Militarisierung meiner Bergstiefel

Als ich anfing, mich herumzutreiben, mit dem Fahrrad quer durch Polen oder bis ganz in den Osten der Slowakei und an Wochenenden wenigstens durch die Landschaften zwischen Ilm und Mulde, gab es einen einfachen Weg, sich auszurüsten. Damals wurden die Arsenale leergeräumt. Deshalb hatte ich eine Hose der Gebirgsjäger, eine ABC-Schutzplane und eine Zeltbahn der NVA als Regenschutz, eine sehr schöne schwedische Motorradfahrerjacke mit einknüpfbarem Innenfutter, die sich auch auf dem Fahrrad gut machte. Das alles war spottbillig und für mich als Schüler und Student bezahlbar. Manches kostete mich überhaupt nichts. Wie die Gasmaskentasche der Sowjetarmee, die ich in einer leeren Kaserne fand und die jahrelang ein treuer Begleiter wurde. Das klingt in der Summe etwas nach freak. Aber selbst meine kleine Schwester war zeitweise in sehr weiten BW-Hosen und US-Army-Rucksack unterwegs. 
Dies war weniger Ausdruck einer Begeisterung fürs Militärische, sondern vielmehr Spiegel des Umstands, dass ich mit dem Rad Gegenden durchquerte, die noch Jahre zuvor als Schlachtfeld für einen Schlagabtausch zwischen USA und UdSSR vorgesehen war. Dem waren wir glücklich entronnen. 

Eines war jedoch immer zivil: meine Schuhe. Seit Jahrzehnten trage ich dieselbe Sorte Bergstiefel. Vollleder. Schwer. Aber wasserdicht und sehr stabil. Wenn ein Paar verschlissen ist – das dauert so gut drei, vier Jahre – hol ich mir ein neues beim Bergsportladen meines Vertrauens an der Karl-Marx-Allee in Berlin. Da ich weiß, was ich will, dauert der Kauf normalerweise keine fünf Minuten: Ich nenne das Modell und sage vierundvierzigeinhalb. Der Verkäufer springt dann ins Lager und reicht mir den Karton. 

So ging das das seit zwanzig Jahren. Als ich im Februar in den Laden marschierte, sprang der Verkäufer nicht. Der Schuh war ausverkauft. Im März war der Schuh nicht vorrätig. Im April nicht lieferbar. Im Mai fragte ich, was da los sei. Der Verkäufer sah mich mit großen Augen an. Ob ich nicht wisse, was mit der Schuhfirma M. und der Schuhfirma L. los sei? – Nein … – Nu die ham’n Großauftrag. Vom Militär. Bundeswehr. Die machen jetzt Kampfstiefel … Gut. Barfuß muss ich nicht gehen. Das Regal ist voller Schuhe. Nun habe ich welche mit atmungsaktiven Membranen, grau, stabil, bequem, etwas teurer. 

Also egal? Keineswegs. Die Zeit, in der die alten Magazine geleert wurden, ist lang her. Ausrüstung, die ausgemustert war, ist nicht mehr für einen Appel und ein Ei zu haben. Irgendwann ist Schluss. War ja klar. Aber dass ein Bergstiefel nicht mehr für den zivilen Gebrauch zu erwerben ist, weil er für das Militär gebraucht wird, ist etwas anderes. Das Muster ist ähnlich – dual use – aber eben andersherum und deshalb ein Paradigmenwechsel: Am 5. Mai 2026 ist die Logik des Krieges ist im Bergsportladen angekommen. 

2. November 2026