren? Wie will man Beziehungsarbeit leisten, wenn man nur eben mal so vorbeischneit? Sollte man, wenn man schon Bundesmittel für den ländlichen Raum ausgibt, dieses Geld nicht eher den Kommunen geben, auf dass sie selbst entscheiden können, wie sie damit ihre eigenen gewachsenen Strukturen stärken können?

Das Staatsinteresse oder: Zu Gast im Bundestag

Eben diese Frage stellte ich im Bundestag in einer Gesprächsrunde zur Kultur auf dem Land, zu Gast bei der damaligen Abgeordneten unseres Wahlkreises, einem Mitglied des Kulturausschusses des Bundestages. Ich fragte die Abgeordnete: Worin genau besteht das kulturelle Förderinteresse des Bundes? Dessen Kulturausgaben steigen, aber im Verhältnis zu den Ausgaben der Länder und Kommunen ist es der reinste Wildwuchs! Könnte dies nicht die kommunalen Ausgaben sogar schwächen, wenn man die davon ausgehenden Effekte nicht beachtet? Müsste man sich das nicht mal anschauen?

Die Antwort: Das sei eine gute und berechtigte Frage, wie ja auch die vielen zuvor vorgetragenen Anliegen der Menschen aus dem Wahlkreis gezeigt hätten. Diese hatten Geld für neue Notenständer und Starthilfe für eine Museumssammlung und Reisekosten für einen Chor verlangt, und immer hatte die Abgeordnete etwas gequält geantwortet, das seien sicher alles wichtige Dinge, aber für eine Bundeskulturförderung eher nicht das Richtige, hier ginge es mehr um Innovation und Transformation. Aber leider, so die Abgeordnete, habe man sich im Kulturausschuss nicht darauf verständigen können, da mal eine Klärung herbeizuführen. Und nun sei ja die Legislaturperiode schon wieder halb vorbei.

Das ist nur eine Anekdote, aber dennoch sollte man sich über die Möglichkeiten einer Klärung der öffentlichen überregionalen Kulturförderung keine Illusionen machen. Ihr Wesen liegt gerade darin, politische Rhetoriken und Interessen zu vermischen. In Anbetracht eines immer angespannteren Bundeshaushalts wäre es ja naheliegend, diese Mittel zurückzufahren und zur früheren horizontalen Trennung zurückzukehren: Kultur als Sache der Länder und Kommunen. Man muss aber nur ein paar Jahrzehnte in die Vergangenheit schauen, um zu sehen: Der Staat schickte schon immer mal gern Kulturarbeiter aufs Land. Das war vor 50 oder 60 Jahren – zumindest in der DDR – ganz ähnlich. Und er gibt das Geld eben nie zur freien Verfügung auf die unteren Ebenen, denn er hat kein Vertrauen in das, was die Leute dort mit dem Geld anfangen würden. Zu DDR-Zeiten gab es wenigstens flächendeckend Kulturhäuser, in denen dieses Ringen zwischen dem Staat und den Menschen täglich ausgetragen werden konnte. So etwas haben wir heute nicht mehr.

Entscheidungen auf dem Glatteis

Ich habe in meinem Leben fast immer auf der Grundlage öffentlicher Mittel gearbeitet, darunter waren Bundesmittel, Landesmittel und kommunale Gelder. Im Oderbruch habe ich mit meinen Kollegen und Mitstreitern von einem großen Bundesprogramm profitiert. Mit dem dadurch finanzierten Projekt konnten wir fünf Jahre lang ein Museum in eine „Werkstatt für ländliche Kultur“ umbauen und neue Wege gehen. Durch die recht lange Dauer dieser Förderung konnten wir Dinge erreichen, die in Jahresfrist unmöglich gewesen wären. Ich weiß also, wovon ich spreche, und ich weiß auch, was ich diesen Entwicklungen verdanke: Mein ganzes Berufsleben hat sich dadurch verändert, und ich freue mich jeden Tag darüber, dass es uns gelungen ist, etwas aufzubauen, das, zumindest in meinen Augen, schön und sinnvoll ist.

Aber ich habe auch das tiefe Misstrauen der Menschen gegenüber dieser Förderung von oben wahrgenommen, das uns beinahe zu Fall gebracht hätte. Und es war letztlich der mühsam erarbeitete kommunale Rückhalt, der diese Mittel schließlich aufgefangen und in eine gelingende Perspektive gestellt hat. Dass dieser Rückhalt zustande kam, lag nicht nur an unserer Arbeit, sondern auch an einer ehrlich-skeptischen Mitwirkung durch die Landkreisverwaltung, an einer vorsichtig-beharrlichen Begleitung durch ein Landesministerium und nicht zuletzt an einer Kulturmanagerin auf Bundesebene, die mit persönlicher Neugier in Beziehung zu uns und zu unseren kommunalpolitischen Verantwortlichen ging. Von solcher Sorgfalt lässt sich nur selten sprechen.

Und doch ist es gerade die finanzielle Lage der Kommunen, die kaum Spielräume lässt, um einmal etwas zu probieren, neue Formate und Strukturen aufzubauen und einen Schritt über die Routine hinaus zu machen. Ich habe nun einmal etwas studiert und gelernt, mit dem man auf dem Markt kaum reüssieren kann, mit dem man also auf öffentliche Mittel angewiesen ist, auf Geld, das den Menschen vorher durch Steuern abgenommen worden ist. Als junger Mensch habe ich nicht darüber nachgedacht, was es bedeutet, dass ich mich mit meiner Studienfachwahl auf solches Glatteis begeben würde. Viel zu stark war der Genuss der Seminare und Vorlesungen, des Lesens in den Bibliotheken und nicht zuletzt des immer sichereren eigenen Schreibens und Sprechens. Aber auch, wenn ich mir derzeit manchmal wünsche, etwas „Richtiges“ gelernt zu haben, ein Handwerk oder einen landwirtschaftlichen Beruf, sodass der Broterwerb zwar schwer sein würde, aber immerhin keine Zweifel an seiner Ehrlichkeit aufkommen müssten, so muss ich doch nun, einmal in diese Bedingungen gestellt, versuchen, geradlinig und reflektiert durch diese hindurchzukommen. Deshalb achte ich auf drei Dinge:

Erstens: Es empfiehlt sich, jede Ausschreibung und erst recht die in der Antragstellung zu machenden Angaben genau durchzulesen und sich die einfache Frage zu stellen, ob die Sprache und die ausgegebenen Ziele der Ausschreibung Lust auf ihre Bearbeitung machen. Es gibt nämlich große Unterschiede hinsichtlich der kulturpolitischen Klugheit und der eingeräumten Selbständigkeit für die Mittelempfänger.

Zweitens sollte man prüfen, ob ein zwingendes begleitendes Coaching blüht. Dieses verschlingt nicht nur unangemessen große Summen der in Aussicht gestellten Mittel, es trägt auch zur wachsenden Gängelung und zur Fehlleitung der mobilisierten Energien bei. Verpflichtendes Coaching ist ein sicheres Indiz dafür, dass der Fördermittelgeber den Empfängern seiner Gelder nicht traut und Kontrolle ausüben will.

Drittens sollte man sich in der Beantragung nicht davon abbringen lassen, in eigenen Worten und ganz unverstellt die angestrebten Arbeitsweisen und Ziele dazulegen. Verfängt das nicht, ist es ohnehin besser, auf eine Förderung zu verzichten; hat man dagegen Erfolg, weiß man an der gegenüberliegenden Seite ernsthafte Menschen, mit denen die Zusammenarbeit auch anschließend möglich sein sollte.

In meiner Arbeit erlebe ich, dass ich einen sehr großen Teil dessen, was ich im Studium gelernt habe, bis heute wirklich nutzen kann, auch wenn es nur „graue“ Theorie war. Für mich war die Theorie nicht grau, für mich war sie ein weltaufschließender Kosmos. Und ich habe immer noch das Bedürfnis, diese Erfahrung in anderer Form auch an andere weitergeben zu können – der Freiheit des philosophischen Denkens, der Sicherheit einer reflektierten Begrifflichkeit, der Wärme des Verstehens und der Freude an der ästhetischen Qualität die durch Menschen, die dazu in der Lage sind, in die Welt kommt. Also mache ich das das, so lange es geht.

25. März 2026