Mist nach Hamburg fahren

— von Tina Veihelmann

Wenn die Menschen ein Alter erreichen, in dem die Kinder aus dem Haus, die Ausbildungen finanziert und überhaupt eine Menge Dinge erledigt sind, öffnet sich vor ihnen plötzlich ein Feld voller Möglichkeiten. In dieser Phase machen Leute manchmal seltsame Anschaffungen. Manche bauen Swimmingpools in ihre Gärten, die aus der Luft betrachtet wie seltsame knallblaue Punkte aussehen. Andere shoppen neue Aufsitzrasenmäher, mit denen sie ganze Maisfelder flachmähen könnten. Wieder andere kaufen ein Wohnmobil. 

Wie öfter in dieser Kolumne, erzähle ich von unseren Nachbarn. Wir haben mehrere Nachbarn im Dorf, daher dürfen sich alle gemeint fühlen, die hier leben und im besagten sensiblen Alter seltsame Anschaffungen machen. Ähnlichkeiten mit bestimmten lebenden Personen sind wie immer rein zufällig. 

Bei den Nachbarn, von denen ich spreche jedenfalls, stand eines Morgens ein nagelneues Wohnmobil im Garten. Es sah aus wie vom Himmel gefallen und war schneeweiß. Alle anderen Farben auf unseren Grundstücken scheinen darauf aus zu sein, sich mit der Zeit aneinander anzugleichen. Der weiße Putz unserer Häuser geht mit der Zeit ins Beige. Das Gras beginnt im Frühling mit forschem Grün und kommt am Ende des Sommers auch bei einem schmuddeligen Hellbraun heraus. Nichts, was es bei uns gibt, ist in seinen Farben rein. Nur das neue Wohnmobil bestand auf seinem Weiß. Es war so hoch, dass vom Kirschbaum neben der Einfahrt ein ganzes Stück abgesägt werden musste. Ich fragte mich, wozu unsere Nachbarn einen so raumgewaltigen Camper brauchten. Aber ich ließ mir erklären, dass er sehr praktisch sei. 

Um es einzuweihen, fuhr unser Nachbar mit seinem neuen Wohnmobil zum Skat. Die erste richtige Reise mit ihm ging nach Hamburg. Unsere Nachbarn haben nämlich eine Tochter, die dort lebt, und sie fanden es naheliegend, die Fahrt dorthin mit dem Camper zu machen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Zum Beispiel kann man, statt die lange Reise auf einmal zu machen, kurz vor den Toren Hamburgs das erste Mal übernachten, um dann morgens schon um sieben Uhr da zu sein. Außerdem hat man im Wohnmobil viel Platz und kann viele nützliche Dinge transportieren. Zum Beispiel die Tomatenpflanzen, die man für die Tochter gezogen hat, und die dank des guten Mists, den unsere Nachbarn haben, schon hoch gewachsen sind und toll aussehen. Den Mist haben unsere Nachbarn, weil sie Hühner halten. Wenn sie wegfahren, versorge die Hühner meistens ich. Und so machten wir es auch dieses Mal. Während das Wohnmobil schon fast abfahrtsbereit im Garten stand und unsere Nachbarin vor ihm die Transportgüter aufreihte, ging ich mit meinem Nachbarn zu den Hühnern, um mich einweisen zu lassen. 

Die Einweisung in die Hühnerbetreuung ist nicht ganz anspruchslos. Die Hühner unserer Nachbarn haben nämlich einen Stall und einen Auslauf und viele Nebengelasse, in denen sie spazieren gehen. Und dort gibt es tausendundeine Möglichkeit, wo Eier gelegt werden können und gesucht werden müssen. Es gibt Büsche, Nischen, ausgediente Badewannen und Regentonnen. Auch ein schwarzer Kater lebt hier zusammen mit dem Federvieh. Am Abend sperrt man ihn mit den Hühner ins Hühnerhaus, und morgens lässt man ihn wieder nach draußen. Diversity ist hier ein gelebtes Prinzip. Jedes Lebewesen darf selbst wählen, als was es sich fühlt.

Zurück am Wohnmobil, wird es jetzt ernst. Der Aufbruch steht bevor. Aufbrüche sind immer ein schwieriger Moment. Vor allem dann, wenn alles neu ist, neu riecht und gerade erst montiert worden ist. Die Mobiltoilette und der Raumsparkühlschrank, die Fächer und die modularen Schlafgelegenheiten. Und natürlich zeigt sich im allerletzten Moment, dass irgendein Teil doch verkehrt herum sitzt, und nicht funktioniert. Während ich herumstehe, als bräuchte man mich noch, rückt mein Nachbar mit seinem ganzen Sein der Technik zu Leibe. Mich beeindruckt das immer. Mann gegen Maschine. Augenblicke, in denen man alles vergisst und nur eine Sache zählt: Nämlich, ob der Raumsparkühlschrank am Ende schnurrt oder nicht. Ich bin dabei und fiebere mit. Das Riesenwohnmobil ist mir schon gar nicht mehr fremd. Mein Nachbar schafft es schließlich, alles so hinzufummeln, dass das kleine Weißgerät doch anspringt. Zufrieden beginnt es, die Luft in seinem Innenraum zu kühlen. Sogar die Beleuchtung geht. Fast sieht es aus, als sei alles gut. 

Jetzt wird eingeladen. Die Tomatenpflanzen, die Pappen mit den frischen Eiern, der selbstgemachte Schinken und das Gemüse aus dem Garten verschwinden im Wohnmobil. Alles, was die Hamburger bei sich in der Stadt nicht haben, und was man ihnen dank des tollen Stauraums nun mitbringen kann. Dazu die Koffer, das Bettzeug, das Picknick und so weiter. Mein Nachbar packt, – aber nicht irgendwie, sondern hochkonzentriert und mit System. Bis er innehält. „Heike!“, ruft er. „Was sind das für Säcke?“ Meine Nachbarn lieben es, sich auf ihrem Grundstück über große Distanzen hinweg zu unterhalten. Das machen sie deshalb gern, weil sie kräftige Stimmen haben, mit denen sie diese mühelos überwinden können. „Die Säcke?“, ruft Heike von irgendwoher, und erscheint kurz danach auf der Terrasse. „In den Säcken ist Mist.“ Dabei hält sie den Pegel, den sie eben noch brauchte, um von sonst-woher zu uns durchzudringen. Er verdeutlicht jetzt, dass der Satz eine unumstößliche Anordnung ist. „Ick fahre doch keinen Mist nach Hamburg!“, gibt mein Nachbar zurück. Aber er weiß schon, dass er verloren hat. „Doch“, bestimmt Heike. „Soll ich Tomatenpflanzen nach Hamburg fahren, die schon so schön gewachsen sind? Damit ich dann zuschauen kann, wie sie sofort die Blätter hängen lassen? Bloß, weil die Hamburger keinen Mist haben? Wozu haben wir denn den Platz?“ Außerdem sei der Mist längst verrottet. Es sei ein guter, sogar ein sehr guter Kompost. 

Manchmal ist es schön, wenn man beginnt, die Anschaffungen seiner Nachbarn zu verstehen. 

Namen wurden von der Autorin geändert.